Gastronomie Kinderspeisekarten machen dumm, krank und arm

"Käpt'n-Blaubär-Teller" oder "Schnitzibitzi"? Egal, Hauptsache mit Pommes. Ein Wutausbruch.

Von Gerhard Matzig

"Kinder", sagt Hans Haas, "sind ehrlich. Die sagen dir gleich, ob es schmeckt oder nicht. Kein Drumherumgerede, das mag ich." Ist ja auch zu schön, die Vorstellung, ein Kind würde dem Küchenchef nach dem Essen sagen: "Ganz herrlich heute wieder, in der Tat, sehr fein, also die gratinierten Lammkoteletts mit Bohnen und Tomatenpolenta, ganz große Klasse . . . Nun ja, die Polenta mag diesmal vielleicht einen Tick überpointiert geraten sein, so zum Ende hin, aber wirklich nur eine Nuance . . . !"

Schmeckt oder schmeckt nicht. Kinder sind klasse.

Seit einem Vierteljahrhundert ist Haas Küchenchef im Tantris. Das Münchner Sternerestaurant zählt seit 45 Jahren zu den wichtigsten kulinarischen Adressen Deutschlands. Und es hat außer den 35 000 verheißungsvollen Weinflaschen im Keller, einer schier genialen Architektur (in der die Teppiche an der Decke festgetackert sind und die Tischleuchten wie Sonnen aussehen, die bei Capri im Meer versinken) und der Ochsenschwanzessenz mit, sagen wir ruhig: genau richtig pointierten Butternockerln mindestens noch eine weitere Besonderheit zu bieten. Das Tantris nämlich gehört zu den seltenen Restaurants, die noch immer keine Kinderkarte haben - und hoffentlich auch nie haben werden. Zumindest keine Karte, wie sie sich kein Kind je ausdenken würde.

Gemeint sind hier Menschen, die sich nicht ausschließlich von Pommes ernähren

Pfff, werden jetzt einige denken, Kinder und Sterneküche, geht's noch? Aber genau darum geht es ja: Warum eigentlich nicht? Also wenigstens theoretisch. Nur so als kleines Gedankengebäude. Wir sind gerade sogar in der Stimmung, dem Tantris schon allein für das Nichtangebot von Kindergerichten einen dritten Michelin-Stern zuzuerkennen. Denn auch am souveränen Fehlen einer meist lächerlich infantil gestalteten und aberwitzig zusammengebrabbelten Kinderkarte, die aus primitivsten Zutaten und bar jeglicher Fantasie ein Maximum an Rendite zu machen weiß, kann man erkennen, dass ein Restaurant Kinder ernst nimmt. Als Menschen, die selbstverständlich gerne gut und Gutes gern essen.

Gemeint sind hier Menschen, die sich nicht ausschließlich von Pommes ernähren. Oder von Fischstäbchen (meist mit Pommes), von Schweineschnitzel (normalerweise mit Pommes) oder Chicken Nuggets (vornehmlich mit Pommes) oder Spaghetti ( mit einer irgendwie vage an Tomaten erinnernden Sauce). Doch, solche Menschen gibt es - auch wenn die Gastronomie das kaum glauben mag und es in 99 Prozent aller Fälle sogar leugnet. Ausweislich all jener Speisekarten für Kinder, die nur kindgerecht tun, aber in Wahrheit kaum Interesse an der Verbindung von Kind und Kulinarik haben, geschweige denn an Ernährung, Gesundheit und Pädagogik.

Schmeckt locker!

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Kinder, die glauben, dass Fische rechteckig sind

Worauf aber zielt das Interesse der Gastronomen stattdessen? Sagen wir es frei heraus: Es zielt auf nicht zu knapp Geld für die lieblos und billig auf serielle Weise fabrikgemäß zusammengerührte Sattmachpampe. Die eigentlich auch gleich mit der Schöpfkelle an der Straße ausgegeben werden könnte. Dies "kindgerecht" zu nennen oder an "unsere verehrten kleinen Gäste" zu adressieren - das ist fast schon perfide. Kindlicher gesagt: Schmeckt nicht.

Die Verfasser grenzdebiler Kinderkarten haben bei ihrem Tun auch noch wirkmächtige Verbündete. Und das sind wir. Wir, die erschöpften, genervten, jetzt endlich mal Ruhe haben wollenden Eltern, die im Restaurant irgendwann kapitulieren: "Und für den kleinen Kilian dann bitte das Kinderschnitzel mit Pommes und gaaanz viel Ketchup, danke."

Zu befürchten ist, dass diese Eintracht aus elterlicher Hilflosigkeit und Küchen-Darwinismus eines Tages der Evolution auf die Sprünge hilft. Dann werden Kinder geboren, für die Kühe nicht nur lila sind - sondern die auch glauben, dass Fische nur dann Fische sind, wenn sie in rechteckiger und panierter Form nicht die Meere, sondern die Tiefkühltruhen bevölkern. Gesponsert vielleicht von der Aroma-Industrie, die es ja auch schafft, dass Erdbeer-Joghurt am allerbesten dann schmeckt, wenn sich im Joghurt garantiert keine Nanopartikel von so etwas wie Erdbeeren befinden. Das betrifft zugleich auch die Kinder, bei denen es selbstverständlich ist, dass das Schnitzel aus dem Toaster hüpft. In seiner orthogonalen Rechteckigkeit erinnert es prompt an den nahen Verwandten, den Fisch in Stabform. Beide sind hübsch stapelbar und genormt. Und billig. Und ja, Kinder sagen dann nach ein paar Jahren oft: Schmeckt. Nur ist es halt kein Essen.