Von Interview: Christoph Schäfer

Der Nationale Ethikrat gibt am Montag seine Empfehlung ab, ob das Stammzellgesetz verändert werden soll. Für Jörg Hinrich Hacker, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Infektionsbiologe, steht die Antwort fest.

sueddeutsche.de: Herr Hacker, am Montag nimmt der Nationale Ethikrat dazu Stellung, ob das Stammzellgesetz geändert werden sollte. Was raten Sie ihm?

Jörg Hinrich Hacker; Stammzellgesetz

Plädiert für eine Lockerung des Stammzellgesetzes: Jörg Hinrich Hacker (© Foto: DFG)

Anzeige

Jörg Hinrich Hacker: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft empfiehlt drei Änderungen: Erstens sollten wir auch in Deutschland mit menschlichen embryonalen Stammzellen arbeiten dürfen, die nach dem jetzigen Stichtag 1. Januar 2002 im Ausland hergestellt wurden. Zweitens empfehlen wir, die Strafandrohung für deutsche Wissenschaftler abzuschaffen, wenn sie beispielsweise in europäischen Projekten forschen, in denen mit späteren Stammzelllinien gearbeitet wird. Drittens sind wir dafür, dass Stammzellen künftig auch für diagnostische, präventive und therapeutische Zwecke genutzt werden dürfen - bisher sind diese Zellen nur für die Grundlagenforschung reserviert.

sueddeutsche.de: Deutsche Wissenschaftler können bereits jetzt auf mehr als ein Dutzend Stammzell-Linien zurückgreifen. Sind die neueren Zellen wirklich notwendig?

Hacker: Wir können zwar auf etwa 20 Zelllinien zurückgreifen, doch diese sind qualitativ schlecht. Sie weisen viele Veränderungen in den Erbsubstanzen auf und sind nicht nach einheitlichen Kriterien hergestellt worden. Außerdem wird international zunehmend mit Zelllinien gearbeitet, die nach 2002 entstanden sind. Dies führt dazu, dass wir unsere Forschungsdaten wissenschaftlich kaum noch vergleichen können.

sueddeutsche.de: Teile der SPD haben vorgeschlagen, den Stichtag auf den 1. Mai 2007 nachzudatieren, bei diesem Termin dann aber endgültig zu bleiben. Ist das sinnvoll?

Hacker: Ein Stichtag 1. Mai 2007 ist natürlich besser als der alte, insofern wäre das ein Fortschritt. Wir streben allerdings die Abschaffung des Stichtags an. Die jetzige Lösung ist im Jahr 2002 eingeführt worden um zu verhindern, dass deutsche Wissenschaftler ihre ausländischen Kollegen anstiften, Stammzell-Linien für sie herzustellen. Trotz des deutschen Gesetzes gibt es mittlerweile aber schon mehr als 500 solcher Linien. Von daher ist ein Stichtag schlicht unsinnig.

sueddeutsche.de: Der Stichtag ist nach monatelanger Debatte als Kompromiss zwischen Befürwortern und Gegner der Stammzellforschung verabschiedet worden. Halten Sie es für fair, diese Einigung bereits nach wenigen Jahren aufzukündigen?

Hacker: Der jetzige Kompromiss ist vor dem Hintergrund geschlossen worden, dass es einige dieser Linien gab und das Forschungsfeld neu war. International hat sich seitdem aber sehr viel getan. Es gibt neue Linien, die für die Forschung wesentlich besser geeignet sind. Insofern sind die Bedingungen anders.

Lesen Sie im zweiten Teil, welchen Nutzen die Stammzell-Forschung für die Heilung von schweren Krankheiten mit sich bringen könnte.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Ein Stichtag ist unsinnig"
  2. "Ein Stichtag ist unsinnig"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...