Von Martin Wiehl

Viele Ärzte verordnen auch bei Virusgrippe vorsorglich ein antibakteriell wirksames Medikament. Das lässt sich aber durch eine verbesserte Diagnostik oft vermeiden.

Verrotzt, verheult, verquollen, so beschreibt der Grippeexperte Georg E. Vogel aus München das typische Gesicht eines Influenza-Kranken. Allein schon die Blickdiagnose in Verbindung mit ersten Symptomen legt den Verdacht auf Influenza nahe.

Grippevirus: In sechs Stunden 2000 Kopien (© Foto: dpa)

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Wer über plötzliches hohes Fieber über 38,5 Grad Celsius und schweres Krankheitsgefühl klagt, muss bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 80 Prozent damit rechnen, eine Virusgrippe zu haben.

Dies gilt aber nur in Epidemiezeiten mit Häufung von Influenza-Fällen in der Region. Ansonsten rutscht die Treffsicherheit der Diagnose allein aufgrund der Symptome auf etwa 40 Prozent ab.

Antibiotika ist häufig gar nicht nötig

Mehr Gewissheit verschaffen Influenza-Schnelltests, die in jeder Arztpraxis durchgeführt werden können. Ihre Ergebnisse liegen binnen 10 bis 15 Minuten vor. Schlägt der Schnelltest positiv an, so sollte man keine Zeit verlieren und sofort mit der antiviralen Therapie mit sogenannten Neuraminidasehemmern beginnen, empfiehlt Vogel.

Jede Minute ist kostbar. Denn alle sechs Stunden entstehen aus einem einzigen Influenzavirus bis zu 2000 Kopien. Nach 48 Stunden hat sich das Virus so zahlreich vermehrt, dass es nicht nur die Atemwege, sondern den ganzen Organismus überschwemmt hat. Auch Blutgefäße und Organe, selbst der Herzmuskel sowie das zentrale Nervensystem, können befallen sein. Ist diese Zeit verstrichen, kommen die Virus hemmenden Medikamente zu spät.

Das größte Problem dabei: Die Viren zerstören die Schleimhautbarriere der Atemwege. Damit eröffnen sie bakteriellen Superinfektionen die Eintrittspforte. Der überwiegende Teil komplizierter Influenza-Verläufe ist auf solche Superinfektionen zurückzuführen.

Deshalb, so Vogel, ist es ratsam, parallel zum Influenza-Schnelltest einen Abstrich machen zu lassen, um eine bakterielle Beteiligung festzustellen. Das kann jedoch dauern. Um Zeit zu gewinnen, sollten deshalb weitere Labortests durchgeführt werden, die eine schnelle Entscheidung erlauben. Eine Antibiotika-Therapie ist nämlich häufig gar nicht nötig.

PCT-Test bringt Gewissheit

Vogel berichtet in diesem Zusammenhang von eigenen Erfahrungen mit 188 Erkrankten, bei denen eine Influenza mit Schnelltests nachgewiesen und durch einen weiteren sicheren Test (PCR) bestätigt wurde. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen wurde die Influenza so früh erfasst und antiviral behandelt, dass keine Antibiotikagabe mehr notwendig war.

Einen noch einfacheren Weg, eine bakterielle Beteiligung aufzudecken, empfiehlt der Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover. Im Vergleich zu gesunden Personen ist nämlich die Plasma-Konzentration des Hormons Procalcitonin (PCT) bei viralen Erkrankungen nur 10 bis 100-fach erhöht, bei bakteriellen Infektionen jedoch 1.000- bis zu 100.000-fach.

Ein PCT-Test entlarvt somit mit nahezu 100 prozentiger Treffsicherheit eine Beteiligung von Bakterien. Und das weist den Weg in eine Antibiotika-Therapie, wenn sie wirklich notwendig ist.

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(www.medical-tribune.de)