Von Julius Müller-Meiningen

Überall sieht man die Leute am Trendgetränk des Sommers nippen: Aperol Spritz. Dabei ist der bittere Drink längst dem Untergang geweiht.

Wahrscheinlich wird den Aperol dasselbe Schicksal ereilen wie schon den Campari. In allen Bars der Welt steht er im Regal und wird gelegentlich bestellt, doch in den deutschen Haushalten sind die Flaschen dieser bitteren Spirituose längst in die Biedermeierschränke gewandert.

Warum die Aperol-Manie nervt; Foto: Rumpf

Noch gibt es eine Aperol-Schwemme. Doch dem bitteren Drink wird es einst nicht besser ergehen als seinem Vorgänger Campari. (© Foto: Rumpf)

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Wenn der häusliche Campari Glück hat, wird er vom Heranwachsenden entdeckt, der ihn zur ersten Orgie seines Lebens entwendet, natürlich ohne, dass es jemandem auffällt. Wie der Campari als bitterste Erfahrung eines jungen Menschenlebens in viele Geschichten eingegangen ist, so wird auch der Aperol in deutschen Schränken in Vergessenheit geraten und eines Tages von flaumbärtigen Rüpeln einen Abend lang geliebt.

Andererseits - wer mag angesichts der derzeitigen Aperol-Schwemme schon jetzt an dessen Verschwinden glauben? Überall sitzen sie mit ihren großen Gläsern und kippen sich das mit Prosecco oder Weißwein versetzte Getränk hinein, das "Spritz" genannt wird. Es liegt nahe, die Aperol-Spritz-Manie als kulturelles Missverständnis abzutun.

Diese Sichtweise war unumgänglich, als vor Jahresfrist eine Italienerin in Berlin einen Aperol bestellte, das Wort, wie es in Italien Sitte ist, auf der ersten Silbe betonte und eine Apfelschorle serviert bekam.

Wer will, kann in der großen Aperol-Badewanne, in der das Land planscht, auch ein verbindendes Prinzip erkennen. Beide, Apfelschorle und Aperol-Spritz sind nach ursprünglich österreichischer Tradition gespritzt, also verdünnt. Als österreichische Soldaten im 19. Jahrhundert Nordostitalien besetzten, da überrannten sie die Bevölkerung auch mit ihren eigenen Traditionen und mischten den für zu stark befundenen Wein mit Wasser.

Seither hat sich der Spritz in vielen Teilen Italiens durchgesetzt und wird meist vor dem Abendessen in den Bars als Apertitif getrunken. Dass sich die Marke Aperol nun das Begriffs-Monopol des "Spritz" oder "Sprizz" erworben hat, sollte niemanden grämen. In der Gegend von Mailand heißt dieselbe Mischung "bicicletta", was dem Begriff nach dem bayerischen Radler entspricht. Während es mit dem Aperol-Spritz eigentlich nur noch bergab gehen kann, wirkt das Radler besser gerüstet für künftige Krisen.

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(SZ vom 29.08.2009/bre)