Geburtshilfe Hebammen stehen für eine seltene Kunst: Die des Abwartens

Wo immer man im Gesundheitswesen spart, bei den Heb­ammen sollte man es nicht tun. In einem Land, in dem Ärzte zum Eingreifen neigen, stehen sie für eine seltene Kunst: die des Abwartens. In einem Land, in dem mehr Hüften und Knie operiert werden als in den meisten anderen euro­päischen Ländern und in dem auch überdurchschnittlich viele Kinder per Kaiserschnitt geholt werden, behalten sie den Blick auf die gesunde Frau. Und das Vertrauen, dass eine Geburt keine Krankheit ist und kein Notfall.

In Deutschland wird Schwangerschaft vorrangig als Gesundheitsgefährdung interpretiert, Geburten sind potenzielle Notfälle. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nehmen Schwangere deutlich mehr Tests und Unter­suchungen auf sich als medizinisch notwendig. Die Autorinnen der Studie vermuten, dass die vielen Untersuchungen Ängste bei der Geburt schüren und damit auch Kom­plikationen wahrscheinlicher machen.

Außerklinische Geburten sind in Deutschland die große Ausnahme - zum einen weil das Personal fehlt, aber auch weil sich immer weniger Frauen überhaupt noch eine unkomplizierte Geburt zutrauen. Dabei spricht bei einer normalen Schwangerschaft an sich wenig gegen eine Geburt zu Hause oder im Geburtshaus. Eine Geburt zu Hause ist bei einer unkomplizierten Schwangerschaft nicht riskanter als eine in der Klinik.

Der Beginn eines Lebens ist eine gesellschaftliche Angelegenheit

Doch Michael Abou-Dakn sagt: "Alles, was in Berlin in den letzten Jahren an Geburten dazugekommen ist, spielt sich in den Perinatal­zentren ab. Die Paare wollen in die Klinik." Der Wunsch, die Verantwortung bei Bedarf an medizinisches Fachpersonal abgeben zu können, gehört auch zur selbstbestimmten Geburt. Doch einige teure Urteile gegen Hausgeburtshebammen haben deren Haftpflichtversicherungskosten in die Höhe schießen lassen. Auch so wird die Wahlfreiheit eingeschränkt.

Der Beginn eines Menschenlebens ist nicht nur Privatsache, sondern eine gesellschaftliche Angelegenheit. Je sicherer sich Eltern fühlen, desto eher gelingt ihren Kindern ein guter Start. Von Eltern wird heute erwartet, dass sie sich finanziell, emotional und zeitlich ins Zeug legen, um ihren Kindern einen optimalen Start zu ermöglichen.

Wie wäre denn eine Gesellschaft, die sich für den Lebensstart genauso ins Zeug legt - und zwar nicht nur mit exzellenter Säuglingsversorgung, sondern auch mit exzellenter Mütterversorgung? Ich glaube, das wäre genau die Art von Gesellschaft, die sich jeder von uns für seine Kinder wünscht.

Süddeutsche Zeitung Familie
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Dieser Text stammt aus Süddeutsche Zeitung Familie. Das 2in1-Magazin für Eltern und Kinder - jetzt hier bestellen.