Von A. Rühle

Zur Rettung unserer Konten würden wir zig Milliarden an Steuern zahlen. Bei dem Planeten, auf dem wir und unsere Kinder zu leben haben, sieht das anders aus.

Seien Sie mal kurz leise, bitte, da zischt doch was. Nein? So ein stetiges Zischen? Nichts? Tschuldigung, unsere Schuld, war wahrscheinlich nur der Tinnitus vom enormen Krach der zusammenbrechenden Börsen.

Satellitenfoto: Rauch in Kalifornien. (© Foto: AFP)

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Das war kein gutes Timing. Da forscht man mehrere Jahre, wertet Datensätze aus fünf Kontinenten und Hunderten verschiedenen Forschungsberichten aus - und wenn man dann die Ergebnisse vorlesen möchte, bricht weltweit der Finanzmarkt ein und kein Schwein hört einem zu.

Gleich drei große Umweltstudien verschwanden soeben im schwarzen Loch unserer Aufmerksamkeit. Zum einen wurde der britische Bericht "Climate Futures" vorgestellt, in dem verschiedene Zukunftsszenarien durchgespielt werden, von der leichten Unannehmlichkeit bis zur Totalkatastrophe, je nachdem wie die Politik auf die Herausforderungen durch den Klimawandel reagiert. In London präsentierte zur gleichen Zeit der Ökonom Pavan Sukhdev die Studie "Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität". So unterschiedlich die Themen der beiden Studien waren, so einig waren sich die Forscher in Bezug auf die momentane Finanzkrise: "Der Klimawandel wird die Wirtschaft mindestens so hart treffen wie die Kreditkrise", schreiben die Autoren der "Climate Futures". Und Sukhdev sagt, während sich der Verlust an der Wall Street auf eine bis eineinhalb Billionen US-Dollar belaufe, verliere die Welt jedes Jahr zwei bis fünf Billionen Dollar in Form von Naturkapital: "Das ist nicht nur mehr, sondern auch noch fortlaufend. Es passiert jährlich, Jahr für Jahr."

Sukhdev hat für seine Untersuchung die Idee vom "globalen Fußabdruck" benutzt, einen Wirtschaftsindex, der zeigt, inwieweit der Mensch im Umgang mit den natürlichen Ressourcen über seine Verhältnisse lebt. Das kalifornische Global Footprint Network berechnet dafür jährlich, was wir zum Leben brauchen und wie wir durch unseren Verbrauch der Ressourcen die Erde belasten. Das ergibt die Fläche, die notwendig ist, um unseren jeweiligen Lebensstil dauerhaft zu ermöglichen. Ein US-Bürger braucht 9,6 Hektar Land, der Durchschnittseuropäer 4,5 Hektar. Leider stehen aber jedem nur 1,8 Hektar zur Verfügung.

Schon seit Mitte der achtziger Jahre lebt die Menschheit ökologisch auf Pump - sie verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde regenieren kann. Das Footprint Network errechnet jedes Jahr den World Overshoot Day, den Tag also, an dem wir als Ressourcenschuldner des Planeten einmal mehr Kredit aufnehmen. Dieses Jahr war's der 23. September, wir sind also längst wieder im roten Bereich und haben unser Konto schon jetzt um 30 Prozent überzogen. Leider geht der Metaphernvergleich der beiden großen Katastrophen-Sphären unserer Tage am Ende nicht auf: In der Finanzkrise gab es in letzter Sekunde eine Art Deus ex Machina, den Staat, die Weltgemeinschaft, die von außen eingegriffen, den Giftmüll der größenwahnsinnigen Banker geschluckt und den Laden fürs Erste stabilisiert zu haben scheint.

Eine solche korrigierende Kraft von außen gibt es für die Umwelt nicht. Da draußen im schwarzen All ist keiner. Wir sind alleine auf unserer kleinen blauen Kugel. Das Bizarre ist: Das weiß doch inzwischen jeder Zehnjährige. Heidegger sagt, der Mensch sei das sorgende Wesen, also das einzige Wesen, das planend in die Zukunft denkt. Wie kann es da sein, dass er gleichzeitig das einzige Wesen ist, das sich Tag um Tag wissend die Zukunft verbaut?

Moment, da war noch die dritte Studie. In Potsdam traten ein paar Klimakoryphäen mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel vor die Mikrophone. Gabriel machte sein zerknautschtes Gesicht und sagte, dass sich die Erde wahrscheinlich doch mehr als zwei Grad erwärmen werde bis zum Ende des Jahrhunderts. Zwei Grad, das ist das Problem, in doppelter Hinsicht. Zum einen ist das etwas Mathematisches, eine läppische Zahl. Zum anderen ist das aber der maximale Wert, bei dem die Auswirkungen des Klimawandels noch beherrschbar blieben. Danach kommt zu viel auf einmal ins Rutschen. Hätte Gabriel Bilder gezeigt von Wirbelstürmen und ertrunkenen Eisbärbabys, es wäre vielleicht etwas passiert, aber so? Zwei Grad, my arse. In Griechenland hatten wir diesen Sommer 42 Grad! Im Schatten. Jeden Tag. Herrlich.

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