Gesellschaft Digital leben, analog besitzen

Schallplatten-Boom in Großbritannien: Käufer im "Love Vinyl".

(Foto: dpa)

Notizbücher, Schallplatten, Analogkameras: Im digitalen Zeitalter wächst die Liebe zu traditionellen Dingen, die das Smartphone eigentlich schon überflüssig gemacht hat.

Von David Pfeifer

Ob man Smartphones nun mag oder nicht, sie haben Teile des Alltags aufgesogen. Tausende Fotos, Adressbuch, Zugang zu Nachrichten, Telefon, Notizblock und Stift - alles, was man früher vermissen konnte, wenn man unterwegs war, hat man nun immer dabei. Eine Weile sah es so aus, als würde das Stoffliche dadurch verschwinden. Musiksammlungen wurden zu MP3-Dateien, Fotoalben zu Bildershows. Und wer um alles in der Welt schreibt noch echte Briefe auf Papier?

Tatsächlich aber ist der Drang zum Handfesten und Konkreten ungebrochen, wie Analysen des Weihnachtsgeschäfts zeigen. Hochwertige Füllfederhalter mit Namensgravur waren ein Verkaufsschlager - zumindest in München. Auch die Firma Moleskine mit ihren Notizbüchern, die zum Standard-Werkzeug großer Schriftsteller zählen (allerdings erst seit den Neunzigerjahren hergestellt werden), meldete einen Rekordumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Und die Umsätze mit Vinyl-Schallplatten lagen mancherorts erstmals vor den Downloads: In Großbritannien etwa erhöhte sich der Absatz 2016 um 53 Prozent auf mehr als 3,2 Millionen Platten, wie die Branche am Dienstag bekannt gab. Das ist der höchste Stand seit 25 Jahren.

Dieses magische Knistern

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Beim deutschen Plattenpresswerk Optima, einem Überlebenden der digitalen Wende, wurden vor 20 Jahren noch 60 000 Platten pro Monat produziert - heute werden so viele Exemplare an einem Tag gepresst, und das auch nur, weil die Kapazitäten nicht noch mehr hergeben.

Der kanadische Schriftsteller David Sax hat vor acht Wochen ein Buch veröffentlicht, das in seiner Heimat und den USA Aufmerksamkeit erregt: "The Revenge of Analog: Real Things and Why They Matter" ("Die Rache des Analogen: Echte Dinge und warum sie wichtig sind"). Darin erklärt Sax, dass diese Entwicklung gerade bei jungen Leuten dem Bedürfnis entspringt, etwas Besonderes zu besitzen, und zwar "In Real Life", also im wahren Leben.

"Diese Teenager und Mittzwanziger kaufen sich neue Schallplattenspieler, Kameras mit Film und Romane als Taschenbücher. Sie wollen sich lieber von den Kanten eines Blattes begrenzen lassen, als von der Leistungsfähigkeit eines Mikroprozessors", erklärt Sax. Neben dieser neoromantischen Deutung dürfte der Trend zum Echten auch darin begründet sein, dass digitale Produkte rasend schnell veralten und wertlos werden. Analoge Dinge gewinnen hingegen über die Jahre emotional an Wert - zumindest für ihre erwachsen werdenden Besitzer.

Dass man sich mit Objekten, die den Kultursinn ihrer Besitzer belegen, einen Distinktionsvorteil verschaffen kann, ist nicht neu. Wie man daraus ein Geschäft macht, hat die Manufactum-Kette vorgemacht. Sie betreibt Läden in Bestlage, in denen Klebstoff und Küchenhandtücher aus Omas Zeiten zu Mondpreisen erhältlich sind.

Aber sind Schallplatten, die man umdrehen muss, und klecksende Füllfederhalter nicht einfach unpraktisch? Und taugen Smartphones nicht auch als Statussymbole? Einerseits ja. Andererseits hat das Digitale im Bereich dessen, was man wolkig als Lebensstil bezeichnet, einen klaren Nachteil: Es ist unsichtbar. Man kann Dateien nicht berühren, als Geschenk verpacken und oft auch nicht herzeigen.

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