Große Altersunterschiede bei Paaren "Man verschiebt das schnell in den neurotischen Bereich"

Überhaupt, die Ferndiagnosen. Mutterkomplexe, Vaterkomplexe, ungelöste Konflikte, Suche nach der verlorenen Jugend, Geldgier, Sexgier, Imagekorrektur, Abhängigkeit: Was wird nicht alles in die Beziehungen zwischen alten und jungen Menschen hineinproblematisiert, vor allem von außen. "Man verschiebt das schnell in den neurotischen Bereich, aber man muss wirklich jeden Einzelfall sehen", sagt Paartherapeut Holzberg. Neurotische Anteile gebe es reichlich in jeder Beziehung, auch unter Gleichaltrigen. Eine Alt-Jung-Beziehung könne da durchaus friedlicher verlaufen, denn: "Konfliktpotenziale wie der gesellschaftliche Habitus oder Erziehungsstile gehören oft nicht mehr zu den Entwicklungsaufgaben dieser Paare."

Auch im Netz, wo sich heute die einsamen Herzen sammeln und suchen, gibt es inzwischen Angebote für die spezielle Zielgruppe. Die Kontaktbörsen heißen in diesem Fall "reif-trifft-jung.de" oder "altersvorsprung.de", und sie sind, zumindest auf den ersten Blick, geschlechtsneutral. Bei genauerem Hinsehen haben die Portale dann allerdings doch eine Schieflage. Und ein klares Ziel: Frauen unter 30 und Männer über 40. Frauen inserieren gratis, Männer für acht Euro pro Monat. Im umgekehrten Verhältnis - Frau alt, Mann jung - findet man fast nichts, höchstens zaghafte Fragen wie: "Hallo, da ich sehr auf ältere Frauen stehe, wollte ich mal fragen ob es 'ne community oder 'nen Portal gibt, wo man diese kennenlernen kann. Bin selber 22 und würde gerne eine Frau ab 37 rum bis 55 kennenlernen." Die lapidare Antwort der Community auf gutefrage.net: "Versuch's mal in Tennis- und Golfclubs."

Was die Gesellschaft so irritiert? Ungleiche Paare müssten sich immer erklären, weil sie von dem Schema "Gleich-und-Gleich-gesellt-sich-gern" abwichen, erklärt Holzberg. Das sei so wie mit dem Opernfan, der aus Liebe in Hardrock-Konzerte mitgehe. Oder wie die Chefsekretärin, die mit einem Rocker verlobt sei. Da rebelliert das limbische System der Außenstehenden ganz einfach, und zwar in allen Kulturen.

Warum regt uns das auf?

Bleibt der Sex. Landläufig gilt der junge Körper als schöner, erotischer. Trotzdem fühlen sich viele Menschen auch körperlich zu älteren Partnern hingezogen, was vor allem mit der Art und Weise zusammenhängt, wie diese mit ihrem Körper umgehen können. Schon im Kinsey-Report über Sexualität steht, dass Frauen ihre größte sexuelle Erlebnisfähigkeit in späteren Jahren erreichen, da passt ein junger Partner also prima. Von jüngeren Frauen wiederum sagen Sexualforscher, dass diese oft die Erfahrenheit älterer Männer schätzen. Sinkender Testosteronspiegel hin oder her, der ältere Liebhaber sei wie ein virtuoser Klavierspieler (der vor dem Konzert allerdings manchmal eine kleine Pille schlucken muss).

So. Wenn das alles stimmt, wenn es also viele, und nicht nur hormonelle oder pekuniäre Gründe für die Partnerwahl außerhalb der eigenen Alterskohorte gibt, dann bleibt doch eine Frage: Warum regt uns, das Publikum, das noch so auf? Warum sorgt Silvio Berlusconi mit seiner Verlobten für mehr Gesprächsstoff als mit der Ankündigung, in die Politik zurückzukehren? Warum weiß kein Mensch wie Demi Moores letzter Film hieß - aber jeder, dass sie bis vor kurzem mit ihrem 16 Jahre jüngeren Schauspielkollegen Ashton Kutcher zusammen war, und er sie schließlich mit einer jüngeren betrogen hat?

Sicher, das öffentliche Bild der generationenübergreifenden Liebe hat sich gewandelt. Kannte der kulturelle Kanon bis vor wenigen Jahren fast nur ältere Männer, die mit jungen Frauen zusammen waren, gibt es heute auch viele Beispiele älterer Frauen, die junge Männer zum Partner haben. Allerdings hat nicht jeder dieser Fälle das gesellschaftliche Verständnis gefördert. Eine der populärsten und mit Sicherheit breitenwirksamsten Figuren war die von Kim Cattrall gespielte PR-Frau Samantha Jones aus der Ende der neunziger Jahre angelaufenen und weltweit populären US-Serie "Sex and the City": eine vulgär überzeichnete und Zoten reißende Nymphomanin im fortgeschrittenen Alter, die sich bindungsunfähig durch die Staffeln, ja, rammelte, bis sie schließlich für eine Weile in den Armen eines halb so alten Adonis liegen blieb, den sie letztlich aber auch betrügen und sitzen lassen musste.

Berlusconi liefert einfach zu gute Vorlagen

Ein anderes, nicht ganz so plattes Beispiel war die bis zum Mai dieses Jahres ausgestrahlte Serie " Cougar Town." Darin suchte eine von ihrem Mann lebende Immobilienmaklerin mit Sohn im Teenageralter nach Liebe und Mitteln gegen Bauchfalten und wabblige Waden. Das Ergebnis war eine launige Seifenoper, die vor allem vom wunderbar komischen Talent der 46-jährigen Hauptdarstellerin Courteney Cox lebte. Doch letztlich war auch diese Serie, war auch diese Frau im Kern: ein Witz. Schon der Name - "Cougar" (deutsch: Puma) - spricht Bände. Er soll auf das, nun ja, silbrig glänzende Fell anspielen.

Die Tatsache, dass ein gesellschaftlicher Wandel kulturell verarbeitet wird, heißt nicht, dass er dadurch mehr Akzeptanz erfährt. Generationenübergreifende Beziehungen werden zwar geduldet, mehr aber nicht. Das ach so aufgeklärte Publikum zerreißt sich in diesem Fall trotzdem das Maul. Das mag daran liegen, dass es keine Interessenvertretung gibt, die gegen Diskriminierung vorgehen könnte, also eine Art Verband "Straff liebt Faltig" oder so. Ganz sicher liegt es, erstens, an den Zerrbildern im Fernsehen und, zweitens, an den Zerrbildern, die in die Wirklichkeit drängen. Silvio Berlusconi, zum Beispiel, liefert einfach zu gute Vorlagen, selbst für Menschen, die pikiert reagieren würden, wenn man sie als Boulevardschmierer bezeichnen würde. Den Rom-Korrespondenten der ARD, Stefan Troendle, zum Beispiel. In einem als "Glosse" deklarierten Text mit dem Titel "Was sind schon 50 Jahre Unterschied, Silvio?" machte sich Troendle Mitte der Woche über die neue Beziehung des Italieners lustig. Dabei bezeichnete er dessen junge Partnerin wahlweise als hinternwackelnde "Gespielin" und als "Hühnchen". Womit wir den dritten Grund für unsere Erregung hätten: Sie ist so wunderbar billig zu haben.