Hässlichkeit in den Städten Nach außen gestülptes Privatmieftum

Aber begleiten wir Frau A. noch ein Stück weiter. Vielleicht gibt es viele Schuhe dieser Art. Auf ihrem Weg in die Innenstadt kommt sie an Doppelhaushälften vorbei. Vor den Doppelhaushälften haben sich die Doppelhaushälftenbewohner Fertigteilgaragen bauen lassen. Man sieht also kein Haus und keine Fassade, wenn man daran vorbeikommt, sondern eine schäbige Billigblech-und-Betonkiste, gegen die jedes Sechziger-Jahre-Kaufhaus im Schönheitswettbewerb weit vorne läge.

Und die Bäume wurden abgeschlagen, weil Bäume Arbeit machen und Blätter verlieren. Stehen blieb im Garten nur die alte zerschlissene Piratenfahne (Deutschlandfahne, Bayernfahne, Borussia-Dortmund-Fahne). Für Kinder, die dort nicht mehr wohnen oder schon zu groß für Piratenfahnen sind. Ist halt stehengeblieben: die rostende Fahnenstange.

Aber weiter: Es kommen erbärmliche, tausendfach überklebte Klingelschilder. Es kommen massive Ketten, die in zerschlissenen Gartenschläuchen stecken. Die Ketten sichern die mit ödem Betonstein belegte Auffahrt zur Garage. Und zwar mit militanter Hau-ab!-Geste. Es kommen verschmutzte, halbblinde Fenster aus teigigem Kunststoff - die sind billig! Es kommt die unvermeidbar gigantische Satellitenschüssel, die eine Fassade eher als jeder Architekt ruiniert. Es kommt das komplette Zubehör aus dem Gartenparadies, die Plastikcampingliege, der "Pool", der einer blauen Badewanne ähnlicher ist als einem Pool - und natürlich kommt das Holzblockhaus Marke "Klondike". Klondike trägt ein Dach aus grüner Plastikfolie und sieht auch sonst unkaputtbar aus.

Zum Schluss ihres Wahlgangs kommt Frau A. übrigens noch an jenen Balkonen vorbei, von denen die meisten Menschen annehmen, sie seien Privatsache. Privater Raum. Nur: Man kann ihn sehen, diesen Raum, dieses Gerümpel, diesen Dreck, dieses nach außen gestülpte Privatmieftum. Man kann das sehen wie ein hässliches Hochhaus. Wie eine Brücke. Wie einen Bahnhof. Der Blick auf das Hässliche ist immer der Blick auf das Hässliche. Warum begehren wir nicht gegen den Terror des Alltags auf? Der hat mit unserem Leben viel mehr zu tun als all die vielgeschmähten Prestigeprojekte zusammen. Warum? Weil wir dann uns selbst anklagen müssten.

Natürlich gibt es viele gute Gründe, gegen den neuen Bahnhof in Stuttgart zu sein. Oder gegen die Brücke in Dresden. Oder für ein Schloss in Berlin. Und auch gegen ein Schloss in Berlin. Die Unwirtlichkeit aber, gegen die Frau A. und ihre Freunde kämpfen, fängt nicht im Großen an. Sondern bei Frau A. und ihren Nachbarn.