Der selbsternannte Heiler

Bikram Chohdhury; Riva Verlag

Bikram perfektioniert den "Balancierten Stock". (© Foto: Riva)

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Bikram "heilte" mit seinem heißen Yoga bereits Sportler der nordamerikanischen Basketballliga NBA, die ihre Körper durch exzessives Training heruntergewirtschaftet hatten. Viele von ihnen hätten auf diese Weise ihre Leistungsfähigkeit auf Jahre verlängert. "Auch John McEnroe kam mit gesundheitlichen Problemen zu mir", erzählt der selbsternannte Heiler. "Danach hat er weitere sechs Jahre professionell Tennis gespielt." Yoga als Allround-Medizin?

Zuerst einmal fließt viel Schweiß, wenn der Guru mit Headset die Massen bewegt. Ununterbrochen tropft es von dem Unterschenkel des Vordermannes, der aufgrund des großen Andrangs im Münchner Trainingsraum nicht den nötigen Abstand halten kann. Die Flucht nach hinten ist unmöglich: Am anderen Ende der Matte stehen die Heizkörper, die erbarmungslos heiße Luft in den Raum pumpen.

Die Spiegelwand beschlägt. Erst als drei Frauen nach und nach auf ihren Matten pausieren und mehr als bewusst atmen, erlaubt der Meister, die Tür nach draußen für einen paar Minuten spaltbreit zu öffnen.

Die Redebeiträge des Gurus werden immer länger. Mal betont langsam, mal maschinengewehrgleich prasselt das akzentschwere Englisch auf das Fußvolk nieder. Der Meister hat verstanden, diese Truppe ist zwar willens, aber keineswegs fähig und schon gar nicht fortgeschritten.

Die Besten unter ihnen sind schnell ausgemacht: die Bikram-Trainerinnen aus dem Haus und eine weitere aus dem fernen Australien. Willkommene Musterschüler, um vorzuführen, wie biegsam ein echter "Bikram" sein muss: Die junge Frau sitzt in der "halben Schildkröten-Haltung", das heißt auf den Knien, mit der Stirn den Boden berührend, die Arme nach vorn ausgestreckt. Nicht ausgestreckt genug: Der Meister steigt auf ihren gebogenen Rücken. Dort verharrt er minutenlang - bis ein digitales Fotos von der stolzen Pose und dem gestreckten Rücken geschossen wird.

Kaltes Eisen und schönes Blech

Dasselbe Spiel bei der "Bogenhaltung", bei der Beine, Arme und Rücken einen 360-Grad-Winkel formen sollen. Wieder turnt die Australierin vor: Sie liegt auf dem Bauch, hebt die Beine, hält die Knie dabei im 90-Grad-Winkel. Gleichzeitig streckt sie den Oberkörper nach oben. Der Meister treibt sie soweit, dass sich Kopf und Füße über dem durchgebogenen Rücken berühren. "So sieht ein 360-Grad-Winkel aus", sagt er schließlich anerkennend. Die weniger begabten Yogis klatschen ehrfürchtig und erleichtert aus der Distanz.

Was nach Folter klingt, bedeutet für viele überzeugte Yogis Heilung. Joggen, Tennis, Schwimmen oder Aerobic lehnt Bikram konsequent ab. Sie würden auf Dauer den Körper zerstören: "Das ist, als würde der Schmied mit dem Hammer auf kaltes Eisen schlagen: Seine Hand und der Hammer brechen." Dass sein 16-jähriger Sohn an der Highschool lieber Basketball spielt und nur unregelmäßig Yoga praktiziert, quittiert er achselzuckend: "So ist das, wenn man in den USA lebt, da muss man mitspielen."

Gern predigt er, dass in den Augen der Inder der Okzident bis heute nicht "zivilisiert", sondern lediglich "materialistisch" sei. Die daraus resultierenden Krankheiten versuchten sie mit noch kranker machenden Medikamenten zu heilen. "Ich aber bin der größte Yogi der Welt", sagt Bikram befreit von Bescheidenheit, "und ich kann sie alle heilen."

Dennoch: Der Westen hat es auch dem Mann, den sie "kleinen Buddha" nennen, angetan. Das Geschäft floriert und so groß wie des Meisters Selbstbewusstsein ist auch sein Autohof im schönen Beverly Hills. Bikram liebt ganz profanes Blech: Er sammelt teure Autos, Bentleys und Rolls-Royce, und statt Taxi fährt er lieber Stretchlimousinen. So viel Westlichkeit, sagt der Guru, darf sein.

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(sueddeutsche.de/bilu/bgr)