Gothic-Mode Todschick

Kleid mit Blut: Mode und Kunst entdecken morbiden Glamour und schaffen eine schwarze Epoche.

Von Miriam Stein

Zu keiner Zeit des Jahres hat man die Vergänglichkeit unmittelbarer vor Augen. Die Blätter fallen von den Bäumen und legen knochige Äste frei, aufziehende Kälte kündigt die dunkle Jahreszeit an - in diesmal auch noch sowieso dunklen Zeiten.

Eine passendere Saison hätte sich die Ausstellung "Gothic: Dark Glamour" nicht aussuchen können, die noch bis Ende Februar 2009 im Museum at the Fashion Institute of Technology in New York zu sehen ist. "Dark Glamour" zeigt die weltweit größte Sammlung von 50000 Kleidungsstücken und Accessoires, die der dunklen Seite der Modegeschichte entstammen. Und die ist umfangreich: Schon im 18. Jahrhundert stellte der italienische Dichter Giacomo Leopardi die Verwandtschaft von Vergänglichkeit, Tod und Mode her. Von ihm stammen folgende Zeilen, die als Inschrift über der Ausstellung stehen:

"Ich bin die Mode, deine Schwester", erklärt die Mode dem Tod.

Der erwidert überrascht: "Meine Schwester?"

Darauf die Mode: "Erinnerst du dich nicht? Wir sind beide Kinder der Vergänglichkeit."

Angesichts der lebens- und jugendverlängernden Maßnahmen medizinischer und kosmetischer Natur, die den Alltag heute prägen, könnte man diese Ausstellung als unzeitgemäß bezeichnen. Doch tatsächlich ist der Glamour der Vergänglichkeit aktueller denn je. Valerie Steele, Yale-Doktorandin der Kulturhistorik und Kuratorin von "Dark Glamour", gilt als Koryphäe auf dem Gebiet extremer Mode.

In zahlreichen Veröffentlichungen fügte sie schon High-Heel- und KorsagenFetisch in den kulturhistorischen Kontext. Laut Valerie Steele gibt es keinen eindeutig kausalen Zusammenhang zwischen kulturellen Strömungen und der Faszination der Popkultur mit dem Abgründigen. "Wie die Gewissheit der eigenen Vergänglichkeit", so Valerie Steele, "verschwindet die Anziehungskraft der Dunkelheit niemals ganz aus der Mode".

Die Erotik des Makaberen

Seit Alexander McQueen vor einem Jahr schwarze Magie und Hexenjagd thematisierte, verweisen immer mehr Modeschöpfer auf Tod, Vergänglichkeit und die Erotik des Makabren. Besonders stark hat sich der Sog des Horrors auf die New Yorker Laufstege ausgewirkt. Von Rodarte über Monique Lhuillier bis Zac Posen - überall dort sieht man in dieser Saison Schwarz, das in Kombination mit Samt, Tüll und Spitze den typischen Gothic-Touch bekommt. Auch in Europa ist der Trend angekommen: In London kreiert Gareth Pugh Furchteinflößendes mit kreideweißen Gesichtern, in Paris garniert Givenchys Riccardo Tisci düstere Kleider mit Kruzifix-Ketten und schwarzem Lippenstift.

Die Nachwuchsstars der New Yorker Szene, die Zwillinge Kate und Laura Mulleavy, haben als Chefdesignerinnen von Rodarte bisher mit eleganter, zarter Mode überzeugt. Herzstück der neuen Kollektion sind "Blut-Roben", für die sie sich vom koreanischen Horrorfilm "A Tale of Two Sisters" inspirieren ließen, und ganz besonders vom Filmplakat, das die kindlichen Protagonistinnen in blutverschmierten Kleidern zeigt.

"Blut-Roben"

Die roten Einfärbungen auf den schneeweißen Rodarte-Seidenkleidern sind Blutspritzern nachempfunden - die Trägerin sieht aus, als sei sie einer Messerstecherei nur knapp entkommen. In einem Gespräch, das Schauspielerin und Rodarte-Fan Natalie Portman für das Interview-Magazin mit ihr geführt hat, sagt Kate Mulleavy: "In den Filmen werden immer die gleichen Bilder verwendet. Geister-Mädchen mit Haaren vorm Gesicht, blutverschmiert und wunderschön. Wir wollten blutige Kleider machen."

Das Ergebnis ist verstörend: Darf ein Designer mit so offenkundig gewalttätigen Bildern spielen? Vielleicht - wenn es alle machen: Autorin Cintra Wilson nannte den Trend, der von Rick Owens und Alexander McQueen angeführt wird, kürzlich in der New York Times "Haute Goth".

Das Gothik-Bild wurde bislang von Vertretern der "Emo"-Bewegung repräsentiert, deren Anhänger meist unter zwanzig sind. Als Emos bezeichnen sich Teenager, die sich mit Bands wie My Chemical Romance und Fall Out Boy identifizieren. Das Erscheinungsbild mit weißem Make-up und schwarzem Eyeliner zu schwarzen Klamotten lässt sich irgendwo zwischen Schock- und Karnevalsverkleidung einordnen.

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