Hilfsmittel im Sport Das neue Nasenpflaster

Kompressionswäsche und -kleidung ist groß im Kommen. Sie sollen die sportliche Leistung steigern - doch Experten sind skeptisch.

Von Jochen Temsch

Man kennt die Urform dieser Beinkleider aus Großmutters Wäscheschrank, dem Krankenhaus und der Economy Class bei Langstreckenflügen. Jetzt tauchen Kompressionsstrümpfe, aber auch Quetsch-Hosen und -Shirts immer häufiger bei Leichtathleten, Radfahrern und Fußballern auf.

Die Hersteller, die Druck machen, versprechen ihren Kunden mehr Kraft und Ausdauer und eine schnellere Regeneration. Ingo Froböse, Professor und Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule in Köln, ist skeptisch.

SZ: Früher galten orthopädische Strümpfe als Synonym für unsexy. Warum sind sie plötzlich so gefragt?

Ingo Froböse: Der Hype ist aus dem Triathlonbereich in andere Sportarten herübergeschwappt. Man erhofft sich damit eine Leistungssteigerung.

SZ: Wie soll das gehen?

Froböse: Der erhöhte Druck auf die Haut soll sich positiv auf den Rückfluss des Blutes zum Herzen auswirken: Die Blutgefäße müssten in der Phase der Ermüdung, etwa nach einem langen Lauf, keine großen Blutmengen speichern - würden also nicht mehr so schwer werden.

SZ: Funktioniert das?

Froböse: Nein. Bei einem Versuch mit Testpersonen auf Laufbändern und Fahrrad-Ergometern konnten wir weder einen erhöhten Blutrückfluss noch Leistungssteigerungen messen. Das galt für Strümpfe wie auch für Ganzkörper-Teile. Es kommt nicht darauf an, wie groß die unter Druck gesetzte Fläche ist. Man muss aber zwischen Sportlern und Nichtsportlern unterscheiden.

SZ: Inwiefern?

Froböse: Sportler haben eine trainierte Muskulatur, die selbst bei Ermüdungszuständen genügend Blutfluss und Leistung garantiert. Die merken von Kompressionskleidung gar nichts. Bei nichtaktiven Menschen kann Kompression die schlaffere Muskulatur ein wenig unterstützen. Aber auch das ist in Leistungswerten nicht messbar.

SZ: Aber Thrombosestrümpfe funktionieren doch auch.

Froböse: Ja, aber das ist genau das Problem. Therapeutisch sinnvolle und über Jahre bewährte Dinge werden plötzlich auf den gesunden Menschen transportiert, und das geht eben nicht. Thrombosestrümpfe haben einen Sinn, weil sie bei erschlafften oder geschädigten Gefäßstrukturen angewendet werden. In diesem Fall ist es sinnvoll, dass von außen ein unterstützender Druck draufgegeben wird. Aber es ist ja kein normaler Zustand, wenn jemand lange im Krankenhausbett liegt oder stundenlang starr im Flugzeug sitzt.

SZ: Hilft Kompression beim Erholen?

Froböse: Regeneration passiert in den Körperzellen. Und die profitieren nur von einem Austausch verbrauchter Flüssigkeiten. Viel einfacher, sinnvoller und effektiver als mit einem äußeren Reiz, sprich Strumpf, geschieht dies, indem ich auslaufe oder ausgehe. Durch diese kleine, moderate Belastung führe ich dem Körper Sauerstoff zu und erhöhe die Durchblutung.

SZ: Gibt es überhaupt einen nennenswerten Effekt durch Kompression?

Froböse: Einen psychologischen. Durch den Druck auf die Haut wird die Eigenwahrnehmung stimuliert. Davon hat man dann zum Beispiel ein besseres Gefühl in den Beinen. Man hat ein größeres Vertrauen in seinen Blutfluss, wenn man weiß, dass man ihn unterstützt.

SZ: Kann dieses Vertrauen über Tiefpunkte, etwa beim Marathon, helfen?

Froböse: Zumindest kann es sein, dass man Leistungseinbußen nicht gleich als solche empfindet. Gerade im Sport versetzt der Glaube Berge. Für Spitzenathleten, deren Leistungen extrem eng beieinanderliegen, ist die mentale Herangehensweise äußerst wichtig. Man spricht immer von Tagesform - aber es hat mit dem Kopf zu tun.

SZ: Dabei geht es ja auch um eine gesellschaftliche Mentalität. Woher kommt der Drang, seine Leistung mit Hilfsmitteln zu steigern?

Froböse: Die gab es schon immer. Bereits die Griechen in der Antike nutzten alle Möglichkeiten. Sie tranken zum Beispiel Stierblut. Aber was wir zurzeit erleben, ist der Trend, dass Leistungssteigerung und Gesundheit als käuflich gelten. Man will da etwas konservieren, ohne sehr viel dafür tun zu müssen. Das betrifft auch die Schönheitschirurgie.

SZ: ...oder die Nasenpflaster, die einst in Mode waren und bessere Atmung bringen sollten.

Froböse: Die haben wir auch getestet. Die bringen auch nichts, keine Veränderung des Atemvolumens, nicht einmal drei Stellen hinter dem Komma.

SZ: Zusammenfassend könnte man also sagen: Kompressionskleidungist ...

Froböse: ...das neue Nasenpflaster.