Wer diesen Job macht, muss hart sein - und soll trotzdem menschlich bleiben: Ruth Götzinger verteilt Hartz IV.
"Die Leute strippen hier bis auf die Unterhose", erzählt Ruth Götzinger. Sie meint das nicht wörtlich. Nur, dass die Menschen, die zu ihr kommen, ihr gesamtes Leben offenbaren: Bankkonten, Versicherungen, Lebenspartner, oft auch Ehekrisen, Drogenprobleme, Depressionen. Inzwischen könne sie, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, verschiedene Sorten von Drogen am Geruch des Konsumenten erkennen.
Ruth Götzinger an ihrem Arbeitsplatz. Die Fotos an der Wand hat ein Kunde ihr geschenkt - er hat Wasser, Bäume, Steine für sie fotografiert. Ruth Götzinger hat extra nachgefragt, ob sie die Bilder behalten darf - schließlich ist sie Beamtin und darf prinzipiell keine Geschenke annehmen. (© Foto: Pfauth)
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Viele der Kunden von Ruth Götzinger sind völlig unauffällige, höfliche, gewöhnliche Bürger. Aber eben nicht alle. Wer an dem mit Plastikschlumpf und Stofforchidee dekoriertem Schreibtisch sitzt, hat häufig viele Probleme. "Ohne Sozialkompetenz ist man hier aufgeschmissen", sagt sie.
Ruth Götzinger ist Beamtin. Und sie ist lebenswichtig für viele Menschen in München. Sie verteilt Hartz IV.
Ein "persönlicher Ansprechpartner" wie sie, der hier im Sozialbürgerhaus München-Mitte kurz und bürokratisch "PAP" genannt wird, überweist nicht nur einfach 359 Euro Standardsatz pro Monat. Er betreut den ganzen Menschen.
Hat einer Schulden, schickt ihn Staatsdienerin Götzinger zum Schuldenberater. Kann jemand einen Beruf ausüben oder zumindest einen Minijob, stellt sie den Kontakt zum Arbeitsvermittler her. Zeigt ein Hartz-IV-Empfänger private Probleme, betraut sie einen Sozialarbeiter mit dem Fall. Manche ihrer Kunden, sagt Ruth Götzinger, kenne sie besser als ihre Freunde.
Es ist 9:30 Uhr an einem Mittwochmorgen. Der erste Kunde klopft an der Tür. Er hat den Termin vereinbart, sonst kommt man unten nicht am Wachpersonal vorbei. Auch nicht für die zwei Minuten, die dieser Besuch dauert. Der Mann, vielleicht Mitte dreißig, grüßt, sitzt, unterschreibt ein Stück Papier. Dann nimmt er seine 322,53 Euro vom Tisch, wie an jedem Monatsende.
Dieser Mann, sagt Ruth Götzinger, hat kein Konto. Er ist so überschuldet, dass keine Bank ihn haben möchte. Deshalb bekommt er seinen Hartz-IV-Satz bar auf die Hand - beziehungsweise das, was davon übrig bleibt. Das Amt zieht die Rate ab, mit der er ein Darlehen zurückzahlt.
Im Verwaltungsstudium wurde Ruth Götzinger nicht mit Sozialarbeit vertraut. Sie kennt sich aus mit Gesetzen, mit Regelungen, mit Zahlen. Mit dieser Ausbildung könnte sie im Bauamt arbeiten, im Rathaus oder bei der Führerscheinstelle. "Nichts gegen die Kollegen", sagt ihr Chef Josef Sebald über den Hartz-IV-Job in München-Mitte, "aber das hier ist schon was anderes, als Hundesteuer zu berechnen."
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Partyzone Flußufer
Erstens: Jeder Hartz-IV-Bezieher ist anders. Arbeitslosigkeit bedeutet zu Hause sitzen zu müssen, das verursacht bei vielen Depressionen, Alkoholismus oder andere Suchtabhängigkeit, verständlicherweise, denn die meisten Leute wollen arbeiten.
Deshalb trifft eine öffentliche Schelte wie die von Westerwelle auch immer die Falschen.
Zweitens: Das ewige Gerede, dass alleine die Gesellschaft oder die Jobcenter an der Misere schuld seien trifft es auch nicht. Bei manchen ist die "persönliche Krise" auch selbstverschuldet. Wer Fremdkritik übt, muss auch Selbstkritik üben können. Nur wenn ich mich selber, meine Widersprüche und Zweifel erkenne und willens bin eigene Fehler einzugestehen komme ich voran.
Drittens: In Jobcentern läuft sicherlich nicht alles optimal, es gibt engagierter und weniger engagierte Leute. In München aber beispielsweise habe ich keine Leute mit dem Kaffee in der Hand auf dem Gang gesehen. Und dass nicht auch im öffentlichen Dienst Leute Überstunden machen sollten leuchtet mir nicht ein. Natürlich gibt es das auch! Es sind immer wieder die selben Reflexe bei Gerechtigkeitsdiskussionen, die oft zu Selbstgerechtigkeitsdiskussionen ausarten.
Heute in der SZ gelesen: Die Arbeitsagentur hat sich darüber beschwert, dass in München zu wenig gekürzt wird ("nur" 2,nochwas Prozent anstatt von 4,nochwas Prozent in ganz Bayern). Der Stadtrat hat gesagt, dass das so in Ordnung ist, die Arge München arbeite gut.
Die Bundesagentur hat eine betriebswirtschaftliche Ausrichtung in ihrer Konzeption, und ähnelt so auch so manchem Unternehmen (befristete Arbeitsverhältnisse, Mitarbeiterüberwachung).
Soziale öffentliche Dienstleistungen müssen aber unter demokratischen Aspekten erbracht werden. Hier sollte die Kultur des öffentlichen Dienstes noch ein wenig demokratisiert werden, die Bundesagentur sollte gänzlich verschwinden aus der Arbeitsvermittlung (nur Kommunen). Eine engere Vernetzung von örtlichen Unternehmen mit der Arbeitsvermittlung sollte in Angriff genommen werden, so wie in Skandinavien (Schweden).
zu Ihren 500.000 Qualifizierten addieren wir die 1 Million 55-65 Jährigen, die altersbedingt nicht vermittelbar sind. Dann zählen wir die 200.000 dazu, die aus Krankheit etc. nicht in der Statistik geführt werden. Dazu kommen noch 1 Million 1 Eurojobber und 200.000 bei Zeitarbeitsfirmen geführte Arbeitslose. Dann kommen noch 1,5 Millionen 400 EuroJobber, die gerne Vollzeit arbeiten würden und dann noch die Scheinselbständigen und und und
schon sind wir wieder bei über 5 Millionen, die sich um ihre 942.000 offenen Stellen raufen.
P.S. Apropos offene Stellen. Ich hab mir mal vor 20 Jahren vom Arbeitsamt offene Stellen besorgt. Von 5 waren 4 längst besetzt. Shit happens.
...laut statistisches Bundesamt haben wir hier in Deutschland 43.466.000 Erwerbstätige und 3.295.000 Erwerbslose (ALG I und Hartz IV), d. h. im Klartext das 92,5 % der arbeitenden Bevölkerung gerade mal 7,5 % mit ernähren muss und dass soll so ein riesiges Problem sein ? Ich fasse es nicht und gebe Ihnen recht, das ist nicht nachvollziehbar. Wenn diese 7,5 % unser Land angeblich in den Abgrund reissen sollen, dann ist Deutschland aber schon lange "übernahmegefährdet".
...dann ziehen wir zunächst von den 3,5 Mio Arbeitlosen 1 Mio ab, die (wie das Paradebeispiel Timo Gruber) nicht arbeitswillig sind. Dann ziehen wir nochmal 0,5 Mio für die ab, die nicht bereit sind für einen Arbeitsplatz umzuziehen und zu guter Letzt ziehen wir die 1,5 Millionen ab, die nicht hinreichend qualifiziert ist (sei es ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss).
Nach Adam Riese bleiben 500.000 ausreichend qualifizierte Arbeitswillige für 942.000 (Stand Ende 2009) offene Stellen. Jeder der arbeiten will (!) bekommt auch eine Arbeit.
...denn das Arbeitssuchende derat lange Hartz IV beziehen liegt zu einem großen Teil auch an den Ämtern. Da stehen die Mitarbeiter zusammen auf den Gängen mit Kaffee in der Hand und schwatzen (kommen pünktlich und gehen pünktlich von Überstunden keine Spur), da werden Hartz IV-Empfänger zu Alibiveranstaltungen geschickt und dann monatelang nicht mehr weiter betreut, es werden großartige Versprechungen gemacht welche Maßnahmen denn als nächstes anstehen aber genau Termine dafür gibt es noch nicht und so geht ein Monat nach dem anderen ins Land und nichts passiert. Wenn dann mal einige ungeduldige Hartz IV-Empfänger nachfragen und auf Gesprächstermine bestehen läuft auch dies meist in Leere. Es wird mal Zeit den Ämtern Dampf zu machen, nicht den Leidtragenden dieser unsäglichen Misere.
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