"Bologna" auch in der deutschen Medizin?
Im Juni 1999 unterzeichneten die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten bei einer Konferenz in Bologna die sogenannte "Bologna-Erklärung", in der die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes bis zum Jahre 2010 gefordert wurde.
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Inzwischen ist der Teilnehmerkreis für dieses Projekt auf 45 Staaten angewachsen. Eine Kernforderung von "Bologna" lautet, in allen Studiengängen modulare Studienangebote zu entwickeln und zweistufige Bachelor/Master-Studienabschlüsse einzuführen. Indessen - Vertreter der Medizinischen Fakultäten in Deutschland und die verfasste Ärzteschaft halten solche Pläne für das Medizinsstudium für verfrüht und lehnen sie daher ab.
Die Einheit von Forschung und Lehre, nach internationalem Urteil eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale deutscher Hochschulen, würde es nach Meinung des Zentrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Zukunft nicht mehr geben. Der Leiter des CHE, Müller-Bölling, prophezeit, dass es künftig in Deutschland reine Lehruniversitäten und Forschungsuniversitäten nebeneinander geben werde.
Geringer qualifizierte Dozenten mit einem hohen Lehrdeputat an den Lehruniversitäten könnten in der Bachelor-Phase die Ordinarien entlasten. In Zukunft würden vermutlich 100 Hochschulen mit regionaler Versorgung beschäftigt sein, etwa 60 könnten noch mit einigen international herausragenden Bereichen brillieren, aber nur noch drei oder vier deutsche Hochschulen würden sich auf internationalem Spitzeniveau befinden.
In Frankreich existiere dieses Hochschulsystem bereits. Dort sei das unterschiedliche Niveau vieler Hochschulen ganz entscheidend für die hohe Akademikerarbeitslosigkeit verantwortlich. Einen Arbeitsplatz garantierten nur die Studienabschlüsse der Grandes Ecoles.
Die Bologna-Erklärung habe bei den französischen Akademikern eine wesentliche Rolle bei der Abstimmung über die Europäische Verfassung gespielt, sagte mir ein französischer Kollege. Auch in Spanien und Polen scheint die Unzufriedenheit über die Kehrseiten der Europäisierung zu wachsen.
Kritiker in unserem Lande glauben, dass angesichts der 2,8 Millionen Studenten, die in den nächsten Jahren in Deutschland studieren werden, die Bologna-Deklaration der deutschen Hochschulen vom Rotstift der Wissenschaftsministerien geschrieben wird.
Die Bologna-Erklärung aus dem Jahre 1999 spricht nur von einem System zweistufiger Studienabschlüsse, die vergleichbar und vereinbar sein sollten. Es ist keine Rede davon, dass dieselben Abschlüsse überall eingeführt werden müssen.
Warum also deutscher Übererfüllungseifer bei der Umsetzung von Bologna? Die Franzosen haben von Anfang an ihr System mit Licence, Master, Doctorat (LMD) beibehalten, andere Länder sind ebenfalls bei ihren Abschlüssen geblieben, weil sie zurecht die Bologna-Erklärung als Empfehlung verstehen, nicht jedoch als völkerrechtlich bindend.
In Deutschland verweigern sich Mediziner, Juristen und evangelische Theologen zwar nicht einer zweigestuften Studienstruktur, wohl aber den neuen Abschlüssen. Besonders kritisch ist die inhaltliche Definition des Bachelor in der Medizin. Verantwortliche Hochschulpolitiker stellen sich vor, dass schon der Bachelor berufsqualifizierend sein soll.
Wenn aber die Landesminister in ihren höheren Diensten nur Master sehen wollen, dann kann das Ziel des Bachelor allenfalls "Beschäftigungsbefähigung" sein.
"Von der dienenden Freiheit von Forschung und Lehre an der Allgemeinheit sprechen nur noch diejenigen, die innerhalb der Bologna-Universität wie verstaubte Epigonen Humboldts erscheinen", schreibt Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Niemand kann sich ernsthaft gegen ein sinnvolles Projekt wenden, das einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zum Inhalt hat. Deutscher Übereifer beim Vollzug des Bologna-Programms ist aber fehl am Platze, weil Studieninhalte, künftige Beschäftigungsfelder und berufliche Möglichkeiten, insbesondere des Bachelor noch völlig unklar sind.
Professor Dr. Meinhard Classen ist ehemaliger Direktor der II. Medizinischen Klinik des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München.
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