Generationenvertrag Die besten Jahre besser nutzen

Die Generationen werden neu aushandeln müssen, wie sie zusammen leben. (Foto: Die 2012 älteste Turnerin der Welt, die 86-jährige Johanna Quaas aus Halle/Saale mit ihrer Enkeltochter)

(Foto: dpa)

Wer etwa 1964 geboren wurde, für den wird sich das Leben im Alter grundsätzlich ändern. Dem Ruhestand wird einiges von seiner Ruhe genommen. Doch wenn jung gebliebene 70-Jährige länger arbeiten, könnten sie doch zuvor auch mal weniger arbeiten - und diese Zeit für anderes nutzen.

Kommentar von Jochen Arntz

Im Naturkundemuseum von San Francisco, der California Academy of Sciences, kann man eine Menge über den Planeten, die Schöpfung und das Universum erfahren. Man kann aber auch viel darüber lernen, wie die Menschen in den Vereinigten Staaten ihr Leben organisieren.

Im Untergeschoss des Museums zeigt ein Rentner, sein Name ist Steve, den Kindern, wie sie Seesterne streicheln können, und was sie dabei über die Natur erfahren. Steve kommt ein paar Mal die Woche ins Museum, er macht das freiwillig, weil er denkt, er könne so der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft

Ein paar Meilen weiter entfernt hilft eine Anwältin in Rente, das Wählerregister der Gemeinde zu organisieren. Warum sie das macht? Weil auch sie der Gesellschaft etwas zurückgeben will. Jetzt, wo sie endlich Zeit hat. Solange sie es noch kann.

Wer die ältere Frau sieht, wer den Mann im Museum sieht, wirft einen Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft, im besten Fall. In den USA hat es Tradition, dass Rentner sich in Museen, Stiftungen und der Gemeinde engagieren. In Deutschland ist das nicht so. Was umso erstaunlicher ist, da Amerikaner viel weniger Hilfe vom Staat bekommen, also weniger Grund hätten, der Gesellschaft im Alter etwas zu geben.

Produktivität schlägt Demografie

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In Deutschland wird dagegen mit Leidenschaft die Debatte darüber geführt, wie lange die Menschen arbeiten sollen, bis sie Anspruch auf die Rente haben, ob sie mit 65 oder 67 in den Ruhestand gehen dürfen.

Erst langsam beginnt die Generation derer, die bis 67 arbeiten muss, beginnen die Menschen, die 1964 und später geboren wurden, zu begreifen, dass das am Ende gar nicht mehr die Frage sein wird. Das Leben im Alter wird sich grundsätzlich ändern, daran ist nichts zu ändern. Denn nie kamen in Deutschland mehr Menschen zur Welt als Mitte der Sechzigerjahre. Diese vielen Menschen aber bekamen weitaus weniger Kinder als ihre Eltern, und ihre Lebenserwartung ist viel höher.

Das heißt, dass in der Mitte dieses Jahrhunderts mehr als ein Drittel der Deutschen älter als 65 Jahre sein wird. Und das heißt vor allem, dass der Generationenvertrag, wie er jetzt verfasst ist, nicht mehr funktionieren wird. Ökonomisch nicht und gesellschaftlich nicht.

Und dabei geht es nicht nur darum, dass immer weniger junge Menschen für immer mehr alte Menschen die Rente erwirtschaften müssen. Es geht auch darum, dass die Rentner von heute und morgen, Gott sei Dank, viel älter werden als ihre Vorfahren.

Zehn Jahre länger leben, zwei Jahre länger arbeiten

Umso erstaunlicher ist es daher, dass bei den Debatten über das Rentenalter zwei Statistiken selten in Verbindung gebracht werden: Seit Gründung der Bundesrepublik ist die Lebenserwartung der Deutschen um mehr als zehn Jahre gestiegen. Geht es aber um das Rentenalter, wird erbittert um zwei Jahre gestritten.

In Zukunft, wenn die Menschen noch älter werden, wird diese Diskrepanz noch deutlicher: In Zukunft werden deutsche Rentner, zumindest viele von ihnen, zwanzig Jahre lang ihren Ruhestand genießen können. Aber kann sich eine Gesellschaft leisten, dass ein großer Teil von ihr zwanzig Jahre privatisiert? Das kann sie nicht.