Spielzeug für Jungen und Mädchen Drei gegen das Glitzerpink-Heer

Der Baukasten "Research Institute" von Lego ist seit einer Woche auf dem Markt - und schon ausverkauft.

Lego gibt es jetzt auch mit weiblichen Wissenschaftlern und das Web schreit: Hurra! Doch solche Aktionen ändern nichts am grundsätzlichen Problem. Die Spiele-Industrie gibt Kindern das, was sie wollen: Glitzerpink und Totenköpfe.

Kommentar von Christina Waechter

Die Nachricht macht genderbewussten Eltern auf der ganzen Welt gute Laune. Lego hat diese Woche eine neue Kollektion vorgestellt: drei Wissenschaftlerinnen - eine Chemikerin, eine Paläontologin und eine Astronomie-Professorin. Das Set war online binnen drei Tagen ausverkauft und man ahnt genau, wer da so schnell zugegriffen hat: verzweifelte Mütter, genervte Väter und besorgte Großeltern. Doch auch drei weibliche Wissenschaftlerinnen machen noch lange keine Trendwende hin zum genderneutralen Spielzeug.

Dein Kind - ein rätselhaftes Wesen

Obwohl man sie so gut kennt, wie keinen anderen Menschen auf der Welt, können Kinder ihre Eltern bisweilen vor große Rätsel stellen. Da ist zum Beispiel ein dreijähriges Mädchen. Ganz normal altersentsprechend entwickelt, im Elternhaus Musik, Kultur und pädagogisch ausgesprochen wertvollem Spielzeug ausgesetzt. Und natürlich wird auch die Kleidung von den Eltern sorgfältig ausgewählt - nach den üblichen Regeln der bürgerlichen Erwachsenen-Ästhetik.

Doch die Ästhetik des Kindes sieht so aus: rosa, pink, lila (und an ganz ambitionierten Tagen auch: türkis), möglichst mit Glitzerapplikationen. Menschen mit kurzen Haaren oder Locken werden schon mal als nicht-nett oder gar böse bezeichnet, lange glatte Haare dagegen assoziiert der Kinderkopf mit Schönheit, Anmut und einem guten Charakter. Erklärung dafür: "Weil ich das so finde."

Das wertvolle Holzspielzeug aus dem anthroposophischen Geschäft: ignoriert. Die Holz-Eisenbahn: ignoriert. Die Ansammlung von Fußbällen in allen Größen: nur im äußersten Extremfall (Besuch von Jungs) verwendet. Das kleine Mädchen spielt auch mit Lego und lässt sich gerne den ganzen Tag Geschichten vorlesen oder erzählen. Doch am liebsten spielt es mit Puppen, jeden Tag, sehr intensiv. Sein favorisiertes Spiel: Heiraten und viele Kinder bekommen.

Es ist schwer und frustrierend, gegen so ein Mind Set anzukommen, es kommt einem über weite Strecken so vor, als kämpfe man gegen Windmühlen. Vor allem, wenn die ganze Welt um einen herum dem Kind signalisiert: Du bist ein Mädchen, also interessierst du dich ausschließlich für rosa Dinge. Auf privat organisierten Kinder-Basaren wird einem die immer gleiche Frage entgegen geschmettert: "Mädchen oder Junge?", um dann eine Vorauswahl an gegenderten Klamotten und Spielzeug präsentiert zu bekommen. Als ob schon Säuglinge an schwerwiegenden Identitätsstörungen leiden müssten, wenn sie ein Kleidungsstück tragen, das nicht ausdrücklich für ihr Geschlecht hergestellt wurde.

Ist das noch Erziehung? Oder schon Umformung?

Und natürlich fragt man sich auch immer wieder: Ist das noch Erziehung oder schon Umerziehung? Will ich etwas zur Charakterformung meines Kinder beitragen oder es nur nach meinem Idealbild umformen? Warum kann ich es nicht ertragen, wenn mein Kind eine andere Vorstellung von Schönheit hat als ich? Streite ich mich nur deshalb so um jeden hässlichen Rock, jedes Hello-Kitty-Shirt, weil ich möchte, dass andere Eltern mein Kind hübsch angezogen finden? Oder bewahre ich mein Kind mit der Strenge davor, in die tiefe Rosaglitzer-Welt abzutauchen, aus der es nie wieder entkommen wird? Und eine nicht unerhebliche Frage: Wie kann ich all den von wohlmeinenden Mitmenschen geschenkten rosa Plastikkram loswerden, ohne Tobsuchtsanfälle und tiefe Trauer zu provozieren?

Angesichts solcher Voraussetzungen (und die private Empirie sagt: man ist nicht alleine mit so einem Kind) kann man bei der Meldung, dass Lego jetzt drei Wissenschaftlerinnen in seinen Spielzeugkatalog aufgenommen hat, nur müde lächeln.

Ja, das ist super. Und man freut sich für Ellen Kooijman, eine Wissenschaftlerin aus Stockholm, die diese Lego-Wissenschaftlerinnen im Netz vorgeschlagen und mitentwickelt hat. Aber dieser kleine Fortschritt bedeutet doch eigentlich nur: Auch Spielzeugfirmen reagieren heutzutage auf Online-Kampagnen, wenn sie Angst haben müssen, zum Opfer eines Shitstorms zu werden.

Klar, die drei Wissenschaftlerinnen bedeuten einen Sieg , und wenn er noch so klein ist. Es ist erwiesen, dass Mädchen sich nur dann für naturwissenschaftliche Berufe interessieren oder sie für sich auch nur in Erwägung ziehen, wenn sie aktiv dazu ermuntert werden. Mädchen, die mit Barbie-Puppen spielen, glauben nicht, dass sie dieselben beruflichen Möglichkeiten haben wie Jungs. Mädchen, die dagegen mit genderneutralem Spielzeug spielen, glauben, dass ihnen die Welt offen steht und sie alles werden können. Genauso wie Jungs. Deshalb ist genderneutrales Spielzeug so wichtig.

Aber diese drei Wissenschaftlerinnen stehen einer Armee von glitzerpinken Prinzessin Lilifees und Barbiepuppen mit rosa Handys und Laptops gegenüber. Und Unmengen von Puppenhäusern, Bügeleisen, Herden und Staubsaugern, mit denen kleine Mädchen die ihnen zugedachte traditionelle Rolle einüben sollen. Und das wird sich auf absehbare Zeit wohl auch nicht ändern.

Gegendertes Spielzeug ist wie Süßkram: unwiderstehlich

Denn die Wahrheit ist ganz einfach: Geschlechtsspezifisches Spielzeug wird es immer geben, weil es genauso wie der Süßkram an der Supermarkt-Kasse unwiderstehlich ist für viele kleine Kinder. Und weil die Spielzeugindustrie wie jeder Wirtschaftszweig ein Interesse daran hat, so viele Waren wie möglich zu verkaufen, gibt sie den Kindern, was sie wollen und das mal hundert: pink, pinker, glitzerpink für Mädchen. Und für die Jungs Totenköpfe und Piraten. Ein weiterer profitabler Nebeneffekt der durchgegenderten Kinderzimmer: Anziehsachen und Spielzeug können nicht einfach von Schwester auf Bruder vererbt, sondern müssen doppelt gekauft werden.

Den Eltern bleibt es überlassen, den Kampf gegen die Lilifee- und Hello-Kitty-Windmühlen weiterzuführen, jeden Tag wieder daran zu scheitern und die Nerven zu verlieren - in der Hoffnung, dass sich die Beharrlichkeit eines Tages auszahlen wird. Und aus der pinkifizierten Dreijährigen hoffentlich eines Tages eine schlaue Wissenschaftlerin wird.

P.S.: Das Wissenschaftlerinnen-Set wird natürlich trotzdem schon mal vorbestellt, auch wenn es vermutlich vom Kind ignoriert werden wird.