Geschirr Das Schüsselerlebnis

"Ehrlichen Luxus" nennt die Berliner Manufaktur Hering ihr aufwendig gefertigtes Porzellangeschirr, dessen Oberfläche von Hand geschliffen wird.

(Foto: Hering Berlin)

Von Berlin aus erobert Stefanie Hering mit Unikat-Servicen gerade die Welt - zu ihren Kunden gehören die saudische Königsfamilie und Nicole Kidman.

Von Verena Mayer

Es ist ein Risottoteller, aber eigentlich sieht es aus wie eine Skulptur. Innen eine Vertiefung, außen ein breiter Rand mit Löchern, und jedes ist einzeln von Hand in das Porzellan gedrückt. Und dann dieses grelle Weiß, wie Marmor. Ein solches Weiß entsteht, wenn man Porzellan nicht glasiert, wie das normalerweise immer gemacht wird. Sondern indem man es lässt, wie es ist. Ein Stoff, der für sich alleine stehen kann.

Der Risottoteller ist ein Unikat, so wie alles, das die Designerin Stefanie Hering entwirft und in einer kleinen Manufaktur in Thüringen herstellen lässt. Kein Teller und kein Loch darin gleicht einem anderen. Das Ungewöhnlichste daran ist allerdings, dass eine Porzellandesignerin von ihrem Geschirr leben kann. Ziemlich gut sogar. Von Stefanie Herings Tellern wird in Berliner Spitzenrestaurants gegessen oder auf der Yacht der saudischen Königsfamilie. Und letztens hat sich die Schauspielerin Nicole Kidman mit einem ganzen Set für Thanksgiving eingedeckt.

Stefanie Hering empfängt in ihrem Geschäft in bester Hauptstadtlage am Berliner Zoo. Ein Raum mit ein paar dunklen Designerschränken, in denen einige wenige Teller und Schalen stehen. Der Rest lagert in Schubladen im Verkaufstresen, als wäre das kein Porzellanladen, sondern ein Juwelier. Teuer ist das Stichwort. Für einen einzigen Teller kann man bei Hering Berlin schon mal so viel zahlen wie anderswo für das ganze Service, ein paar Hundert Euro.

Hering, blondes Haar, porzellanweiße Bluse, zeigt auf ihrem iPad Fotos von der Produktion. Wannen mit flüssigem Porzellan, Formen, die ausgegossen werden, Brennöfen. Und immer wieder Hände, die Tassen mit Schwämmen abwischen, das blaue Logo darauf stempeln oder auf Tellern die Strukturen aufbringen, für die Herings Porzellan bekannt wurde: Rillen oder Löcher. Was vor allem deswegen schwierig ist, weil das Porzellan in dieser Phase der Bearbeitung "eine Konsistenz hat wie ein Schoko-Osterhase", sagt Hering. "Einmal draufdrücken, und weg ist es."

Über Porzellan kann Stefanie Hering stundenlang sprechen. Wie sie sich den Stoff an der Töpferscheibe "erzogen" hat, "bis ich es drehen, wenden und formen konnte". Sie ist eigentlich Keramikerin, wusste aber schnell, dass sie "nicht auf Töpfermärkten herumstehen" wollte, sondern ihre Entwürfe auf internationalen Designmessen sah. Hering experimentierte mit dem Material, machte Löcher in Schalen und Schüsseln, so große, dass es die Statik gerade noch hergab, "ich wollte sehen, was die Form erträgt".

Und Stefanie Hering fand irgendwann, dass Porzellan am schönsten pur und roh ist, ohne Glasur, Schnörkel oder Blümchenmuster. Wenn es matt ist wie Kreide und aussieht, als würde es in Wasser zerfließen. Tut es aber nicht, denn dieses sogenannte Biskuitporzellan ist härter als glasiertes Porzellan, und seine Oberfläche, die von Hand geschliffen wird, genauso widerstandsfähig. Und vor allem kommt es ohne die aristokratische Anmutung aus, die teures Porzellan immer hat, Werke wie die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) tragen das Hochherrschaftliche schon im Namen vor sich her. "Wir laufen ja auch nicht mehr im Reifrock durch die Gegend", sagt Stefanie Hering.

Sie weiß noch, wie sie vor zehn Jahren versuchte, Geldgeber für ihre Ideen zu finden. Bei einem Kongress in Selb in Oberfranken war das, wo die großen deutschen Porzellanmanufakturen zu Hause sind und man sich selbst als "Stadt des weißen Goldes" bezeichnet. Doch keiner wollte so recht glauben, dass nicht nur beim Essen, sondern auch beim Geschirr der Weg zum Handgefertigten gehen könnte. Und so machte sich Hering mit einer Partnerin und ihrem Mann, der Architekt ist, selbständig.

Hering, 1967 geboren, ist in Stuttgart groß geworden, der Vater hat bei Mercedes gearbeitet, die Mutter in einem Büro. Die klassische deutsche Mittelschichtsfamilie, und gegessen wurde vom typischen Mittelschichtsservice, "Romanze Weiß" von Rosenthal. Ein Geschirr wie das Wort "Aussteuer", gediegen und ziemlich spießig. Ganze Generationen von Deutschen hatten die Teile im Schrank. Salzstreuer, Messerbänkchen, Suppenschüsseln, Butterteller, Milchkännchen, und was es noch so alles in Porzellan gibt, um den Traum vom gutbürgerlichen Leben auszustatten.

Am Beispiel Rosenthal lässt sich die Geschichte der Porzellanindustrie ganz gut erzählen. Vor allem der Niedergang in den vergangenen Jahren. Die Umsätze brachen ein, Billigporzellan aus China kam auf den Markt. Rosenthal musste Hunderte Stellen abbauen und wurde 2009 schließlich von einem italienischen Konzern geschluckt. Anderen erging es nicht besser. Der irische Hersteller Waterford Wedgwood, der einst die Tafel von Queen Mary bestückt hatte, ging pleite und gehört jetzt einer amerikanischen Private Equity Firma. Denn die Mittelschicht von heute braucht keine Aussteuer mehr, sondern kauft sich ihr Geschirr bei Ikea und Tchibo zusammen. Sie zieht ständig um, und für ein hundertteiliges Service hat sie weder den Platz noch die Familie.

Was muss man also tun, um heutzutage noch Porzellan zu verkaufen? "Es gibt eine Sehnsucht nach ehrlichem Luxus", glaubt Stefanie Hering. Luxus, wie ihn ihre Manufaktur in Thüringen verkörpere. Fünfzig Mitarbeiter, adäquat bezahlt, dazu ein Produkt, das "Poesie und Wert" habe. Wie die riesige Speisehaube aus Glas, die eine Verkäuferin gerade auf den Tresen wuchtet, um sie einer Kundin zu zeigen. Es gibt vermutlich kaum etwas, das man im täglichen Leben weniger braucht als eine Glasglocke von der Größe eines Lampenschirms, unter die man Käse stellen kann oder vielleicht mal einen Teller Pasta mit Trüffeln. Und doch hat dieses Teil etwas für sich. Als sollte es in seinem Überflüssigsein den Blick auf das Wesentliche lenken, auf das gemeinsame Essen, das Kochen für andere.

Der Blick der Frau fällt nach draußen, auf den Eingang des Waldorf-Astoria nebenan. Teure Autos fahren auf den sandfarbenen Hotelturm zu, Kofferträger wuseln herum. Seit zwei Jahren hat Stefanie Hering hier ihren Flagship-Store. In Berlin ist sie schon lange, seit Anfang der Neunzigerjahre. Zuerst hatte sie zusammen mit ihrer Partnerin eine Werkstatt in einer aufgelassenen Paketausgabestelle in Prenzlauer Berg. Dass sie mit ihrem ersten Porzellanladen aber in ein Fünf-Sterne-Hotel gezogen ist, heißt vor allem eines: Handgefertigte Teller und Tassen kann man heute offenbar nur mehr verkaufen, wenn man sie zu Luxusgütern adelt wie Schmuck von Tiffany oder Taschen von Louis Vuitton.

Und wer sind die Leute, die zu ihr kommen? Ganz gemischt, sagt Hering. Eine Braut, die mit Vornamen Hortense heißt und ihre Hochzeitsliste in dem Laden ausliegen hat. Der Kunsthändler, der für sein Sommerhaus in Südfrankreich ein neues Service haben will, mit eingearbeitetem Monogramm. Scheichfamilien, die alles mit Platinrand drumherum bestellen, und einmal wollte jemand, dass Stefanie Hering Diamanten in die Teller einarbeitet. "Aber Diamanten sind Kohlenstoff, die knetet man ein, und nach dem Brennen sind sie weg." Selbst mit Geld ist eben nicht alles möglich.

Stefanie Hering ist mit ihrem Porzellan in der Welt unterwegs. Früher waren es Länder wie Italien oder England, jetzt reist sie immer öfter nach Zentral- oder Südostasien, gerade kommt sie aus Baku in Aserbaidschan zurück. Hering zeigt die Teller, die sie entworfen hat, mit einem flammenartigen Paisley-Muster in Blau und Grün, das sind so die Dinge, die ihre Kundschaft dort schätzt.

Gut betuchte Privatleute seien das, sagt Hering, die mit Unternehmen reich wurden und alles in 24-facher Ausführung bestellen, denn in diesen Ländern seien die Familien riesig, "nicht wie bei uns, wo man zu viert am Kaffeetisch sitzt".

Auch in China ist sie, von dort kommen immer mehr Anfragen. Das Land, in dem einst das Porzellan erfunden wurde und das jede Menge Billiggeschirr auf den Markt wirft, ist jetzt kurioserweise die Hoffnung der deutschen Porzellanherstellung. Denn die aufstrebende Mittelschicht, die das Bedürfnis hat, sich über Tischkultur zu definieren und darüber, wie, was und mit wem man speist, ist heute in China, Taiwan oder Singapur zu Hause.

Wie lange das so sein wird, ist schwer zu sagen. Denn Porzellan ist ein äußerst ambivalenter Stoff. Es ist ein bleibender Wert und kann doch so schnell zerbrechen.