Das PEW Research Center befragte vor kurzem Menschen in 24 Ländern zu ihrer Einschätzung des Klimawandels. In den meisten Ländern ist man sich bewusst, dass da massiver Ärger ins Haus steht. In fast allen Ländern sagen jedoch die Befragten, sie selber und ihr Land seien nicht so sehr das Problem, die anderen müssten aber dringend anfangen. Wir Deutschen? Haben die Klimakanzlerin. Die Amerikaner und die Chinesen glauben wechselweise, dass das jeweils andere Land die Hauptschuld trägt an der steigenden CO2-Konzentration. Und fast überall, siehe Finanzkrise, denken die Menschen, sie selbst werde der Klimawandel nicht so schlimm treffen.

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Was soll einem in Reykjavik schon passieren, bloß weil in Amerika Häuser auf Pump gekauft werden? Und das Methan zischt irgendwo in den Weiten Sibiriens aus dem Boden. Unter dem Permafrost lagern Milliarden Kubikmeter davon - das Unangenehme daran ist, dass Methan ein 25-mal aggressiveres Klimagift als Kohlendioxid ist. Jenseits von zwei Grad tauen die Böden auf, das Gift entweicht. Mit dem Klima-"Wandel" wäre es dann vorbei, schließlich klingt das nach einer sanften, steten Bewegung. Dann käme der Kollaps. Der Permafrost taut in Westsibirien jetzt schon an allen Ecken und Enden auf, das Methan perlt hoch wie tödlicher Champagner, einige Seen werfen Blasen, so viel Gas stoßen sie aus.

Schlimm. Ganz schlimm. Sagte auch Sigmar Gabriel bei der Vorstellung der Studie. Danach eilte der Minister sofort zurück ins Ministerium, um beim Emissionshandel für die deutsche Industrie Sonderkonditionen herauszuholen. Man muss das verstehen, das Wirtschaftswachstum, die Rezession, da muss jetzt mit aller Kraft gegengesteuert werden.

Einzige Lehre: Heidegger hat sich geirrt

Den Autolobbyisten und allen Vertretern der energieintensiven Industrien kommt die Finanzkrise wie gerufen, sie warnen jetzt überall vor den verheerenden Folgen eines zu starken Klimaschutzes. Die EU will gerade ein Klimapaket schnüren - der BDI warnt eindringlich: "EU gefährdet Wachstum und Beschäftigung." So kämpft nun unser Umweltminister dafür, dass die schmutzigsten Industriezweige im Emissionshandelssystem nicht für ihren Dreck bezahlen sollen. Und die Klimakanzlerin funkt nach Brüssel, das EU-Klimapaket dürfe unter gar keinen Umständen Arbeitsplätze kosten.

Vielleicht ist die einzige Lehre, die man aus dem Finanzdebakel ziehen kann, dass Heidegger geirrt hat. Dass die Menschheit sich nicht um die Zukunft sorgt, sondern höchstens um die Gegenwart. Dass sie ein niederschmetternd geringes Vorstellungsvermögen hat. Dass sie, und vielleicht ist das die traurige Lehre auch aus der Geschichte des 20.Jahrhunderts, geradezu angewiesen ist auf einen Crash, um überhaupt etwas zu ändern.

Viele Ökonomen hatten jahrelang gewarnt, dass das auf Pump gebaute System kollabieren werde. Wieso, sagten die Leute, die Kurse steigen doch. Ich hab doch mein Häuschen. Ben Bernanke sagt doch, alles okay. Jetzt finden sie alle es in Ordnung, dass Institute verstaatlicht werden und mit ihren Steuergeldern der Schlamassel bereinigt wird.

Noch mehr Menschen warnen vor dem ökologischen Crash. Wissenschaftler neigen zu einer knochentrockenen, datengesicherten, vorsichtigen Sprache, da ist es schon beeindruckend, wie viele von ihnen seit zwei, drei Jahren sagen, wie unfassbar schnell plötzlich alles den Bach runtergehe. Man fragt sich manchmal, was die Klimaforscher noch machen sollen, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen. Sich vor ihren Instituten verbrennen wie buddhistische Mönche? Nackt durch Brüssel laufen?

Da sie wissen, dass wir alles nur durch die ökonomische Brille sehen, rechnen sie uns die Umweltschäden mittlerweile um in wirtschaftliche Daten - siehe die Berechnungen zum ökologischen Fußabdruck. Da sie wissen, dass man seine Botschaft medial gut verkaufen muss, teilte der Weltklimarat das komplexe Thema seines IPCC-Berichts 2007 auf drei Teilbereiche auf und präsentierte die Ergebnisse zeitversetzt und an verschiedenen Orten der Welt, besser kann man das Thema nicht in die Medien drücken. Und was hat's gebracht?

Die Emissionskurven steigen schneller denn je, die zwei Grad, vor denen der IPCC-Bericht noch warnte wie vor einer Art äußerster Grenze, sind Makulatur. Und können Sie's nicht doch zischen hören? Nein? Na egal, gehen wir raus, es ist ein herrlicher Herbsttag, nur zwei Grad wärmer könnte es ruhig sein.

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(SZ vom 18.10.2008/jüsc)