Gentrifizierung in Großstädten Erst komme ich, dann kommt der Wedding

Cooler Name, schlechter Ruf: Berlin-Wedding

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Bäume vor dem Balkon und Cafés nebenan, ein paar Schritte weiter Dönerbuden und Eckkneipen. Unsere Autorin liebt den Wedding, ihren Kiez in Berlin. Und fürchtet zugleich, dass sie ihn kaputt gentrifiziert.

Von Hannah Beitzer, Berlin

"Hallo, wir sind gerade hier eingezogen, dritter Stock." Ich lächele, der Zeigefinger weist ein bisschen sinnlos nach oben, wo ein paar Stockwerke weiter die neue Wohnung ist. Die Nachbarn bleiben erst eine halbe Treppe weiter stehen. Ein Paar, vielleicht Anfang 40, Kleidung ein bisschen hippiemäßig. Sie lächelt zurück und sagt: "Ach, ihr seid jetzt hier eingezogen." Er bleibt stumm. "Was zahlt ihr denn so?", fragt sie weiter. 760 Euro kalt für 92 Quadratmeter Altbau mit Balkon. Da seufzen sie, schütteln die Köpfe. "Wir haben 60 Quadratmeter", sagt sie. Ohne Preis dazu. Dann gehen beide schnell die Treppe rauf. Ich kann mir ausmalen, was sie denken: So viel.

Wer Freunden, die schon länger in Berlin leben, erzählt, dass er in den Wedding zieht, der hört erst mal nur: "Warum denn da hin?" Der Wedding ist für viele immer noch ein Stadtteil mit großen Straßen voller Wettbüros, Dönerläden und Ein-Euro-Shops, davor zu viele ungemütliche Gestalten und ein paar Underdogs mit seltsamen Vorlieben. "Und Sie haben keine Angst vor dem Wedding?", fragten sogar die Vermieter, als sie den Mietvertrag auf den Tisch legten.

Der Wedding kommt

Nein, Angst vor dem Wedding hatten wir nicht. Warum auch? Unsere Wohnung am Leopoldplatz hat einen Balkon mit Blick direkt in grüne Baumwipfel, schräg gegenüber eine Backsteinkirche, die abends rotes Licht auf den ganzen Platz wirft. Zum Frühstück dringen Spielplatzgeräusche an den Balkontisch, gleich um die Ecke sind Cafés, ein Feinkostladen, ein superguter Koreaner. Von dort geht es weiter in den Sprengelkiez: noch mehr Restaurants, Eisdielen, Spielplätze, alle paar Wochen ein Designermarkt am Kanal. Der Wedding kommt! Das hieß es so lange, dass eigentlich keiner mehr dran geglaubt hat. Aber ja, hier um den Leopoldplatz, da kommt er tatsächlich.

"Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" heißt eines von vielen netten Cafés in der Nachbarschaft.

(Foto: Hannah Beitzer)

Das ist erst einmal toll für die Menschen, die hierher ziehen und gerne nette Cafés und Designermärkte mögen. Ein paar Schritte in die andere Richtung gibt es ja auch noch die Dönerbuden und die Eckkneipen mit vergilbten Vorhängen, wo es das Bier für einsfuffzig gibt und den Pfefferminzlikör gratis dazu. Und zwischen diesen Extremen, da wohnen sowieso ganz viele stinknormaler Leute, über die selten einer spricht.

Für uns - zwei Journalisten um die 30 - ist es die perfekte Mischung. Die Frage ist nur: Was passiert mit dieser Mischung, wenn mehr und mehr Leute mit ein bisschen mehr Geld entdecken, wie schön es hier ist? Leute wie ich also. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn Aktivisten der Initiative "Hände weg vom Wedding!" mir direkt vor meiner Haustür Flyer in die Hand drücken, auf denen sie die "neoliberale Umstrukturierung der Stadt" beklagen.

Mit den Reichen kommen die Probleme

Ein paar Schritte vom Leopoldplatz entfernt beginnt der Sprengelkiez.

(Foto: Hannah Beitzer)

"Das Kind ist in den Brunnen gefallen", urteilte der Stadtsoziologe Andrej Holm, einer der schärfsten Gentrifizierungskritiker Deutschlands, schon 2013 über das Weddinger Brunnenviertel, das zu den ärmsten Stadtteilen Berlins gehört. Dort hatten sich "Kreative" angesiedelt - auch so ein Schlagwort der Gentrifizierungsdebatte. Für Holm kann das nur die Verdrängung von ärmerer Bevölkerung zur Folge haben.

Experten wie er erklären die Gentrifizierung vereinfacht so: Erst gibt es in einem Viertel Leerstand und/oder baufällige Wohnungen, die Mieten sind billig. Dann kommen eben die Kreativen - Künstler, Studenten, Kulturschaffende - und ziehen in die billigen Wohnungen. Sie eröffnen Galerien, Cafés, Second-Hand-Läden. Das Viertel wird interessant, zieht Menschen mit mehr Geld an. Sie kaufen Wohnungen, sanieren sie. Die Umgebung wird schicker, irgendwann kommen auch Investoren, die die Sanierung beschleunigen, die Mieten steigen weiter. Und wenn das eine Viertel durch ist, ist das nächste dran. Holm zufolge bewegt sich die "Karawane" in Berlin seit 1987 über Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain nach Neukölln. Mal sehen, ob er sein Modell bald um einen Schlenker in den Wedding ergänzt.

Das klingt alles ziemlich fies - so, als ob mit den gut verdienenden Menschen vor allem Probleme in einen Kiez kommen. Bald schon, so die Befürchtung, sieht es dann im ganzen Berliner Zentrum aus wie in Prenzlauer Berg: Bionade-Biedermeier, wie es die Zeit einmal genannt hat.

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