Zweiter Weltkrieg Stalingrad - ein Mythos im Wandel

Vernichtende Niederlage in Stalingrad: Deutsche Soldaten nach ihrer Kapitulation am 2. Februar 1943.

(Foto: dpa)

Moskau 1941, Stalingrad 1943, Berlin 1945: Vielleicht, hoffentlich, sind diese Namen Synonyme für das Ende jener langen Epoche der europäischen Kriege.

Von Kurt Kister

Moskau, Stalingrad, Berlin. Die Namen dieser drei Städte stehen symbolisch für den ebenso mörderischen wie letztlich selbstmörderischen Versuch des Deutschen Reiches, die Sowjetunion zu vernichten und ein Imperium vom Atlantik bis zum Ural zu errichten. Vor Moskau erfror im Winter 1941 die Illusion, die Sowjetunion sei, wie Polen, Frankreich oder Jugoslawien, in einem Blitzkrieg niederzuwerfen.

Die Kapitulation der 6. Armee in den Trümmern von Stalingrad im Februar 1943 bedeutete in der Wahrnehmung sehr vieler Deutscher und von noch viel mehr Russen, dass dieser Krieg für Deutschland, seine Nazi-Regierung und die Wehrmacht nicht mehr zu gewinnen war. Die Einnahme Berlins im April 1945 durch die Rote Armee signalisierte nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, sondern setzte auch den blutigen Schlusspunkt hinter die zwölf Jahre der NS-Herrschaft.

Der Fall Berlins bedeutete übrigens auch das Ende jener deutschen Großmachtträume, die sich in Preußen und anderswo im Reich seit 1864 entwickelt hatten. Diese Ära der imperialen Träume war kurz. Zwischen dem Sieg von Sedan im September 1870, der so etwas wie die militärische Voraussetzung der Reichsgründung im Januar 1871 war, und dem Einmarsch der Russen in Berlin lagen nur 75 Jahre, nicht mehr, als ein Menschenleben währt.

"Die Deutschen reden nur vom Essen"

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Bis heute ist "Stalingrad" in Deutschland eine Metapher zur Beschreibung einer Niederlage von nahezu unvorstellbarer Dimension geblieben. Das "Unvorstellbare" bezieht sich einerseits auf die Schlacht als solche - Hunderttausende Tote, steif gefrorene Leichenberge, monatelanges Ausharren in Löchern und zerschossenen Kellern, ermordete Zivilisten. Andererseits ist es 75 Jahre nach der Kapitulation in Stalingrad glücklicherweise im Sinne des Wortes unvorstellbar, dass Deutschland mit Millionen Soldaten Russland überfallen könnte oder würde (auch umgekehrt gilt dies).

Militärische Gewalt als Mittel der Politik ist in Europa zwar nicht ausgestorben - man denke nur an die Balkankriege in den Neunzigerjahren oder an den interessengeschürten Irredentismus in Teilen der ehemaligen Sowjetunion. Und europäische Staaten beteiligen sich in unterschiedlichem Ausmaß an Kriegen außerhalb ihres Kontinents - ein Beispiel ist die Unterstützung der USA im Irak 2003 durch Großbritannien, Italien und andere.

Dennoch scheinen jene großen Kriege, die europäische Staaten in Europa immer wieder gegeneinander führten, zumindest aus heutiger Sicht der Vergangenheit anzugehören. Vielleicht, hoffentlich, steht der Dreiklang Moskau, Stalingrad, Berlin wirklich auch für das Ende der langen Epoche der europäischen Kriege.

"Waterloo", genutzt als Synonym für persönliche Niederlagen

Noch ist "Stalingrad" nicht "Waterloo". Das klingt zunächst sonderbar, bedeutet aber nichts anders, als dass die Metapher Waterloo fast nur noch eine Metapher ist. Es gibt keine Erinnerung mehr an Waterloo, die Geschichtsschreibung hat sie ersetzt. Menschen in Großbritannien, die sich für Geschichte interessieren, wissen wohl, dass im Juni 1815 im heute belgischen Waterloo nicht nur symbolisch eine Jahrhunderte alte Rivalität, fast möchte man sagen: eine Erbfeindschaft, zwischen Britannien und Frankreich kulminierte. Für geschichtsbewusste Franzosen wiederum wäre Waterloo vielleicht bis heute die Ur-Niederlage, hätte es da nicht das Frühjahr 1940 gegeben.

Der Begriff "Waterloo" wird dennoch nahezu bedenkenlos von vielen Menschen in Europa benutzt, wenn sie ein persönliches Desaster, eine Niederlage, manchmal auch nur ein Malheur beschreiben wollen. In dem immer noch bekannten, längst alten Song der schwedischen Gruppe Abba werden gar unglückliche Liebeshändel als "Woooterluu" beschrieben. Hier ist das historische Kriegsgeschehen völlig abgelöst von der Lautfolge, die eben nur noch ein Synonym und sehr häufig kaum mehr als ein Phrase ist.

"Stalingrad" ist dafür möglicherweise noch zu nahe, sodass das Bewusstsein für die Ungeheuerlichkeit dessen, was in Stalingrad geschah, seine baldige Synonymisierung verbietet. Jedenfalls hört oder liest man fast nie, dass jemand "sein Stalingrad" erlitten habe oder ein Skandal für diese Firma oder jene Partei "zum Stalingrad" geworden sei.