Frankfurter Design-Messe Neues aus der Dingwelt

"The Design Annual" wirkt durchaus erkenntnisstiftend. Denn in Frankfurt geht es nicht um das geschickte Marketing von stilistischen Novitäten, sondern um ihr Making-of.

Von Gerhard Matzig

Es ist ja nicht so, dass es zu wenig Messen gibt in Deutschland. Es gibt eine Messe für Lasertechnik und eine für Dentalhygiene. Es gibt die ,,Euroblech'' als Fachmesse der Fügetechnologie und die ,,Venus'' als Fachmesse der Erotikbranche. Und dann erst die Welt der schönen Dinge: neue Möbel werden auf Möbelmessen präsentiert, neue Autos auf Automessen und neuer Tinnef für Autos, Privatwohnungen oder Restaurants auf der ,,Ambiente''. Dazu kommen Küchen- und Bad-Messen, Licht- und Leuchten-Ausstellungen sowie die Symposien auf der ,,Home & Garden'' in Hamburg beziehungsweise auf der ,,Living & Garden'' in Würzburg. Wenn man also eines nicht braucht, dann ist es eine neue Messe. Denkt man.

The Design Annual 2007 Frankfurt

In Frankfurt hat sich ein neuer Spielplatz der Dingwelt etabliert.

(Foto: Foto: Reuters)

,,The Design Annual'', das neue, ehrgeizig organisierte Branchentreffen der Gestalter (auf Deutsch: ,,The Showcase for high-end Design''), ist deshalb schon mal eines: irritierend. Denn auf den ersten Blick kommt einem manches Ausstellungsstück zunächst nur wie ein guter Bekannter vor. Den neuen Thonet-Stuhl ,,404'', eine elegante, höchst bequeme und so innovative wie selbstverständliche Weiterführung der klassischen Schicht- und Formholz-Sprache Thonets durch den Gestalter Stefan Diez, kennt man beispielsweise aus Mailand. Und die Audi-Studie zum neuen Cross Coupé quattro (Entwurf: Stefan Sielaff) - war die nicht erstmals auf der Automobilmesse in Schanghai zu sehen?

Ihre tatsächliche Bedeutung jenseits des Klassentreffens erhält die Design Annual, die sich nicht nur ans Fachpublikum richtet, erst auf den zweiten Blick. Denn abseits der üblichen, hochspezialisierten Novitätenschauen, die immer auch schlichte Verkaufsmessen sind, bietet das neue Format in Frankfurt etwas im Messebetrieb selten gewordenes: die Zusammensicht der Dinge. Also eine horizontale Gesamtschau dessen, was ,,Design'' auch noch sein könnte. Nämlich abseits der Diffusions-Spielplätze des Marketings, die nur Designer-Brillen, Designer-Küchen und Designer-Särge aufbieten, dazu auch Hairstylisten-Symposien oder RTL-Einrichtungsschauen. Sowie abseits einer Architektur, die ihrerseits dabei ist, zu Design zu degenerieren, wie Hadid & Co. immer mal wieder beweisen. Die Design Annual bemüht sich dagegen um ein genaueres Hinschauen auf das Woher und Wohin der Formen.

Die Making-of-Schau

Schon deshalb ist diese Frankfurter Messe nicht überflüssig, sondern vitalisierend: Andernorts wird fast wahllos die mal gelungenere, mal missglücktere Dingwelt zu Verkauf und Kauf aufgeboten - aber in Frankfurt werden Evolution und Relevanz der Produkte diskutiert. Am Sonntag ist die Messe nach viertägiger Bespielung, nach Ausstellung und etlichen Sonderschauen, nach Vorträgen und Podiumsdiskussionen, zu Ende gegangen. Erst zum zweiten Mal wurde sie von der Messe Frankfurt und der Stylepark AG unter der imposanten Kuppelkonstruktion in der alten Messe-Festhalle ausgerichtet.

In diesem Jahr hat sich die Messe das Thema ,,Private Identity'' gegeben. In einer angenehm wandlosen, die Osmose der Dinge begünstigenden Ausstellungs-Architektur ohne die üblichen Firmenboxen-Rivalitäten (Entwurf: Studio Urquiola) sollte die Frage erörtert werden, wie und wodurch die Produkte ihre spezifischen Identitäten gewinnen.

Solch eine ,,Making-of''-Schau kann durchaus erkenntnisstiftend sein. Etwa bei Stefan Diez, der seine Produkte in ein Regal gepackt hat - und diesem ein anderes Regal gegenüberstellt: ausgestattet mit Fundstücken des persönlichen Entwurfs- oder Findungsprozesses. So lässt sich der 404 als legitimer Nachkomme zweier Thonet-Klassiker lesen. Und als Inspirationsquelle für seine seltsam perforierte und vielfach verkantete Stuhl- und Tischserie ,,Bent'' entpuppt sich ein einfacher Pizza-Karton.

Die mit Abstand interessanteste Sonderschau stammt jedoch von Nicola Stattmann. Ihr ,,Paper Lab'' verhandelt die formale wie inhaltliche Zukunft eines alten Werkstoffs, der gerade dabei ist, als High-Tech-Material eine eher ungewöhnliche Karriere zu machen: Gemeint ist Papier. Das erscheint mal als klimastabiles Verpackungsmaterial, mal als waschmaschinenfestes Papier - oder gar als Nachtleuchtpapier. Es eignet sich als hochfester, natürlicher Baustoff wie als photokatalytisches Instrument zur Luftreinigung. Fast möchte man sich einen Satz der Betonindustrie für diesen nur scheinbar so wohlbekannten Baustoff ausleihen: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Was eben auch für Design-Messen gilt.