Von Interview: Eike Schrimm

Peter Paul Gantzer, Vizepräsident des Bayerischen Landtags, hat ein Buch über das Altern geschrieben. In dem Kapitel "Sex in the sixties" erklärt er die ungeheure Auswirkungen körperlicher Leidenschaften.

Peter Paul Gantzer ist Notar, Universitäts-Professor, Vizepräsident des Bayerischen Landtags und 68 Jahre alt. Weil ihn die Frage,wann er endlich aufhören will zu arbeiten, wütend macht, hat er nun ein Buch geschrieben. Darin plädiert er: Gesund sterben ist das Ziel. Wichtig sind also Ernährung, körperliche und geistige Bewegung - und auch die sexuelle Gesundheit.

Wer sich im Alter Wohlfühlen will, braucht Zärtlichkeit. (© Foto: Istockphoto)

Anzeige

sueddeutsche.de: Gerade kommt Ihr Buch auf dem Markt "Alt ist was. Eine Verteidigung des Alters". Warum muss das Alter verteidigt werden?

Peter Paul Gantzer: Seit meinem 60. Geburtstag werde ich immer wieder gefragt: Wann willst du endlich aufhören zu arbeiten? Diese Frage hat mich wütend gemacht. Deshalb ist die Grundaussage in meinem Buch: Die Altersgrenze ist verfassungswidrig. Sie ist ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetztes. Statt der Altersgrenze sollte die Forderung der Weltalterskonferenz umgesetzt werden: Jeder darf so lange arbeiten, wie er kann und will.

sueddeutsche.de: Sind also die Jungen schuld, dass die Alten verkümmern?

Gantzer: Nein. Jung und Alt sind gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft. Leider gibt es aber immer noch ein negatives Altersbild nach dem Motto: Die Älteren sind schuld an der Krise der Sozialsysteme wie Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung.

sueddeutsche.de: Stimmt das denn nicht?

Gantzer: Nein. Die Fehler der Sozialsysteme sind systemimmanent. Zum Beispiel haben wir in Deutschland eine Trennung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, was nach seriösen Schätzungen durch Mehrfachuntersuchungen und -behandlungen Zusatzkosten von 20 Milliarden Euro auslöst. Das kann aber nicht den Älteren angelastet werden.

sueddeutsche.de: Woher kommen denn die Angriffe auf die ältere Generation?

Gantzer: Unsere Gesellschaft hat immer noch ein negatives Altersbild. Wer in unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr produziert, gilt als unproduktiv und damit als "wertlos". Leider richten sich die Älteren selber in dieser Altersnische ein.

sueddeutsche.de: Was kann man denn dagegen tun?

Gantzer: Um dieses Altersbild umzukehren, müssen gerade auch die älteren Menschen mitanpacken. Jeder muss dafür sorgen gesund zu bleiben. Gesund sterben ist das Ziel. Wichtig sind gesunde Ernährung, körperliche und geistige Bewegung, und auch die sexuelle Gesundheit.

sueddeustche.de: In Ihrem Buch widmen Sie dem Thema Sex ein ganzes Kapitel. Aber ist Sex überhaupt noch wichtig für ältere Menschen?

Gantzer: Sex ist in jedem Alter wichtig. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass alte und junge Menschen dieselben sexuellen Wünsche haben. Deshalb darf man heute nicht mehr so tun wie vor 100 Jahren und sagen, dass ab einem bestimmten Alter Sex nicht mehr stattzufinden hat.

sueddeutsche.de: Wie lauten die gängigsten Vorurteile, wenn es um Sex und ältere Menschen geht?

Gantzer: Viele behaupten, wenn bei Frauen die Menopause durch ist, wollen sie auch keinen Sex mehr. Das ist falsch. Das hat mit der Menopause überhaupt nichts zu tun. Ebenso ist zwar richtig, dass beim Mann mit dem Alter das sexuelle Bedürfnis abnimmt, aber trotzdem ist doch das sexuelle Grundbedürfnis da. Wenn man das abschaltet, dann nimmt man dem Menschen die Liebe.

sueddeutsche.de: Überbewerten Sie jetzt nicht Sex im Alter?

Gantzer: Nein. Wenn Sie die medizinischen Untersuchungen lesen, dann ist gerade Sexualität im Alter ganz wichtig: Sex erhält die Gesundheit, der Mensch bleibt kompetent, er bleibt geistig wach. Sex hat also ungeheure Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden und somit auch auf die Einbindung des älteren Menschen in die Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Aber der Papst sagt: Sex darf nur stattfinden zwischen Mann und Frau, nur in der Ehe und nur, um Kinder zu zeugen. Das heißt doch, ältere Frauen dürfen keinen Sex mehr haben.

Gantzer: Diese Frage hat mich sehr bewegt, deshalb habe ich Enzykliken und Papstbriefe der letzten 100 Jahre gelesen. Dazu finden Sie nichts. Bei keinem Papst. Nur Papst Johannes Paul II. hat über die Unfruchtbarkeit geschrieben: Wenn eine Ehe unfruchtbar ist, muss sich das Paar anderen Dingen zuwenden, vor allem gemeinnütziger Arbeit. Das ist natürlich keine Lösung.

sueddeutsche.de: Haben Sie sich damit zufrieden gegeben?

Gantzer: Ich habe mich dann mit vielen Pfarrern unterhalten. Aber die Pfarrer haben dieses Problem noch gar nicht erkannt. Die einzige schöne Antwort stammt von einem Münchner Pfarrer: Gottes Wege seien unergründlich. Und wenn eine unfruchtbare 60-jährige Frau Sex wolle, dann sei nur von Belang, dass sie mit ihrem Ehepartner beim Sex weder Pille noch Kondom verwende.

sueddeutsche.de: Was kann der alte Mensch tun, wenn er sexuelle Bedürfnisse hat, aber nicht mehr kann?

Gantzer: Natürlich gibt es chemische Hilfsmittel. Da verweise ich jedoch immer auf den Beipackzettel und die ganzen Nebenwirkungen. Aber es gibt ja auch natürliche Mittel, etwa die Sexualformel für Männer: 3000 Milligramm Vitamin E, 1000 IE Vitamin E, 100 Milligramm Co-Enzym Q10und 120 Gramm Ginko biloba-Extrakt.

sueddeutsche.de: Und dann klappt es garantiert mit der Liebe?

Gantzer: Eigentlich sind das nur Hilfsmittel. Das Wichtigste ist Zärtlichkeit. Auch ältere Menschen sollen sich Zeit nehmen für das Vorspiel, für das Nachspiel, für Petting. Das muss im Vordergrund stehen. Denn schon dabei wird das "Kuschelhormon" Oxytozin ausgeschüttet, das dafür sorgt, dass die Verbundenheit der Partner zueinander steigt. Und: Die Partner müssen miteinander reden. Sie müssen sich ihre Wünsche mitteilen.

Peter Paul Gantzer: Alt ist was? Eine Verteidigung des Alters. 12,80 Euro.

(sueddeutsche.de)

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...