Generation Facebook Im Wartezimmer zum Erwachsenwerden

Miranda July ist die Ikone der Generation Facebook. Sie fängt das Lebensgefühl von Menschen ein, die in einer seltsamen Zeitblase leben - und plötzlich merken, wie wenig sie in all den Jahren auf die Reihe gekriegt haben.

Von Rebecca Casati

Die überraschend große, dünne Miranda July steht an einem Tisch, auf dem die Getränke für diesen Nachmittag arrangiert sind. In der einen Hand hält sie eine Tasse heißes Wasser, mit der anderen nestelt sie an diesem Kasten mit Teebeuteln herum, ohne den an besseren deutschen Hotelbuffets praktisch gar nichts mehr geht.

Dies sind Sophie und Jason, aber es sind auch Sie und ich. Wir haben kein konkretes Problem, aber ein schleichendes. Die Zerstreuung ist permanent. 

(Foto: Supplied by Capital Pictures)

"Wie ist der zum Beispiel hier", murmelt sie, und tippt auf Teebeutel, "oder dieser: Mor-gen-tau?" "Der ist gut." "Und das hier? Verveine? Wie schmeckt das Zeug?" "Nicht so toll." "Also, wie - genau?" "Vielleicht etwas nach älteren Damen?" Die Beschreibung klingt in ihren Ohren offenbar verlockend. "Tut man das dazu?" fragt sie, und gießt bereits Milch in ihr sich gerade grünlich verfärbendes Getränk. Das Ganze wird dann vorsichtig zu einem Sessel getragen, auf extradünnen Beinen, die in Schuhen stecken, die entfernt an Bügeleisen erinnern.

Sie setzt sich und schaut dabei wie jemand, der gerade etwas sehr Verstörendes mitansehen musste. Spätestens ab da meint man, dass man dieses Gesicht unter den schimmernden braunen Locken schon mal irgendwo anders gesehen hat: Eine kaputte Puppe? In einem alten Cartoon? In einer Stummfilmszene? Es ist blass und schön und regelmäßig, aber es hat etwas beinahe aufdringlich Verletztliches, und mittendrinnen stehen Julys sehr, SEHR große blaue Augen, deren äußere Enden nach unten zeigen. Und aus denen es bestimmt gleich nicht heraustropfen, sondern märchenbachartig rinnen wird, wenn man ein falsches Wort sagt - oder was ist das hier jetzt?

Quatsch. Tut sie nicht, warum sollte sie. Hier, hinter einem Ekeltee, sitzt die Alleskönnerin, wie sie von deutschen Feuilletons oder Frauenzeitungen bezeichnet wird. Eine, die Menschen inspiriert und Kritiker begeistert. Die ratlos rüberkommt und selbstbewusst redet. Genau wie es sich für die Stimme einer ganzen Generation gehört. Miranda July schreibt Bestseller, wird als Performance-Künstlerin bejubelt, dreht und schreibt Filme wie "Me and you and everyone we know", mit dem sie 2005 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Oder wie ihr neuer Film "The Future". Der wieder nur Lob bekommen hat, so auch in dieser Zeitung. Und in dem sie zusätzlich auch noch die Hauptrolle spielt.

Nicht von ungefähr beginnt "The Future" so: Ein Pärchen liegt mit ineinandergeschobenen Gliedmaßen auf einer Couch und führt diese besondere Art der Internet-Nebenbei-Unterhaltung. Beide haben ihre aufgeklappten Laptops auf ihren mittlerweile wahrscheinlich sehr heißen Bäuchen liegen, während sich draußen vor dem Fenster die Sonne umsonst abrackert. Und ihre Haltung, ihre identischen Haarschnitte und ihre Jogging-Klamotten verraten bereitwillig: Wir hatten schon länger keinen Sex mehr.

Die beiden, Sophie und Jason, wie wir lernen, haben keine Kinder, nur sich und ihre Jobs. Die auch nicht die sind, von denen sie mal geträumt haben. Er arbeitet für ein Callcenter, sie in einem Fitnessstudio. Es gibt bei alldem kein konkretes Problem, eher ein diffuses Unbehagen: Sophie und Jason dämmert, dass ihr Leben vergeht. "In fünf Jahren sind wir 40", sagt Jason, "und das ist fast 50. . ." "Es ist zu spät für uns", flüstert Sophie. Also machen sie das Waghalsigste, was sie sich vorstellen können: Sie adoptieren eine Katze. Und stellen das Internet ab. Und dann entgleitet ihnen alles so richtig.

Früher nannte man sie verkrachte Existenzen

Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.

Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. "Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . " sagt Jason in "The Future".

Dieses Gefühl beispielsweise, das kennen wir laut Miranda July doch alle: "Diese fast kindliche Idee vom Erwachsensein. Man denkt, man würde immer klüger, und eine Zeitlang wird man das ja auch. Oder man denkt, man kriegt mehr Geld, je älter man wird. Und dann ist es fast wie ein Schock, wenn man in unserem Alter begreift: Das bin jetzt ich. Das ändert sich nicht mehr so groß. Wenn ich Geld haben will, muss ich anfangen, dafür zu arbeiten. Und aufhören, es auszugeben."