Generation Facebook Das Dilemma der modernen Ratlosigkeit

Das Dilemma dieser Menschen, ihr schwindendes Gefühl für sich selbst und die eigene Einzigartigkeit, all das zu porträtieren, ohne irgendjemanden zu kompromittieren; das kann und tut Miranda July wie momentan keine Zweite, auf sämtlichen medialen Kanälen. Sie ist eine der wenigen, die das Fluidum moderner Ratlosigkeit erfassen, die sich auflösenden Grenzen zwischen Leben und Arbeit, zwischen Gemütlichkeit und Paralyse, die Tragik und auch die Komik, die sich über alldem ausgebreitet haben und die erkennbar werden, wenn man sich nur zwei, drei Zentimeter aus sich heraus bewegt; aber eben auch erst dann.

Sophie (gespielt von der Regisseurin Miranda July) und Jason (Hamish Linklater): "Es ist zu spät für uns."

Diese Generation, zu der July selbst gehört und die sie da beschreibt, weiß: Ihre Möglichkeiten sind so vielfältig wie nie. Sie haben - hätten jedenfalls - Zugriff auf alles Wissen dieser Welt. Sie können - theoretisch - von überall auf der Welt aus arbeiten und praktisch jeden Winkel bereisen. Ihre Stimme kann, zusammen mit anderen Stimmen, endlich außerparlamentarisch etwas bewirken, Schwarm-Bewegungen auslösen, Konsumenten-Demokratien gründen. Bloß passiert davon so wenig.

Was die Menschen dieser Generation vielleicht gerade erst beginnen zu realisieren, ist, was das alles umgekehrt bedeutet. Dass die vielen Möglichkeiten sie bisher weder kreativer oder aktiver gemacht haben. Dass sie es selber sind, die dieses ganze Wirrwarr immer wieder neu sortieren müssen. Dass ihre Stimme einfach untergehen kann im Weltweitrauschen. Und dass sie nicht nur jeden Winkel bereisen können, sondern dass sie der Welt nicht mehr entkommen können.

Diesen 30- bis 40-Jährigen, die fast schon 50 werden, geht es, und das unterscheidet sie so von allen vorhergehenden Generationen, zunehmend weniger um Sinnsuche. Laut Julys Diagnose ist das genau das Problem moderner Menschen: Sämtliche Suchen, Löcher und freie Momente werden sofort durch das Herumtippen auf irgendeiner Tastatur gestopft und übertönt. Immer kauft man gerade irgendwas, klickt irgendwas an, erfährt irgendwas, wird woanders eines Besseren belehrt, bestellt irgendwas, wird wieder ganz woandershin verlinkt, muss dieses beantworten oder jenes irgendwie finden. Das Ganze macht süchtig, aber weder richtig glücklich noch richtig unglücklich. Und somit kommt einem auch das Gefühl für Zeit abhanden.

Miranda July schaut selbstverständlich betreten, wenn man sie als Orakel und Ikone dieser Generation bezeichnet. Allerdings: Sämtliche Hipster, die in Stockholm oder Argentinien darauf warten, dass das Glück sie findet, während sie Biobrause trinken, Bon Iver lauschen und ihre Ferienbilder auf ihre Facebookseiten laden, würden sich, wenn sie die Wahl hätten, ein ähnliches Leben zusammenstellen wie das von Miranda July. Sie wuchs im akademischen Milieu der Universitätsstadt Berkeley auf, besuchte eine Schule, auf der man für das Anderssein nicht gefoppt wurde. Ihre Eltern betrieben sozusagen aus dem häuslichen Wohnzimmer heraus einen Verlag und Versandhandel für New-Age-Bücher, und so lernte Miranda July früh, dass man mit so etwas Abstraktem wie Kunst seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Sie war in der Schule die Anführerin, spielte Theater, schrieb Kurzgeschichten, trieb sich in Punk-Clubs herum und entwickelte künstlerisches Sendungs- und Selbstbewusstsein, was von den Eltern unterstützt wurde. Sie studierte Kunst in Portland. Fand einen Mentor in Rick Moody, dem Autor von "Garden State" und "Der Eissturm". Musste niemals in irgendeinem Nine-to-Five-System Geld verdienen. Und lebt heute mit ihrem Mann, dem in ähnlichen Kreisen ähnlich glühend verehrten Regisseur Mike Mills, zusammen in einem Haus in Kalifornien, umgeben von wahrscheinlich saucoolen Freunden.

Julys Kunst ist interaktiv, empathisch, menschenbezogen. Auf der Webpage "Learning To Love You More" rief sie die Leser dazu auf, ihre sich küssenden Eltern zu fotografieren, eine Pressemitteilung über ein alltägliches Ereignis zu schreiben oder einfach mal mit der Kamera unter das eigene Bett zu knipsen. Ihre Geschichten sind subtil, rührend bis bizarr, und fast immer handeln sie von Menschen, die den Kontakt zu ihrer Umgebung suchen.

July lebt in der Hauptstadt der Oberflächlichkeiten, dem Headquarter des Mainstreams: Los Angeles. Steht das nicht im Widerspruch zu ihrem Tun? "Oh", sagt sie, "Sie sprechen vom Westen!" Und es klingt wie "Oh - Sie sprechen von Adrastea, dem Jupitermond!" Der Westen von Los Angeles, der sei weit weg, bestimmt eine halbe Stunde mit dem Auto: "Ganz ehrlich: Da sind wir nie!" Ah so, und: Wo sind wir dann stattdessen? "Im Osten. Viele New Yorker Künstler und Musiker sind dorthin gezogen, weil die Ateliermieten billiger sind. Es ist ein wahnsinnig fruchtbares Umfeld dort entstanden." Das hätte ein Berlin-Friedrichshainer jetzt auch nicht schöner sagen können.

Natürlich haben auch die Mechanismen Hollywoods eine Wirkung auf sie. Ihr Auftreten hat auch nicht weniger Wiedererkennungswert als das von Paris Hilton; nur eben in der klugen Umkehrung. Ihr Look, 70er-Jahre-Blusen, Capes, sonderbare Kragen, ist selbstverständlich das Ergebnis sorgfältiger Planung und Kontrolle. Und überhaupt ist das wahrscheinlich das Wort, das die Unterschiede in diesem Ferienfotofreundschaftsanfragen-Gewurschtel definiert: "Meine Karriere, meine Arbeit, das ist alles gar keine Magie und kein Zufall", sagt July, "das ist harte Arbeit. Ich bin ungeheuer diszipliniert." Eine Plattform wie Facebook beispielsweise nutze sie selber nur für den Film jetzt, oder für das nächste Buch; eben als Werkzeug. "Wie viele andere habe ich mir außerdem Macfreedom runtergeladen."

Dort könne man eintippen, wie lange man vom Internet unbehelligt sein will. Und dann schaltet es sich für diesen Zeitraum irreversibel ab. "Wie?" fragt July, hier aufrichtig verwirrt. "Sie machen das nicht? Wie schreiben Sie denn? Laden Sie es sich einfach runter. Sie werden sehen, es ist eine enorme Erleichterung. Wir machen es mittlerweile alle so."