Große Altersunterschiede bei Paaren Mangel wegen Gleichheit?

Was will der alte Mann von der jungen Frau - und sie von ihm? Was gibt die alte Frau dem jungen Mann, und umgekehrt? Und schließlich: Was sagt es über uns, die wir uns über Paare wie diese noch immer so sehr erregen können?

Vielleicht hilft es, sich dem Thema zu nähern, in dem man zuerst die Frage nach der Norm stellt. Wenn ein Mensch sich für einen Partner entscheidet, der deutlich älter oder jünger ist, dann entscheidet er sich zugleich, bewusst oder unbewusst, gegen einen gleichaltrigen Partner. Ein Grund dafür könnte sein, dass er oder sie in der eigenen Altersklasse etwas vermisst, dass also aus der Gleichheit ein Mangel entsteht.

Reifere Frauen, zum Beispiel. Was viele von ihnen heutzutage von ihren gleichaltrigen Partnern erwarten, können diese oft nur schwer erfüllen. Sich auf ein modernes Frauenbild einlassen, das Selbstbewusstsein der Partnerin und ihr eigenes Konto ertragen: Das schaffen wenige. Da sind jüngere Männer oft weiter - sagt zum Beispiel die Soziologin Ursula Richter. Die 70-Jährige hat sich mit dem Thema der generationenübergreifenden Liebe schon in ihrer Doktorarbeit befasst. Das Buch, das daraus entstand, trägt den Titel "Einen jüngeren Mann lieben - neue Beziehungschancen für Frauen". Richter selbst war 30 Jahre lang mit einem 13 Jahre jüngeren Mann verheiratet.

Neue Impulse durch junge Liebe?

Bleiben die reiferen Männer. Zu den offensichtlichen Vorteilen einer jüngeren Partnerin zählt ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen - falls das denn noch gewünscht ist. Viele Männer im fortgeschrittenen Alter haben schon Kinder. Silvio Berlusconi, zum Beispiel, ist fünffacher Vater, in der Hinsicht muss er nichts mehr beweisen. Aber wer weiß. Für den Fall, dass er doch noch einmal will (und kann): Mit einer 27-Jährigen dürfte es klappen.

Was aber treibt die Männer, die keine Lust haben, weißhaarig Windeln zu wechseln, von ihren gleichaltrigen Frauen weg? Paartherapeuten sagen, dass viele, die sich trennen und dann eine jüngere Partnerin suchen, über ein Zuviel der gemeinsamen Vergangenheit klagen. Dass die gleichaltrige Partnerin irgendwann schlicht genervt habe. Mal nicht mit einer Frau zu tun zu haben, die ähnliche Lebenserfahrungen gemacht hat, die auf gleicher Erlebnisebene steht und ständig "Warum?" fragt, das könne das Leben aus ihrer Sicht angenehmer verlaufen lassen. Eine Jüngere bringe eigene, neue Impulse. Das sei zumindest das Wunschbild vieler älterer Männer. Dazu gibt es allerlei eifrige Forschungsarbeit von Paarpsychologen, Therapeuten und Evolutionsexperten, mal mit mehr, mal mit weniger Binsen.

Verhaltensbiologen und Psychologen sprechen bei der Mischung aus körperlicher Frische auf der einen Seite und einem gesicherten Lebensumfeld auf der anderen Seite von einem Vorteil, der sich im "sozioökonomischen Status", kurz SES, messen lässt. Wenn man vom Kinderkriegen absieht, gilt der SES gleichermaßen für ältere Frauen und ältere Männer. Weil aber (noch) nicht alle Forschungen unter Gleichstellungsgesichtspunkten erarbeitet wurden, hier die Ergebnisse einer älteren Arbeit an der amerikanischen Syracuse University: 112 Probandinnen bekamen Fotos eines gut aussehenden und eines unattraktiven Mannes vorgelegt. Einmal trugen sie die Arbeitskleidung einer Burgerbraterei, einmal einen gut geschnittenen Anzug und eine edel wirkende Uhr. Das Ergebnis: Den Männerbildern mit dem teuren Outfit sprachen die Frauen den höchsten sozioökonomischen Status zu. Der hässliche Kerl im Anzug bekam mehr Punkte als der Hübsche in der Fastfood-Kluft. Im Vordergrund stehe also nicht das körperliche Erscheinungsbild, sondern die materielle Sicherheit, die man sich von einem möglichen Partner verspreche, so das Studien-Ergebnis.

Schlüsselreize aus der Steinzeit

Der Psychologie-Professor David Buss von der Universität von Texas in Austin hat für sein Nachschlagewerk "Die Evolution des Begehrens. Geheimnisse der Partnerwahl" 10 000 Männer und Frauen verschiedener Kulturen befragt. Am deutlichsten unterschieden sich die Geschlechter in der Frage nach dem Alter. Frauen tendierten durchwegs zu einem Partner, der etwas älter als sie selbst ist. Männer bevorzugten eine jüngere Partnerin; am liebsten wollten sie eine Frau im Alter von durchschnittlich 24,8 Jahren heiraten, was dem Höhepunkt der Gebärfähigkeit entspricht. Es sind Schlüsselreize aus der Steinzeit, die man nicht weggendern kann. Und über allem steht das limbische System im Gehirn, welches das Triebverhalten und die Verarbeitung von Emotionen steuert. Einerseits.

Andererseits schalten sich bei der Partnerwahl auch weitere Hirnpartien ein. So gibt es neben jungen Frauen, die materielle Sicherheit suchen, auch solche, die selbst erfolgreich sind, gut verdienen und sich trotzdem in einen wesentlich älteren Mann verlieben - weil der ihnen geistig mehr zu bieten hat und auf gleicher Augenhöhe attraktiv ist. Der auf Neurofeedback spezialisierte Psychologe Axel Kowalski hat einmal festgestellt, dass das bereits bei Frauen um die 20 beginne: "Die Jungs in dem Alter unterscheiden sich kaum von Teenagern. Frauen sind in dem Alter sehr viel weiter entwickelt."

Der Hamburger Paartherapeut und Buchautor Oskar Holzberg spricht in dem Zusammenhang von einem möglichen "narzisstischen Gewinn" für jüngere Partnerinnen und Partner: "Sie haben nicht nur einen Menschen erobert, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung und Macht über Geld und Dienstleistungen." Ein weiterer Bonus: "Allein durch ihre Jugend und Vitalität haben sie Macht über den Älteren, denn dessen Angst, den jüngeren Partner zu verlieren, steigt von Jahr zu Jahr an." So ein Satz klingt zwar auch nicht unbedingt nach dem Ideal der selbstlos romantischen Liebe, aber es steckt doch wesentlich mehr Musik und Tiefe drin als in der immer gleichen Annahme: Jugend gegen Sicherheit.