SZ-Redakteur Gerhard Matzig hat sich in einer Diagnose-Klinik mit den modernsten Methoden der Medizin auf Herz, Nieren und Gene durchchecken lassen. Nun weiß er über seine Verfassung mehr als die meisten von uns. Aber ist das gut?
sueddeutsche.de: Sie haben sich kürzlich einem Gesundheits-Check unterzogen, bei dem alles überprüft wurde, was heute medizintechnisch überhaupt geht. Jetzt wissen Sie alles über sich. Was ist das für ein Gefühl?
Gerhard Matzig hat sich für SZ Wissen einem umfassenden Gesundheits-Check unterzogen. (© Foto: oh)
Anzeige
Gerhard Matzig: Unterm Strich geht es mir besser. Allerdings weiß ich jetzt Dinge, von denen ich lieber nichts gehört hätte.
sueddeutsche.de: Zum Beispiel?
Matzig: Da ist ein Knoten in meiner Schilddrüse, der mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit harmlos ist. Aber jetzt, wo ich davon weiß, denke ich immer wieder: Vielleicht ist er ja doch bösartig. Auf dieses Gefühl könnte ich gut verzichten. Außerdem hat sich bei der Gendiagnostik herausgestellt, dass bei mir die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer etwas erhöht ist. Ich muss mich also mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ich möglicherweise, ich sage: möglichwerweise!, später an dieser Demenz erkranke.
sueddeutsche.de: Es gibt schleichende Erkrankungen, gegen die man etwas tun kann, wenn man sie erkannt hat, und solche, denen man nicht entgeht. Dazu gehören auch genetisch bedingte Leiden. Was ist also besser: Bescheid zu wissen, oder einfach davon auszugehen, es wird schon nichts passieren?
Matzig: Man vermengt das. Es gibt ja bestimmte Krebsformen, wenn man die früh genug entdeckt, hat man eine gute Chance auf Heilung. Da ist es vernünftig, frühzeitig zur Früherkennung zu gehen. Man lässt ja auch beim Auto die Bremse regelmäßig überprüfen. Und hört auf die Staumeldungen im Radio.
sueddeutsche.de: Trotz aller möglichen unangenehmen Erkenntnisse halten Sie die Früherkennung also für wichtig. Sie sind jetzt 44 Jahre alt. Wann waren Sie denn vor dem jetzigen General-Check zuletzt bei einer umfassenden Untersuchung?
Matzig: Anfang der 80er Jahre wurde ich bei der Musterung auf Herz und Nieren geprüft - so gut das damals ging. Einen richtigen Vorsorge-Chek hatte ich bisher im Grunde noch nie gemacht.
sueddeutsche.de: Obwohl Sie die Vorsorge prinzipiell für richtig halten? Wieso dann so lange kein Check?
Matzig: Das liegt sicher daran, dass man sich als 30-Jähriger für unsterblich und unverwundbar hält. Außerdem hatte ich nie größere gesundheitliche Probleme. Es gab also keinen akuten Handlungsbedarf. Außerdem muss man auch mutig genug sein, Vorsorge-Untersuchungen in Anspruch zu nehmen.
sueddeutsche.de: Ihnen hat der Mut gefehlt, zur Vorsorge-Untersuchung zu gehen?
Matzig: Ich musste mich schon überwinden. Die Untersuchungen können ja auch unangenehm sein. Denken Sie an eine Magenspiegelung. Aber es ist auch eine interessante psychologische Situation: Man hat Angst vor Krankheiten und möchte im Grunde alles tun, damit es nicht soweit kommt.
Aber man hat auch Angst davor, dass man diese Krankheit oder eine Anlage oder ein besonders hohes Risiko dazu hat und einem das enthüllt wird. Vielleicht tendieren wir auch von Natur aus dazu, zu verdrängen.
Und so eine umfassende Untersuchung ist das genaue Gegenteil der Verdrängung. Da wird alles ganz genau untersucht, und selbst eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Krankheit wird mitgeteilt.
sueddeutsche.de: Trotzdem haben Sie das Angebot von SZ Wissen angenommen, über die Erfahrung einer umfassenden Untersuchung in der Diagnoseklinik in München zu schreiben.
Matzig: Allerdings habe ich zuerst gesagt: Das mache ich nie und nimmer. Meine Frau hat mich dann mit all der Fürsorge und dem Nachdruck, zu denen nur eine liebende Ehefrau fähig ist, sanft dazu überredet. Mit Mitte vierzig sei es ja auch langsam mal Zeit. Und wenn man Kinder hat . . .
sueddeutsche.de: In der Klinik wurde auch Gendiagnostik vorgenommen. Sind die Ergebnisse einer solchen Untersuchung nicht noch bedrohlicher als das Wissen um ein erhöhtes Herzinfarktrisiko? Schließlich hat man dann noch die Chance, seinen Lebensstil zu ändern. Seinen Genen aber entkommt man nicht.
Matzig: Das stimmt so nicht ganz. Auch die Gene bestimmen unsere Gesundheit nur zu 30 Prozent. Der große Rest: Ernährung und Lebensstil. Den Genen entkommt man nicht - aber ob die genetische Disposition sozusagen aktiviert wird oder nicht im Verlauf des Lebens: An dieser Schraube dreht man selbst.
Aber dennoch, wenn man aufgrund einer genetischen Disposition wenig gegen die Entwicklung einer Krankheit tun kann, dann ist eine gute Portion Verdrängung hilfreich. Warum sollte man sich im Detail mit etwas auseinandersetzen, das unaufhaltsam ist?
Man muss die Gendiagnostik schon ernst nehmen. Aber sie ist eine junge Wissenschaft, die man vorsichtig handhaben und kritisch hinterfragen sollte: Wie gut wissen die Mediziner da denn Bescheid? Von den Tausenden von Genen, die uns steuern, wird in der Gendiagnostik nur ein Bruchteil bestimmt.
sueddeutsche.de: Und wie gehen Sie mit dem Hinweis auf das erhöhte Alzheimer-Risiko um?
Matzig: Ehrlich gesagt, dieses Risiko finde ich dann doch sehr theoretisch. Theoretisch kann ich auch beim Lotto gewinnen. Ich glaube, meine Fähigkeit zu verdrängen, ist intakt: Ich denke also nicht groß darüber nach. Schließlich kann man da auch nichts tun, obwohl . . . mir hat der Gendiagnostiker geraten, einen geistig anregenden Beruf auszuüben.
sueddeutsche.de: Hätten Sie dem Arzt auch sagen können, dass Sie nur Ihr Risiko für bestimmte Krankheiten erfahren möchten - solche zum Beispiel, gegen die man etwas machen kann?
Matzig: Man wird nicht überfahren mit allen Informationen. Der Gendiagnostiker war sehr behutsam. Er hat dort Halt gemacht, wo ich gesagt habe: So genau will ich das nicht wissen. Man muss sich aber vor der Diagnostik gut überlegen, was man wirklich will. Und dann: Diese Diagnostik weiß auch nicht alles.
sueddeutsche.de: Sie haben von einem Knoten in Ihrer Schilddrüse gesprochen, von dem Sie lieber nichts gehört hätten ...
Matzig: Im Ultraschall war dieser Knoten zu sehen. Es gibt zwar eine Menge unverdächtige Knoten in der Schilddrüse. In der Klinik wurde mir das auch erklärt. Aber die wollten ganz genau prüfen, ob es ein gutartiger oder bösartiger Knoten ist. Deshalb wurde ein sogenanntes Szintigramm erstellt, auf dem man das Ganze weiter abklären kann.
Nach dem Ergebnis hieß es dann, wir müssten noch einen Schritt weitergehen und punktieren. Erst anhand einer Probe aus meiner Schilddrüse unter dem Mikroskop könne man mir sagen, ob man wegen Schilddrüsenkrebs operieren müsste oder nicht. Ich habe natürlich die ganze Zeit gedacht: Oh Gott, habe ich vielleicht Krebs?
sueddeutsche.de: Wurden Sie punktiert?
Matzig: Ich bin erstmal zu einer Schilddrüsen-Spezialistin außerhalb der Diagnose-Klinik gegangen. Die hat einen Blick auf das Ultraschallbild geworfen und gesagt: Das ist nichts. Selbst das Szintigramm fand sie unnötig. Ich soll etwas gegen einen möglichen Jodmangel tun.
sueddeutsche.de: Sie hat einen bösartigen Knoten ausgeschlossen?
Matzig: Wenn ich wegen des Knotens ganz sicher sein will, soll ich in einem halben Jahr noch mal wiederkommen. Aber sie hat mich sehr beruhigt. In der Klinik dagegen war es das Gegenteil. Die Radiologin dort meinte, eine Operation sei zwar auch mit gewissen Risiken verbunden, aber dann sei man wenigstens sicher. Das macht Angst.
sueddeutsche.de: Werden Sie die Schilddrüse noch einmal überprüfen lassen?
Matzig: Natürlich.
sueddeutsche.de: Von der Spezialistin oder in der Klinik?
Matzig: Wem vertraue ich denn als Patient mehr? Dem ängstlicheren, vorsichtigeren Arzt, der zu weiterer Diagnostik und einem Eingriff rät, oder dem, der mir die Verantwortung abnimmt und sagt: Das ist schon nichts? Ich gehe wieder zu der Das-ist-schon-nichts-Spezialistin.
sueddeutsche.de: Aber wenn wir heute so viele technische Möglichkeiten haben, eine Diagnose mit größtmöglicher Sicherheit zu stellen, dann weiß man doch am Ende wenigstens hundertprozentig, was wirklich los ist - Angst hin oder her.
Matzig: Ich halte es für ausgeschlossen, dass man hundertprozentige Sicherheit darüber erlangt, ob man Krebs hat oder bekommen wird. Man müsste dann schon alle drei Monate zum Check gehen.
Ich glaube, dass man das Entstehen von Krankheiten niemals hundertprozentig ausschließen kann. Angenommen, ich hätte mir den Knoten herausnehmen lassen und festgestellt, dass er gutartig ist. Vielleicht entstehen schon bald neue Knoten - diesmal vielleicht bösartige.
sueddeutsche.de: Das klingt ein wenig fatalistisch.
Matzig: Das Gefühl, ich bin vollkommen gesund und werde hundert Jahre alt - das kann man nicht haben. Ich glaube schon, dass die Diagnostik ein Stück weit helfen kann und vernünftig ist. Aber je genauer sie wird, desto stärker gerät sie auf eine paradoxe Weise in eine Grauzone hinein, in der man sich eine Sicherheit vormacht, die es nicht gibt.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Wir haben alle vergessen, dass Leben eine äusserst lebensgefährliche Beschäftigung ist, so gefährlich, dass sie früher oder später mit dem Tod endet. Warum machen wir dann mit?
Wie das Wort schon sagt, man macht sich schon vorher Sorgen.
Man muss nicht alles wissen.
Das Leben verläuft so oder so anders als man denkt.
Da hat man dann (vielleicht) ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, aber wer sagt mir denn, was erhöht bedeutet und wann das Ganze denn nun stattfinden soll.
Vielleicht stirbt man früher an einer Grippe und dann war alle Sorge umsonst.
Nachsorge macht mehr Sinn, denn dann will der Kranke einen Rückfall verhindern oder möglichst schnell etwas tun, wenn z.B. der Krebs wiederkommt.
Ach und nochwas-das Gen allein macht nicht die Musik, sondern auch, wo das Gen liegt, bzw. wie das Genom aufgewickelt ist.
Liegt es weiter entfernt von möglichen Andockstellen, passiert gar nichts.
Ich kann es nicht besser erklären, ist alles ziemlich kompliziert.
Und wenn die Leser mal etwas Spannendes lesen wollen, NEXT von Crichton (dem haben wir Jurassic Park zu verdanken)
Auf alle Fälle kommt man etwas ins Grübeln, was die Gentechnik angeht.
FRÜHERKENNUNG UND PRÄVENTION
Ist Vorbeugen besser als Heilen?
Nur für wenige der empfohlenen und praktizierten Maßnahmen liegen valide Daten zu
Nutzen und Schaden vor. Eine verstörende Bestandsaufnahme zur Diskussion*
Der Enthusiasmus für Früherkennungs-und Präventionsmaßnahmen beruht auf der irrigen Annahme, dass diese immer besser und billiger sind als Heilmaßnahmen(26). Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele für missglückte Früherkennungs- und Präventionsinitiativen mit zum Teil verheerenden Folgen für die Teilnehmer (24). Für viele der propagierten Gesundenuntersuchungen fehlen durch randomisierte kontrollierte Studien (RCT) erbrachte Nachweise für ein positives Nutzen-Schaden-Verhältnis; dies gilt etwa für den Gesundheitscheck,
das Screening auf Nierenerkrankungen oder Diabetes, die Früherkennung von Darmkrebs mittels Koloskopie, das Screening auf Prostata- oder Hautkrebs. Für andere Empfehlungen, wie zum Beispiel das Selbstabtasten der Brust, ist der fehlende Nutzen belegt (7). Mit ausgewählten Beispielen soll auf die Problematik einer ungeprüften und kritiklosen Implementierung von Vorsorge- und Präventionsmaßnahmen aufmerksam gemacht werden.
weiter:
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/literatur.asp?ausgabe=25&jahr=2007
Themen u.a.
Der Hormonskandal.....
Mammografie-Screening:
Ist gesunde Ernährung gesund?....
Die Vitamin- und Antioxidanzien-
Saga...
Lebensstiländerungen zur Prävention
von Diabetes?
Diabetesepidemie oder leben wir
einfach länger?
... Walter Sedlmayr selig als Prof. Felix Hallerstein zu Frau von Soettingen, als die ihren Monaco Franze dienstunfähig haben wollte, so unnachahmlich: "Woaßt, Annette, mir ham da a neue Maschin', da gehst vorn pumperlgsund nei und hinten kommst todkrank raus."
Q.e.d.