SZ: Hollywood-Diven werden von den großen Modehäusern aus Werbegründen gratis ausgestattet. Sind jetzt Stylisten die neuen Litfaßsäulen? Fashion-Blogs sind schließlich wahnsinnig populär.
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Dello Russo: Wir werden nie die Kommunikationsmacht von Schauspielern besitzen. Celebrities bleiben Celebrities. Wir sind nur Fashion People. Man kriegt nach wie vor ab und zu mal eine Tasche geschenkt. Sonst nichts. Hollywood-Stars verkaufen Träume, wir Modeleute ganz einfach nur die Möglichkeiten, wie man Mode einsetzen kann. Die Blogs sind nur ein Resonanzkörper der Mode . . .
SZ: ... aber doch ganz sicher eine neue Inspirationsquelle für Designer.
Dello Russo: Einen Einfluss auf deren Arbeit hat das bestimmt, vor allem im Hinblick auf Trendrecherchen. Aber es ist keine Werbefläche. Ich bin ein Fashion Victim, ich liebe Mode, und es ist schön für die anderen, mich bei diesem Amüsement mit Kleidern zu beobachten. Magisch wie die Traumwelten des Kinos oder der Kunst ist das nicht. Alles andere zu behaupten, wäre abgehoben.
SZ: Vor zehn Jahren wusste niemand außerhalb der Branche, wer Anna Wintour ist. Heute gibt die US-Vogue-Modechefin Grace Coddington Interviews im COS-Magazin . ..
Dello Russo: Ja, die Modewelt war mal sehr elitär und versnobt. Wir lebten in unserer abgeschirmten Welt und glaubten, das sei der Nabel der Welt. Das hat uns, glaube ich, ganz schön unsympathisch gemacht. Die Einstellung war sehr unmodern. Und auf einmal war die Mode an sich aus der Mode gekommen, während die Welt da draußen sich rasend schnell veränderte. Die Blogs haben der Mode ermöglicht, wieder ein Teil des wahren Lebens zu werden, ein Spion der Kultur, so wie es Musik und Kunst sind. Diese Demokratisierung war lebensnotwendig. Endlich ist es allen erlaubt, über Mode zu reden. Wie Tavi, die dreizehnjährige Bloggerin irgendwo aus Oregon, die plötzlich zu den Shows geladen wird! Aber wir müssen aufpassen, dass uns dieser momentane Celebrity-Status nicht über den Kopf wächst. Die Blogger sitzen plötzlich in der ersten Reihe neben Anna Wintour. Es ist eine Revolution im Gange. Aber wohin das führen wird, weiß ich auch nicht. Man fragt mich gerade ständig nach Interviews und Videos, und ich fühle mich natürlich geehrt, weil es schön ist, eine Art Botschafterin der Mode zu spielen. Aber plötzlich wie ein Star behandelt zu werden, ist schon übertrieben.
SZ: Vor allem weil man ja nur dafür gefeiert wird, gut angezogen zu sein.
Dello Russo: Kleider sind meine Art der Kommunikation, ob sie gefällt oder nicht. Mode kommuniziert immer unbewusst. Mode ist wie ein Stück Torte: Oben drauf sitzt die Kirsche, also das Kleid, und darunter finden sich unzählige Cremeschichten, mit verschiedenen Bedeutungen. Es gab schon immer Leute, die das Tortenstück einfach gedankenlos verschlungen haben. Und ja, die Gefahr der Oberflächlichkeit ist da. Ich bin froh, dass es die Blogger erst jetzt gibt, nachdem ich schon Karriere gemacht habe. Als junges Mädchen hätte man mich fotografiert, und ich hätte wahrscheinlich gedacht: Jetzt habe ich es geschafft. Eine Karriere in der Mode ist aber etwas anderes.
SZ: Sie sind also jetzt eine berühmte Virtuelle, aber Sie arbeiten ja auch immer noch für einen Print-Titel.
Dello Russo: Ja, aber ich konzentriere mich zurzeit sehr auf den Ausbau meiner Berater-Tätigkeiten. Zum Beispiel habe ich einen Kurs am ,,IED Istituto di Design'', das ist sehr interessant. Früher habe ich nur für Zeitschriften gearbeitet, heute glaube ich weniger an Print. Wir sind ja längst in andere Sphären aufgebrochen. Wir haben zu viele Zeitschriften und zu viele identische Informationen auf den Markt geworfen, und irgendwie ist es jetzt nicht mehr modern, in einer Zeitschrift zu blättern. Wunderschöne Bilder, aber nicht von heute. Deshalb habe ich wohl angefangen, den Leuten mit meinen Looks im Netz Geschichten zu erzählen.
SZ: Aber im wahren Leben läuft man nicht im Cocktailkleid über die Straße. Und auch nicht mit Mörder-High-Heels. Finden Sie, dass es sich Frauen heutzutage zu einfach machen?
Dello Russo: Ich sage immer: Mode bedeutet nicht Komfort. Wenn ich abends auf eine Party gehe, interessiert es mich nicht, ob ein halber Meter Schnee liegt: Ich ziehe dann was Partytaugliches an. In Wahrheit finde ich immer eine Entschuldigung für ein schönes Kleid. Das ist für mich ein therapeutisches Ritual: der Moment, wenn man sich ein Kleid überstreift, und dann den Schmuck auswählt. Aber es gibt im modernen Leben nun mal Momente, in denen man rennen muss - deswegen sind Turnschuhlooks natürlich absolut in Ordnung.
SZ: Dann sehen wir uns auf den Schauen...
Dello Russo: Dress up!
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(SZ vom 31.07.2010/fris)