Geschichte der Hebammen Als Heilige verehrt, als Hexen verteufelt

Es geht um ihre Unabhängigkeit, ihren Ruf und nicht zuletzt ums Überleben ihres Berufsstandes. Die Hebammen führen in der derzeitigen Gesundheitspolitik einen zähen Kampf. Mal wieder - denn leicht hatten es die Geburtshelferinnen im Laufe der Geschichte nie. Über einen der ältesten Frauenberufe der Welt.

Von Charlotte Frank

Als würde das Meer rauschen, aufgewühlt bis ins Dunkel, so klingt es, wenn Verena Mangold dem Leben nachspürt. Sie hält ihren Kopf ganz nah an den Bauch der jungen Frau, sie streicht über die Wölbung, bewegt tastend das Ultraschallgerät, da hat sie es: Ein hektisches Pochen mischt sich ins Rauschen, ein ungestümer Rhythmus - ein Herzklopfen. Von einem Jungen, keine 27 Wochen alt.

"Toll. Eine Bilderbuch-Schwangerschaft", sagt Verena Mangold, sie lächelt. Später, als die Frau gegangen ist, sagt sie, es seien Momente wie jener, für die sie das alles noch mache. Trotz allem.

Verena Mangold ist freiberufliche Hebamme, mit neun Kolleginnen arbeitet sie in einer Hebammenpraxis im Münchner Stadtteil Lehel, in einer schönen Altbauwohnung mit hohen Decken und Fischgrätparkett, seit 15 Jahren schon. Noch. Noch kann sie das: Sich, wie gerade eben, eine Dreiviertelstunde Zeit nehmen für eine an sich unkomplizierte Patientin. Lange zuhören und nachfragen und erklären, was beim hektischen Arzttermin übergangen wurde. Theoretisch kann sie auch das Kind bei der Frau zu Hause auf die Welt holen.

Geschichte eines jahrtausendealten Kampfes

Praktisch aber verdient sie kaum Geld, im Gegenteil. Und sie muss so hohe Versicherungsprämien zahlen, dass sich Hebammen wie Verena Mangold in Deutschland immer schwerer tun, noch außerhalb der Kliniken arbeiten zu können. Auch wenn man sich Mitte Juli mit den Krankenkassen erst mal auf einen Kompromiss in der Versicherungsfrage einigte (siehe Kasten): Die Hebammenverbände fordern weiterhin eine deutlich bessere Bezahlung der Geburtshelferinnen. Der Berufsstand führt einen zähen Kampf, um sein Überleben, seine Unabhängigkeit, seinen Ruf.

Es ist nicht das erste Mal. Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Und einer, der in seiner langen Geschichte fast ununterbrochen angegriffen, unterdrückt und instrumentalisiert wurde - aber immer auch bewundert, mythologisiert, gefürchtet.

Die Geschichte der Hebammen ist die Geschichte eines jahrtausendealten Wissens. Und eines jahrtausendealten Kampfes.

"Auf, gehet und entbindet Rededet von den drei Kindern, die in ihrem Leibe sind." Mit diesen Worten soll der ägyptische Sonnengott Re die Göttinnen Isis, Nephtys, Mesechent, Hecket und Chnum seiner Frau zur Hilfe geschickt haben, als sie die ersten drei Pharaonen gebar. "Lasst sie uns sehen, wir verstehen uns aufs Entbinden", antworteten da die Göttinnen. Die Tempelmalereien von dieser Drillingsgeburt aus dem dritten Jahrtausend vor Christus sind eines der ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst.

Es gibt wenige Berufe, deren Kunde so früh so ausführlich beschrieben wurde. So weiß man heute selbst, mit welchen Mitteln die Frauen im alten Ägypten den Gebärenden zu Leibe rückten: Bei Brusterkrankungen etwa verabreichten sie Salben aus Fliegenkot, Rinderkot, Honig und Salz. Ähnliche Schaurigkeiten über die Hebammenpraxis sind aus fast allen frühen Kulturen überliefert - aus Babylonien und Palästina, aus China, Japan, Indien und Mittelamerika und aus Germanien, wo es die Hebammen fast bis zum Rang von Priestern brachten.

Es mussten aber erst die Griechen und Römer kommen, damit die Geburtshilfe nicht mehr von Spekulation, Meditation und Sternenglauben geprägt wurde, sondern erstmals von kritisch-sachbezogenem Denken. Schon der Philosoph Sokrates, dessen Mutter Hebamme gewesen sein soll, unterschied die "Arzthebammen", die Kenntnisse in Pharmazie und Chirurgie hatten, von jenen ohne Ausbildung, die er abfällig "Hineintasterinnen" oder "Unter-den-Schenkel-Wegnehmerinnen" nannte.

Um 100 nach Christus fasste der Arzt Soranus von Ephesus in seinem Werk "Gynäkologie" erstmals die wissenschaftlichen Standards der Geburtshilfe zusammen und brachte damit das Fach maßgeblich voran. Griechen und Römern war die neue Kunstfertigkeit der Hebammen teuer: Wurde eine der zahlreichen Sklavinnen oder Tänzerinnen der Oberschicht schwanger, so achteten ihre Besitzer genau auf eine gute Entbindung. Denn Nachwuchs trieb den Preis der Frauen in die Höhe.