40 Gründe gegen Kinder "Das Balg nervt"

In ihrem Buch "No Kid" rechnet die Französin Corinne Maier mit der Idylle des klassischen Mutterbilds ab. Dass sie lieber keine Mutter wäre, nehmen ihre Kinder nicht persönlich.

Interview: Charlotte Frank

Die Autorin und zweifache Mutter Corinne Maier schreibt über sich selbst: "Mir wäre es lieber, keine Kinder zu haben." Ihr Buch, das in Frankreich wochenlang auf den Bestsellerlisten rangierte, kam im Juni auf Deutsch bei Rohwolt heraus. In nur vier Monaten hat sich fast die komplette Erstauflage verkauft.

sueddeutsche.de: Frau Maier, in "No Kid" bezeichnen Sie Kinder als Monster, Liebestöter, programmierte Enttäuschung, Lärmbelästigung. Hassen Sie Kinder?

Corinne Maier: Sagen wir es so: Ich hasse den gesellschaftlichen Diskurs über Kinder. Dieses Bild von der glücklichen Familie, von dem uns die Politik immer vorgaukelt. Wir sollten uns mal ehrlich fragen: Sind es wirklich die Frauen, die Kinder haben wollen? Oder ist es die Politik, die das will?

sueddeutsche.de: Das Kind an sich lehnen Sie also nicht ab?

Maier: Nein - zumindest nicht mehr als die Erwachsenen.

sueddeutsche.de: Sie sind nicht so die Menschenfreundin, oder?

Maier: Das unterstellen Sie mir nur, weil ich unbequeme Wahrheiten ausspreche. Ich weiß, als Frau sollen wir immer sagen: Kinder zu haben ist toll und Muttersein das vollkommene Glück. Aber es gibt viele, die sich manchmal denken: Das Balg nervt. Bloß weil ich das aufschreibe, bin ich keine Misanthropin.

sueddeutsche.de: Aber bei Babyschwimmen denken Sie nur an vollgepinkeltes Wasser und bei Weihnachten an den "entrückten, leicht schwachsinnigen Gesichtsausdruck des Kindes".

Maier: Weil ich finde, dass viele Eltern sehr alberne Sachen mit ihren Kindern tun, nur weil sie glauben, dass die Gesellschaft so etwas von ihnen erwartet.

sueddeutsche.de: Vielleicht auch, weil Sie zufrieden sind und so etwas gerne für Ihr Kind tun?

Maier: Meinetwegen, jeder hat das Recht zu tun, was er will. Aber mein Recht ist es zu sagen, dass ich das lächerlich finde.

sueddeutsche.de: Wieso ist es denn so lächerlich?

Maier: Weil dieses Gehabe die Familie glorifiziert. Machen wir uns nichts vor: In jeder Familie gibt es Spannungen, Eifersucht, negative Leidenschaften. Es ist nicht alles wie in der Waschmittelwerbung. Mütter, die gleichzeitig arbeiten und Kinder haben, sind vor allem eins: müde. Diese politische Binse, Job und Familie seien leicht zu vereinbaren, ist eine glatte Lüge.

sueddeutsche.de: Das sagen Sie jetzt als Französin?

Maier: Na klar! Glauben Sie bloß nicht, nur weil es bei Ihnen in Deutschland jetzt auch Krippen und ein bisschen Elterngeld gibt, würden Frauen entlastet. Das Gegenteil ist der Fall! Die Belastung wird immer größer. Deshalb auch mein Vorwort in der deutschen Ausgabe: "Deutsche, macht es nicht wie Eure französischen Nachbarn." Bislang haben sich die deutschen Frauen ja beim Kinderkriegen zurückgehalten. Das war klug.

sueddeutsche.de: Unsere Volkswirte und Politiker behaupten das Gegenteil.

Maier: Die sind ja auch an Konsum und dem Fortbestand der nationalen Identität interessiert. An die Frauen und was aus ihnen wird, denkt keiner.

sueddeutsche.de: Sind Sie eigentlich manchmal ein bisschen frustriert vom Leben, Frau Maier?

Maier: Wie kommen Sie darauf?

sueddeutsche.de: Na ja, wie sonst würden Sie jemanden beschreiben, der zugibt: "Bei Abendgesellschaften mit Leuten, die es zu etwas gebracht haben, langweile ich mich zu Tode."

Maier: Sagen wir so: Es kommt schon öfter vor, dass ich mir vor Augen führe, worauf ich wegen meiner Kinder verzichten musste. Das ist eine Menge.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Kinder der Autorin auf das Buch reagiert haben ...