Historie Kolossal

Was tun mit einem der größten Betonklötze der Welt? Die Geschichte des Berliner ICC, das einst als Vision der Moderne, ja als Ikone der freien Welt galt - und nun ein Problemfall ist.

Von Jan Heidtmann

Bei so einem großen Ding wie dem ICC, dem Internationalen Kongresszentrum in Berlin, 320 Meter lang, 88 Meter breit und 40 hoch, reingehämmert zwischen Funkturm und Stadtautobahn, eine Millionen Kubikmeter Platz im Innern, bei so einer Majestät aus Stahl, Beton und Aluminium - da fängt man am besten erst mal ganz bescheiden an. Mit der Kommunikationseinheit, der kleinsten, durchkomponierten Einheit, sozusagen das Atom des ICC: eine Leselampe, ausklappbar, Mikrofon, Wortmeldetaste und zwei Leuchtfelder - eines für die Bestätigung der Wortmeldung, das andere, wenn das Wort erteilt wird. Für die 1970er-Jahre ein Wunderwerk aus Technik und Design, verbaut in jedem der Tausenden Konferenzsessel. Der ziemlich irre Anspruch, gleich noch die Zukunft mitzudefinieren, er steckt in jedem Detail dieses Kolosses.

Seit einem Jahr liegt das ICC nun brach. Wochentags pfeift der Wind unter dem grauen Vorbau hindurch, am Wochenende ziehen Skater hier ihre Kreise. Bemerkenswert nebensächlich bleibt das ICC dabei links liegen. Die letzte Veranstaltung, ein Aktionärstreffen von Daimler-Benz, fand im vergangenen April statt, jetzt ist Robert Simon Herr im Hause. Simon arbeitet für die Messe Berlin, die das ICC betreibt, und betreiben bedeutet zurzeit stilllegen.

Die Berliner haderten mit ihrem neuen Inventar. Sie fanden nicht einmal einen richtigen Spitznamen.

(Foto: Harald Böttger)

Es klingt einfach, ist aber kompliziert: Das ICC ist nicht nur ein riesiges Gebäude, sondern auch eine gigantische Maschine. Die Anweisungen zu ihrem Gebrauch füllen 900 Ordner, "einfach alles auszuschalten, das würde das Gebäude zerstören", sagt Simon. Die Heizung, die Sprinkleranlage, Wasserleitungen, Teile des Stromnetzes, das alles müsse am Laufen gehalten werden. "Auch für den Fall, dass das Gebäude wieder in Betrieb genommen wird."

Das Congress Centrum bleibt erstmal stehen: Der Abriss wäre zu teuer

Fünfzehn Jahre lang wird das Schicksal des ICC bereits verhandelt, in der Landespolitik, in der Wirtschaft, in den Tageszeitungen, auf der Straße. Ein Prozess, der in Berlin eigentlich zwangsläufig zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führt. Doch das ICC blieb einfach stehen. Too big to fail. 15 Meter tief sind die Grundpfeiler in den Boden gerammt, es auszugraben und abzutragen würde weit über 200 Millionen Euro kosten. So gibt es nun wenigstens ein Zwischenergebnis in dieser zähen Debatte: Das ICC wird nicht abgerissen. Doch was es zukünftig sein soll, darüber streitet die Stadt lustvoll weiter. Gutachten werden erstellt und Gegengutachten, sogenannte Nutzungskonzepte werden entworfen, dann wieder verworfen. Der frühere Bürgermeister Eberhard Diepgen schlug vor, Flüchtlinge im ICC unterzubringen, ein Kasino sollte daraus werden oder auch die neue Landesbibliothek. "Keiner hat einen Plan", titelte Berlins Boulevardblatt BZ, als die Wirtschaftssenatorin Anfang des Jahres überlegte, das ICC zum Einkaufszentrum zu machen. Inzwischen ist auch diese Idee versandet - genauso wie die Suche nach Investoren.

Jürgen Nottmeyer, 87 Jahre alt, hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten. "Dieses Niederreden." Also schrieb er einen Leserbrief an den Tagesspiegel, wütend, das war 2013. Er fand einen Mitstreiter, gemeinsam machten sie Pläne, was mit dem ICC anzustellen wäre, alarmierten Senatoren und Berlins neuen Regierenden Bürgermeister Michael Müller. "Zwei Außenstehende sind einfach mal losgerannt", sagt er, und das ist natürlich maßlos untertrieben. Nottmeyer war in den Siebzigerjahren leitender Baudirektor des Senats und damit verantwortlich für den Bau des ICC. Der Regierende Bürgermeister hieß damals Klaus Schütz, der Bausenator Harry Ristock. Schon seit ein paar Jahren hatte eine Mitarbeiterin des Fremdenverkehrsamtes gedrängt: "Die Anfragen für Kongresse häufen sich!" Stadtplanung war zu dieser Zeit zudem eine Form der kalten Kriegsführung. Stein um Stein, Meter um Meter wurde der Wettstreit mit der DDR ausgefochten. Der Ostberliner Fernsehturm überragte bereits den Westberliner Funkturm, das Interhotel am Alexanderplatz das Axel-Springer-Hochhaus. Der Auftrag an Nottmeyer lautete: "ein richtig schönes Kongresszentrum für Berlin".

120 Millionen Mark soll das ICC ursprünglich kosten, am Ende sind es dann fast eine Milliarde, über die Berlin-Förderung vor allem von Westdeutschland bezahlt. So ein Kostensprung erinnert natürlich sehr an den Flughafen BER - ein Vergleich, den Nottmeyer aber ablehnt: "Das ICC zu bauen war eindeutig komplizierter als einen normalen Großflughafen." Das beginnt schon mit der Lage direkt neben der Stadtautobahn. Um die Erschütterungen aufzufangen, wird das gesamte Gebäude an den massiven Pfeilern aufgehängt. Unter der Federführung von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte sind zeitweise bis zu 60 Architekten beschäftigt. Der Bau dauert natürlich länger als gedacht, so kann die DDR Westberlin erst einmal den Rang ablaufen: Die Planungen für das ICC hatten das Politbüro aufgeschreckt, fünf Experten wurden zur Klausur in ein Erholungsheim des Ministeriums für Bauwesen geschickt. "Dort haben wir den Palast der Republik ausgeheckt", erinnert sich Klaus Wever, einer der Teilnehmer. 1975 ist der repräsentative Bau in der Mitte Ostberlins fertig, "alle Kräfte aus der gesamten DDR wurden dafür mobilisiert".

Das ICC braucht noch weitere vier Jahre, um fertig zu werden. Dafür ist es dann eines der größten Kongresszentren der Welt, der teuerste Bau Berlins in der Nachkriegszeit. "Mein Gott", erkundigt sich der legendäre CDU-Fraktionsvorsitzende Heinrich Lummer angesichts der Kosten beim Finanzsenator: "Sind Sie denn bekloppt?" Architektonisch steht das ICC in bester Tradition der Architekturtheorie der Sechziger- und Siebzigerjahre, die die schiere Größe feiert. Die Menschen fliegen zum Mond, sie fliegen mit der Concorde in Überschallgeschwindigkeit nach New York, da muss auch beim Bauen die Grenze des Machbaren ausgelotet werden. Paris hat das Centre Pompidou, Aachen plant ein gigantisches Klinikum, und am 2. April 1979 eröffnet schließlich das ICC. Bereits zwei Tage vorher wird es bundesweit bekannt: Das ZDF überträgt Harald Juhnkes Sendung "Musik ist Trumpf" live aus dem ICC; die Feierlichkeiten selbst überschattet der Ayatollah Khomeini, der in Teheran die Islamische Republik ausruft.

Die Berliner hadern mit ihrem neuen Inventar. Sie nennen es "Raumschiff" oder "Kongressmaschine", anders als beispielsweise beim Funkturm, dem "langen Lulatsch", etabliert sich jedoch kein fester Spitzname. Geschäftlich wird das ICC hingegen ein Erfolg: Schon bei der Eröffnung ist es auf zwei Jahre hin ausgebucht, Mats Wilander spielt gegen Boris Becker, die SPD debattiert den Nato-Doppelbeschluss, Wim Wenders dreht hier den "Himmel über Berlin". Vor allem aber kommen die großen Kongresse, Krebsforscher oder Unfallchirurgen mit bis zu 12 000 Teilnehmern. Das ICC wird vielfach prämiert, es erhält fünf Mal den World Travel Award. Berlin entwickelt sich zu einer der wichtigsten Kongressstädte der Welt. Der Senat muss das Gebäude zwar mit jährlich mehr als 20 Millionen Mark alimentieren, doch die sogenannte Stadtrendite ist hoch: Jeder Kongressteilnehmer lässt bei seinem Besuch mehrereHundert Mark in Berlin.

1999, zum zwanzigsten Geburtstag, wird noch einmal groß gefeiert, "eines der bedeutendsten Bauwerke der Nachkriegszeit". Dann ist es vorbei mit der Liebe. Was genau die Ursache ist? Schwer zu sagen. Die Sparpolitik des Senats? Der Abschied des langjährigen Chefs der Berliner Messe? Der geplante Abriss des Palastes der Republik? Das ICC sei unwirtschaftlich, heißt es nun, mit Asbest verseucht, was so nicht stimmt. Die Stadt jedenfalls zahlt kaum noch, um die Technik zu erneuern, die Messe lässt die Aluminiumfassade über Jahre nicht mehr putzen. Stattdessen investiert sie 80 Millionen Euro in ein neues, kleineres Kongresszentrum, den City Cube. Am Ende wirkt das ICC tatsächlich wie ein müder, alter Mann.

Vielleicht, ganz vielleicht, wird es ein zweites Leben für das ICC geben

Bereits 2005 hat der Bund Deutscher Architekten in Berlin (BDA) unter dem Titel "ICC weiterdenken" eine Debatte über die Zukunft des Gebäudes angeschoben. Inzwischen plädieren auch die Baukammer, die Architektenkammer und der Rat für Stadtentwicklung dafür, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Der kühle Koloss hat es geschafft, die Gefühle der Berliner zu wecken. Und es zeigt sich, dass der Stadt das ICC fehlt: Die Messe Berlin musste Anfragen für größere Kongresse in der Stadt ablehnen, kein Platz. "Es kann gut sein, dass es ein Revival für das ICC gibt", sagt Thomas Kaup, Vorsitzender des BDA in Berlin. Schon vor Monaten hat der Senat 200 Millionen Euro reserviert, um das ICC zu sanieren. Doch solange nicht klar ist, ob das Kongresszentrum wieder ein Kongresszentrum wird, hängt das Geld fest.

Ursulina Schüler-Witte hat zum Treffen im Westberliner Café Savigny ein Foto mitgebracht. Ralf Schüler, ihr Mann und sie sind darauf beim Zeichnen zu sehen. Er führt kraftvoll den Stift, sie verfolgt sein Wirken ungerührt, das Kinn auf die Hand gestützt. Als sie den Auftrag zum Bau des ICC bekamen, waren sie gerade einmal zu dritt im Architekturbüro, später wurden es dann 100 Leute. "Ralf hat das Gebäude bis in die letzte Schraube durchgeplant, ich habe mich um die Juristerei und die Buchhaltung gekümmert", sagt Schüler-Witte. "Das waren zehn Jahre lang Zwölf-Stunden-Tage." Später, als das ICC dann stand, da sind sie an jedem 2. April dorthingegangen und haben zum Geburtstag einen Blumenstrauß auf den Empfangstresen gestellt. Der Streit, das ganze Gezerre haben ihr zugesetzt. Sie ist wütend und auch enttäuscht. "Das ist schon unglaublich, was sie mit dem ICC gemacht haben", sagt sie. "Ich weiß nicht, ob das auch mit einem Gebäude von Daniel Libeskind geschehen wäre." Ursulina Schüler-Witte ist jetzt 82, seit Jahren führt sie einen Kampf um das architektonische Erbe der Siebzigerjahre, sie gibt Interviews, schreibt eine Biografie über die gemeinsame Arbeit mit ihrem Mann und schlägt sich mit den Berliner Verkehrsbetrieben herum. Bei der Renovierung des U-Bahnhofs Schlossstraße "verwenden sie die völlig falschen Farben". Und der "Bierpinsel" darüber, ein Restaurantturm, den das Paar genauso entworfen hat, wie den U-Bahnhof - der verkommt.

Nur beim ICC, "da scheint die Stimmung jetzt zu kippen", sagt Schüler-Witte. In diesem Jahr konnte sie zwar keinen Geburtstagsstrauß auf dem Empfangstresen aufstellen. "Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das wieder ändert."