Hebammen In anderen Umständen

Hohe Versicherungsprämien gefährden den Beruf der Hebamme in einem ausmaß, dass keine flächendeckende Versorgung mehr gewährleistet ist.

Von Nina von Hardenberg

Mit Geburten kennt sich Cindy Nierfeld aus. Mehr als 600 Kinder sind mit Hilfe der Hebamme schon auf die Welt gekommen - die meisten während Nierfelds Zeit als Klinik-Hebamme, die letzten 35 im Geburtshaus, das sie mit einer Kollegin im nordrhein-westfälischen Bocholt gründete.

Hebamme

Ein guter Anfang ist wichtig - Hebammen sind integraler Bestandteil der deutschen Gesundheitsfürsorge.

(Foto: Foto: AP)

Komplikationen bei der Geburt, in deren Folge das Neugeborene schwer geschädigt wurde, hat Nierfeld in all den Jahren nicht erlebt. Für den Fall, dass doch einmal etwas passiert, muss sie sich absichern. Die Versicherungsprämien sind in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. Sie sind inzwischen so hoch, dass sie den Berufsstand der Hebamme gefährden. Das Geburtshaus Bocholt wird schließen.

3689 Euro jährlich sollen freiberufliche Hebammen von Juli an für ihre Haftpflicht zahlen - mehr als 50 Prozent mehr als im Vorjahr. "Das ist utopisch", sagt Nierfeld. Gegen die hohen Haftpflichtprämien und die aus ihrer Sicht zu geringe Bezahlung wollen Hebammen am Mittwoch bundesweit protestieren. "Die Geburtshilfe lohnt sich nicht mehr", sagt die Präsidentin des deutschen Hebammenverbandes, Martina Klenk.

Immer mehr Hebammen würden ihre Aufgabe - die Geburt - aufgeben müssen und nur noch Vorbereitungskurse und die Nachsorge anbieten. Denn für die Hilfe bei der Geburt, die manchmal mehrere Stunden dauern kann, bekommt eine freie Hebamme bei einer Geburt im Krankenhaus nur 237 Euro. Im Geburtshaus gibt es 445 Euro, Hausgeburten können mit 537 Euro abgerechnet werden.

Sechs von etwa 100 Geburtshäusern haben bereits ihre Schließung angekündigt. Doch es trifft nicht nur Geburtshäuser. Freiberufliche Hebammen arbeiten in vielen Kliniken auch ganz normal im Schichtbetrieb mit. In ländlichen Gebieten werden kleinere Krankenhäuser teilweise ausschließlich von sogenannten Beleg-Ärzten und Beleg-Hebammen betrieben.

Diesen Einrichtungen droht ebenfalls die Schließung. Auch der in Städten wie etwa Berlin beliebte Service, dass eine Schwangere eine Hebamme ihres Vertrauens ins Krankenhaus zur Geburt mitbringt, wird von freien Hebammen angeboten. Insgesamt betreuen freiberufliche Hebammen etwa ein Viertel der jährlich 600.000 Geburten in Deutschland.

Die Hebammen sollen höhere Versicherungsbeiträge zahlen, obwohl Geburten heute komplikationsloser verlaufen als früher. "Die Hebammen trifft keine Schuld", sagt ein Versicherungsmakler. Es ist vielmehr die Schadenshöhe der einzelnen Fälle, die den Versicherungen zu schaffen macht. Gerichte gewähren deutlich höhere Schmerzensgeldsätze als noch vor 15 Jahren.

Bei schweren Schäden, wie etwa einer geistigen Behinderung nach einem Sauerstoffmangel bei der Geburt können das bis zu 500.000 Euro sein. Höhere Kosten entstehen den Versicherern auch, weil schwerkranke Kinder dank der guten medizinischen Versorgung länger überleben und damit länger gepflegt werden müssen.

So sehr die Hebammen die bessere Betreuung von behinderten Kindern befürworten, so sehr sorgen sie sich um die Zukunft ihres Berufsstandes. "Es kann nicht sein, dass eine kleine Berufsgruppe wie die Hebammen dieses Risiko absichern soll", sagt Klenk. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen seien aber gescheitert.

Die Hebammen starten deshalb eine elektronische Petition im Bundestag. Von Mittwoch an wollen sie binnen drei Wochen 50.000 Unterschriften sammeln und so die Abgeordneten zwingen, über die Situation der Hebammen zu diskutieren.