Heimatministerium Land gewinnen

Sieht so eine "abgehängte Region" aus? Felder auf dem Weg von Berlin in die Prignitz.

(Foto: Hannah Beitzer)

Berliner Szenekieze bestimmen die gesellschaftliche Debatte? Von wegen. Plötzlich sprechen alle über den ländlichen Raum - in Bildern, die ebenso traditionsreich wie missverständlich sind.

Von Hannah Beitzer, Perleberg

Was Berliner an Brandenburg mögen: Kraniche angucken, baden, Fahrrad fahren, in einem Schloss heiraten. Aber dort leben? Dazu braucht es schon einen guten Grund. Eva-Maria Menard hatte einen. Sie war zehn Jahre lang Pfarrerin an der Zionskirche, die genau an der Grenze zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg liegt. Vor einem Jahr wurde sie Superintendentin im Kirchenkreis Prignitz in Brandenburg.

"Ich habe alle möglichen Reaktionen erlebt", sagt Menard. Unverständnis. Misstrauen. Manche hätten gefragt, ob das vielleicht nur ein geschickter Karriereschachzug sei. Andere lobten sie: "Ich habe solchen Respekt, dass du das machst." Als wäre ihr Umzug ein Opfer für sie gewesen. An diesen Reaktionen arbeite sie sich immer noch ab, so erzählt sie es in ihrem Büro in der Kleinstadt Perleberg, 150 Kilometer nordwestlich von Berlin. "Für mich waren die Reaktionen ein Auftrag. Nämlich rauszufinden: Was macht Kirche auf dem Land besonders?"

Ihr Umzug fiel in eine Zeit, in der sich auch im restlichen Deutschland eine Veränderung ankündigte. Seit einigen Jahren zerstreiten sich Menschen über der Frage: In was für einem Land wollen wir eigentlich leben? Das Verhältnis von Stadt und Land, von Metropole und Provinz spielt dabei eine große Rolle. Wenn zum Beispiel der CSU-Politiker Alexander Dobrindt klagt: "Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg, aber der Prenzlauer Berg bestimmt die öffentliche Debatte."

"Zusammenhalt kann man nicht von oben verordnen"

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Wenn Städter auf dem Land die Heimat suchen

Oder die Sache mit dem Heimatministerium! Bisher weiß zwar keiner so genau, was Bundesinnenminister Horst Seehofer damit vorhat. Doch es ist wahrscheinlich, dass er sich nicht vornehmlich um Berlin-Mitte kümmern will, sondern um den sogenannten "ländlichen Raum", in der Debatte gerne gleichgesetzt mit den sogenannten "abgehängten Regionen". Um Zusammenhalt soll es da gehen, um Geborgenheit.

Die Hinwendung zum ländlichen Raum hat zum einen den Grund, dass es in einigen ländlichen Regionen tatsächlich Unzufriedenheit gibt. Zum Beispiel in Dörfern, in denen kein Bus mehr fährt, keine Kneipe mehr zum Feierabendbier einlädt und es vielleicht nicht einmal Arbeit gibt, von der man sich bei besagtem Bier erholen müsste. Aber es gibt noch andere Gründe. Sie beschreibt etwa Thomas Thiemeyer, Kulturwissenschaftler an der Universität Tübingen, in einem Essay für die Blätter für deutsche und internationale Politik. Er nennt das Heimatministerium ein "Bundesprovinzministerium" und schreibt: "So kehrt die Heimat dahin zurück, wo sie das (städtische) Bürgertum seit jeher verortete: aufs Land."

Die Kleinstadt Perleberg ist die neue Heimat von Eva-Maria Menard.

(Foto: Hannah Beitzer)

Bereits im 19. Jahrhundert habe das Bildungs- und Kleinbürgertum die Provinz als Inbegriff von Heimat erdacht, in der ein heiles, naturverbundenes Leben möglich sei, schreibt Thiemeyer. Anders als in der Großstadt, die den Menschen von seiner Natur entfremdet habe. Dieses Bild ziehe sich bis in die heutige Zeit. Und werde von den vielen Heimatmuseen, den Heimatvereinen und den Tourismusbüros der ländlichen Regionen bewusst aufrechterhalten.

Folgt man seiner Argumentation, erfüllt die Hinwendung zum ländlichen Raum eine doppelte Funktion. Einerseits lässt sie sich lesen als Eingeständnis, dass bestimmte Regionen in der politischen und gesellschaftlichen Debatte vernachlässigt wurden. Andererseits ist die Hinwendung zur Provinz eine Beruhigungsgeste - auch für Leute, die gar nicht dort leben, sondern auf dem Land nur eine irgendwie schützenswerte Form von Heimat vermuten.

Zwischen Landflucht-Szenario und Romantisierung

Die Diskussion pendelt zwischen zwei Extremen: der Trostlosigkeit der sogenannten "abgehängten Regionen" auf der einen Seite und einem romantisch-verklärendem Bild vom erhaltenswerten Landleben auf der anderen Seite. Stephan Beetz kennt diese Extreme gut. Er ist Professor an der Universität Mittweida und forscht zu ländlichen Räumen. Mit der Realität hätten beide Extrembilder wenig zu tun. "Es gibt ja zum Beispiel nicht einmal eine flächendeckende Landflucht", sagt Beetz. Einige Regionen wüchsen, andere schrumpften, aus unterschiedlichsten Gründen, mit unterschiedlichsten Folgen. "Der ländliche Raum", das seien in Wahrheit ganz viele Räume.

Die Extrembilder, so Beetz, prägten allerdings die Debatte so stark, dass dadurch die Realität verdeckt werde. Die Erzählung von der Landflucht zum Beispiel sei nicht neu. "Sie war immer Teil von politischen Strategien", sagt er. Sie diente Ende des 19. Jahrhunderts als Drohgebärde groß-agrarischer Interessengruppen, um Agrarzölle durchzusetzen. Schon damals inszenierten konservative Kräfte das Landleben als moralisches Fundament der traditionellen Gesellschaftsordnung, als schützenswertes Gut.