Wenn nur der kurzfristige Triumph zählt: Wie jugendliche Gewalttäter werden, wie sie sind. Eine Außenansicht.
Norbert Nedopil ist einer der führenden Gerichtspsychiater Deutschlands. Er leitet die Abteilung für Forensische Psychiatrie an der Klinik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.
Wie kommt es zu einer solchen Brutalisierung von Jugendlichen und Heranwachsenden? Die genetische Ausstattung alleine ist noch nicht dafür verantwortlich. (© Foto: dpa)
Anzeige
Die Täter von München-Solln sind 17 und 18 Jahre alt, und Laien wie Experten fragen sich: Was geht in deren Köpfen vor? Wie sind die so weit gekommen? Der Fachmann weiß, dass diese Frage nur im Einzelfall nach einer sorgfältigen Untersuchung der Täter beantwortet werden kann. Die allgemeinere Frage lautet: Wie kommt es zu einer solchen Brutalisierung von Jugendlichen und Heranwachsenden? Wenn man als forensischer Psychiater darauf eine Antwort sucht, tut man das nicht, um mitleidig oder nachsichtig das schwere Schicksal der Täter zu beklagen. Man tut es aber auch nicht, um zu verurteilen. Sondern man versucht zu verstehen, um damit zu verhindern. In der Fachsprache heißt das Prävention.
In den vergangenen Jahren ist das Wissen um die Entstehung von Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit, um biologische und soziale Reifung, um Entwicklungsdefizite und deren Auswirkungen enorm gewachsen. Gleichzeitig scheinen der Umgang mit Jugendlichen und die gesellschaftlichen Reaktionen ebenso wie Gesetze nur sehr begrenzt auf diesem Wissen aufzubauen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass der Weg hin zu Kriminalität und Gewaltbereitschaft nur in Ausnahmefällen auf eine einzige, klar erkennbare Ursache zurückzuführen ist. In der Regel muss man viele Mosaiksteine zusammensetzen, um ein Bild zu erhalten.
Vererbbares Temperament
Das typische Beispiel für eine solche Entwicklung beginnt mit der Temperaments-Ausstattung des Kindes, die von den Eltern ererbt wurde. Die genetische Forschung hat gezeigt, dass sich Menschen mit ähnlichen biologischen Anlagen suchen und paaren. Wenn Impulsivität, Wagemut und fehlende Angst vor negativen Konsequenzen zu deren vererbbaren Temperamentsfaktoren gehören, werden sie sich auch bei den Kindern finden.
Kommen Missbrauch von Drogen und Alkohol, Nikotinkonsum der Mutter während der Schwangerschaft und ein insgesamt wenig solider Lebensstil der Eltern hinzu, so ist das Neugeborene nicht nur durch seine genetische Ausstattung, sondern auch durch toxische Einflüsse während der Schwangerschaft gefährdet.
Jedem ist das bedauerliche Schicksal der Kinder drogenabhängiger Mütter vorstellbar, die nach der Geburt Methadon erhalten müssen, um nicht in den Entzug zu kommen. Die schädigende Wirkung von Nikotin auf die Entwicklung der Nerven ist weit weniger bekannt und erst in den vergangenen Jahren in ihrer Dramatik erforscht worden.
Säuglinge, die unter solchen Umständen auf die Welt kommen, bedürfen der besonderen Fürsorge, wobei die Konstanz einer mütterlichen Bezugsperson von ausschlaggebender Bedeutung ist. Fehlt dieser Schutzfaktor für das Neugeborene und setzen Eltern ihren Rauschmittelmissbrauch fort, kümmern sie sich nicht um das Kind oder lehnen es gar ab, so führt das schon beim Kleinkind zu Verweigerung und aggressiven Verhaltensweisen - was dann wiederum weitere Ablehnung durch erwachsene Bezugspersonen zur Folge hat.
Auch im Kindergarten werden sie zu Außenseitern. Sie werden zurückgewiesen und sind nicht in der Lage, Beziehungen und Loyalitäten aufzubauen. Ihr störendes und abweisendes Fehlverhalten verstärkt sich. Anschluss finden sie häufig bei Kindern, die sich ähnlich entwickelt haben. Mit ihnen gehen sie auf Abenteuersuche, wobei die Abenteuer oft darin bestehen, Regeln zu brechen und körperliche Kraft zur Positionierung in der Gruppe der Gleichaltrigen einzusetzen. Hinzu kommt, dass ihnen oft männliche Rollenvorbilder fehlen, die ihnen andere Möglichkeiten der Konfliktlösung vorleben und soziale Kompetenzen vermitteln könnten.
Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit
Weiter verstärkt wird ihre aggressive Verhaltensbereitschaft, sofern sie sich kontinuierlich und immer wieder mit Gewalt-Videos und -Computerspielen beschäftigen, in denen sie ihre eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit mit aggressiver Allmacht kompensieren können. Auf diese Weise stumpft der ihnen verbliebene Rest an mitmenschlichen Empfinden gänzlich ab. Spätestens dann haben die Gene ihre Umwelt gefunden. Kommen schließlich noch Drogen und Alkohol hinzu, sind die weiteren Schritte vorhersehbar.
Man kann nicht genug darauf hinweisen, dass die genetische Ausstattung alleine noch nicht für spätere Katastrophen verantwortlich ist. Bei beschützter Schwangerschaft oder bei einem verlässlichen, sorgenden und behütenden Elternhaus oder bei konsequenter und pädagogischer Betreuung durch konstantes Personal kann ein Kind trotz seiner genetischen Handicaps auch eine ganz andere Entwicklung nehmen.
Und letztlich lassen sich bei vielen Kindern und Jugendlichen noch deutliche Veränderungen erzielen. Die Reifung von Nerven und Gehirn dauert bis ins 25. Lebensjahr. Dass Menschen heute mit 18 Jahren für erwachsen gehalten werden, beruht nicht auf der Biologie ihres Gehirns, sondern auf einem gesellschaftlichen Konsens.
Wir leben in Zeiten, in denen den Menschen immer größere Anpassungsleistungen an eine komplexe, globale Umwelt abverlangt werden. Dies treibt einen kleinen, aber nicht zu übersehenden Teil der Bevölkerung immer weiter ins Abseits. Der jeweils zweiten Generation jedoch, die in diesem Abseits aufwächst, fehlt es an Alltags- und Lebenskompetenzen, an Bewältigungsstrategien für Konflikte, an Selbstvertrauen und an Vertrauen in eine geregelte Umwelt - und es fehlt an Regeln, welcher Art auch immer.
Das schafft nicht nur Angst, sondern auch Aggression, das verhindert ein vorausschauendes Planen und ein Berücksichtigen von Konsequenzen. Und es zieht den impulsiven, kurzfristigen Triumph dem langfristigen Erfolg vor. Geraten derart geprägte junge Menschen in Konfliktsituationen, werden sie heute unberechenbarer als früher, weil früher, als die Gesellschaft noch nicht so auseinander driftete wie heute, auch bei körperlichen Auseinandersetzungen noch gewisse Regeln galten.
Ein solcher Erklärungsversuch zeigt auch auf, wann und wo geholfen oder eingegriffen werden kann - vermutlich am effektivsten bei den Eltern. Je länger die Entwicklung dauert, je festgefahrener die Regellosigkeit ist, desto schwieriger wird eine Änderung und desto schwächer wird ein Kurswechsel ausfallen. Der pädagogische Jugendstrafvollzug kann viele dieser jungen Menschen nicht mehr erreichen. Glücklicherweise stellt diese Extremgruppe unter den dort Untergebrachten nur einen kleinen Teil dar. Das mahnt uns, Extremtäter gedanklich nicht zum Regelfall zu erklären und ihretwegen ein bewährtes Jugendstrafrecht aufzugeben.
- Amoklauf an Ansbacher Schule Eine Tat, die ratlos macht 17.09.2009
- Amoklauf an Ansbacher Schule Polizei findet Beweismaterial 18.09.2009
- Amoklauf in fränkischen Ansbach Von langer Hand geplant 18.09.2009
- Politiker zu S-Bahn-Gewalt in Solln Wahlkampf ganz unten 16.09.2009
- Nach S-Bahn-Gewalt in München Die Angst der Helfer 16.09.2009
(SZ vom 18.09.2009/vs)
Griechenland in der Schuldenkrise
Wie schön, dass ein so besonnener Mensch wie Herr Nedopil im Bereich des bayerischen Kultusministeriums Klinikchef werden kann.
Noch ist Bayern nicht verloren.
Oder war es ein Versehen?
Hier macht sich der Autor mit Erfolg die Mühe, die vielen Aspekte und Fragen zu zeigen, denen wir uns stellen müssen, wenn wir uns nicht mit dieser einfachen Hau-Drauf Philosophie begnügen wollen, die niemand gerecht wird.
Aufrichtige Zuneigung öffnet auch bei inzwischen verschlossenen jungen Menschen einen Spalt, wo Verständigung beginnen kann und wir etwas von dem Grauen erfahren, was die gerne einfach angeprangerten Täter schon als wehrlose Kinder durchmachen müssen, ohne gefragt zu werden. Hier lernen sie immer wieder, dass stärker und rücksichtsloser sein die besten Erfolgsaussichten hat und werden dann in ihrer oft schon früh begonnenen Karriere immer wieder darin bestätigt.
Das lieblose "Zuerst-komme-Ich" gilt ja als Erfolgsrezept einer Gesellschaft, die ihnen keine Türen öffnet und so lernen sie aufbrechen.
Der Schwächere bietet immer die größeren Chancen auf einen Sieg und so kann die Spirale sich weiter drehen, bis der Moment kommt, wo die Betroffenen die Stärke der Gegenseitigkeit und des Zusammenhaltens kennen lernen.
Strafen sind wirkungslos, wenn nicht gar Problem fördernd, solange die Gelegenheiten zum Lernen sich auf weitere Muskelspiele beschränken.
Sie sind also entweder nicht in der Lage, oder nicht willens, Probleme in Ihrer Argumentation einzugestehen. Dabei haben Sie selbst downtread erklärt, in einem Ihrer ersten Postings, das in dieser Gesellschaft es illusorisch ist, auf Solidarität und positive Vorbilder zu hoffen. Und jetzt behaupten Sie zig mal das Gegenteil. Aber Fakt ist, Sie haben keine Antwort, wie sie auch schon hzugegeben haben, sie glauben auch nicht daran, daß es eine Antwort geben kann, und sie setzen höchstens auf das Proinizip Hoffnung. Das ist ganz schön schwach, und ich finde, jemand der keine Alternativen aufzeigen kann, sollte es stärker würdigen, wenn andere sich darum bemühe. Aber sei's drum. Feierabend!
Die Geschichte mit den Lehrern, die's richten sollen, ist total unrealistisch. Das kann nicht deren Aufgabe sein. Ihr Job ist es, Kindern Wissen zu vermitteln und die Freude am Lernen zu fördern. Zudem sind sie nicht entsprechend ausgebildet. Das heißt, dass andere Berufsgruppen verstärkt in den Schulen tätig werden müssten, um rechtzeitg vor Ort Fehlentwicklungen zu erkennen und zu bearbeiten.
Vorhin war von Finnland die Rede. Da ist es Gang und Gäbe, dass in jeder Klasse neben den Lehrern ein Sozialpädagoge vorhanden ist, der das Verhalten der Kinder im Unterricht beobachtet und bei Bedarf unverzüglich und ohne behördlichen Umweg tätig werden kann, Gespräche mit dem Schüler und dessen Eltern führt und adäquate Hilfen in die Wege leitet.
Ferner müsste es viel mehr Schulpsychologen geben. Im Moment aber ist die Situation die, das deren Terminkalender über Wochen ausgebucht ist. Gerade bei Kindern und Jugendlichen aber kommt es besonders darauf an, möglichst schnell zu reagieren.
Danke, octopus, daß Sie mir nicht die Idee der Züchtung einer Herrenrasse unterstellen...
(Sie klingen ehrlich).
...und @szl3636:"5% der Kinder bereits vom Jugendamt erzogen".Das sind 5 % zuviel, auch wenn es mir von zwei Übeln als das kleinere erscheint: lieber Unterbrinung in einem Heim mit einigermaßen durchdachten Erziehungskonzepten (so möchte ich annehmen) als in der tagaus, tagein alkoholisierten,gewaltgeprägten Umgebung eines "Problem"- Elternhauses.Und was soll die Bemerkung, man müsse auch "Beamten ihre Kinder wegnehmen"? Den Zusammenhang mit dem Thema erkenne ich nicht, ich empfinde diese Aussage nur als provokativ.Hegen Sie irgendwelche negativen Gefühle gegen Beamte?
Aber ich sehe schon, wohin diese Diskussion wieder läuft. Deshalb ziehe ich mich daraus zurück.Mit der Entgegnung von Totschlagargumenten/Provokationen möchte ich keine Zeit vertun. Schönen Abend in DE!
Paging