Fotoreportage Wer will hier rein?

SZ-Fotoredakteurin Sonja Marzoner hat acht Menschen fotografiert, die im Erfolgsfall erstmals einen Sitz im Bundestag gewinnen. Dafür hat sie die Kandidaten gebeten, etwas mitzubringen, das ihnen besonders wichtig ist.

Im Reichstag wird es eng

(Foto: Sonja Marzoner)

Das Reichstagsgebäude ist seit 1999 Sitz des Bundestags, 18 Jahre ist der Umzug der Abgeordneten von Bonn nach Berlin schon wieder her. Da sollte man meinen, dass die Bundestagsverwaltung Wahlen inzwischen mit großer Gelassenheit verfolgt. Am 24. September wird schließlich bereits der fünfte neue Bundestag seit dem Umzug gewählt. Doch weit gefehlt. Diesmal erwarten die Damen und Herren aus der Verwaltung den Ausgang sogar mit besonderer Spannung. Wenn es für sie schlecht kommt, werden sie künftig Dutzende zusätzliche Abgeordnete unterbringen müssen - von den Mitarbeitern, die jeder Abgeordnete einstellen darf, ganz zu schweigen.

Das Wahlgesetz ist das Betriebssystem der Demokratie, es übersetzt ein Abstimmungsergebnis in Mandate - und entscheidet damit über die Macht im Land. Es sollte deshalb für jedermann einleuchtend sein. In Deutschland ist dem aber nicht so. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat oft beklagt, dass das Wahlgesetz in der Praxis nicht einmal die "Mindestanforderungen an die Transparenz" erfülle. Es sei derart kompliziert, dass bestenfalls eine Handvoll Abgeordneter "unfallfrei" die Mandatsberechnung erklären könne. Lammert bekümmert aber auch, dass deswegen unklar ist, wie groß der nächste Bundestag wird.

Dabei sollte die Größe eigentlich klar sein. Im Bundeswahlgesetz steht gleich im ersten Absatz des ersten Paragrafen, dass der Bundestag aus 598 Abgeordneten besteht. Allerdings - und damit beginnt das Problem - steht dort auch der Einschub: "vorbehaltlich der sich aus diesem Gesetz ergebenden Abweichungen".

In Deutschland gilt weder ein reines Mehrheits- noch ein reines Verhältniswahlrecht. Für beides gibt es gute Gründe. Bei einem Mehrheitswahlrecht wie in Großbritannien kämen im Bundestag fast 80 Prozent der Abgeordneten von der Union, da bei der vorigen Wahl die Direktkandidaten von CDU und CSU in 236 der 299 Wahlkreise vorne lagen. Eine derartige Überrepräsentation der stärksten Kraft wird hierzulande als ungerecht empfunden.

Das deutsche Wahlrecht ist aber auch kein striktes Verhältniswahlrecht. Das beginnt damit, dass mindestens die Hälfte der Abgeordneten direkt in den 299 Wahlkreisen gewählt wird. Wegen dieser und anderer Abweichungen von einer reinen Verhältniswahl können die sogenannten Überhangmandate entstehen, die den Bundestag über die vorgesehene Zahl von 598 Abgeordneten hinaus aufblähen. Bei der Wahl 2009 gab es 24 Überhangmandate, sie gingen alle an die Union. Um derlei Vorteile künftig zu vermeiden, wurde vor der Bundestagswahl 2013 das Wahlrecht geändert. Seitdem gibt es ein kompliziertes Ausgleichssystem, mit dem die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse zwischen den Parteien, aber auch die Kräfteverhältnisse zwischen den Bundesländern wieder hergestellt werden. Bei der Wahl 2013 war dies aber nur mit 33 Extra-Mandaten möglich. Laut einer Prognose des Portals election.de könnten es diesmal sogar 51 werden. Es sind aber auch Wahlergebnisse denkbar, in denen der Bundestag noch größer wird. Und so scheint ein Ergebnis der Wahl bereits festzustehen: Der Plenarsaal wird deutlich enger bestuhlt werden müssen. Robert Roßmann

Radfahren first: Stefan Gelbhaar, Grüne

(Foto: Sonja Marzoner)

Idaho könnte ein Vorbild sein für eine Reform der deutschen Straßenverkehrsordnung. Das meint Stefan Gelbhaar (Grüne). Auch deshalb will der 41 Jahre alte Berliner nun in den Bundestag. Im Bundesstaat Idaho im Nordwesten der USA dürfen Radfahrer nämlich Ampeln auch bei Rot überqueren. Sie müssen dabei nur auf den anderen Verkehr achten und dürfen diesen nicht behindern. Radfahren first, sozusagen. Eine gute Idee, findet Gelbhaar, der verkehrspolitischer Sprecher der Berliner Grünen-Fraktion ist und auch mal drei Jahre Landesvorsitzender war. Vielleicht reicht ja auch schon ein grüner Pfeil für Fahrradfahrer beim Rechtsabbiegen? Wie auch immer, für all diese Ideen wäre eine Änderung der Straßenverkehrsordnung sinnvoll. Und dafür ist nun mal der Bund zuständig. Deshalb will Gelbhaar in den Bundestag. Die "Mobilitätswende in den Großstädten" ist ein Herzensanliegen des Vaters zweier Kinder.

Seit sechs Jahren ist Gelbhaar Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, dort hat Rot-Rot-Grün eben ein ambitioniertes Radgesetz auf den Weg gebracht. "Ein bundesweit beachteter Schritt, dem weitere folgen werden", sagt der Rechtsanwalt, der sich auch in der Medien- und Netzpolitik engagiert. Er tritt im Wahlkreis Pankow als Direktkandidat an (den gewann 2013 der Linke Stefan Liebich), auf der Landesliste belegt er Platz 2. Längere Strecken in der Hauptstadt - die etwa zwei Millionen mehr Einwohner hat als ganz Idaho - legt Gelbhaar übrigens dann doch häufiger mit Bus und Bahn zurück. Sein Fahrrad ist ein Mountainbike, holprige Baumwurzeln auf Radwegen gibt es in Berlin noch öfter, als manches Rennrad es vertragen würde. Robert Probst

Mit Eispickel: Bela Bach, SPD

(Foto: Sonja Marzoner)

Bela Bach steigt in ihrer Freizeit gerne auf hohe Berge, insofern ist der Eispickel in ihren Händen zunächst mal nur ein Eispickel. Aber natürlich weiß die 26-Jährige aus Planegg in der Nähe von München, dass er auch ein passendes Symbol ist für eine Politikerin aus Bayern, die in der SPD ist und trotzdem in den Bundestag möchte. Zum zweiten Mal tritt Bach im Wahlkreis München-Land an, unter anderem gegen den prominenten Grünen Anton Hofreiter und gegen Florian Hahn von der CSU. Der holte vor vier Jahren mehr als die Hälfte der Stimmen. Ein ziemlich hoher Berg ist es, den die Jura-Studentin da erklimmen müsste. Aber Bach hat Hoffnung. Erstens war sie 2013 als "absolute Newcomerin" schon unter den zehn erfolgreichsten SPD-Kandidaten in Bayern. Und zweitens hält das deutsche Wahlrecht eine Passstraße bereit, auf der auch verhinderte Gipfelstürmer ans Ziel gelangen können: die Landesliste. Da ist Bach um zwölf Plätze nach oben gerutscht, auf Rang 20. Der hätte 2013 gereicht. Warum also nicht auch 2017?

Bachs politischer Werdegang liest sich im Moment so: friedensbewegtes Elternhaus, Politik-AG im Gymnasium, Eintritt in die SPD. Sollte sie dieser Liste am 24. September den Einzug in den Bundestag hinzufügen können, würde sie in jedem Fall den Altersschnitt senken und den Frauenanteil erhöhen. Beides täte dem Parlament gut, findet Bach. Sie möchte Zukunftsthemen mitgestalten, Rente, Klimaschutz, die Digitalisierung. Momentan, sagt sie, sei es im Bundestag doch so: Die Entscheidungen treffen Abgeordnete, welche die Folgen dieser Entscheidungen meist gar nicht mehr erleben werden. Paul Munzinger

Bochumer Träume: Christian Haardt, CDU

(Foto: Sonja Marzoner)

Aus der Graf-Engelbert-Schule in Bochum, an der Christian Haardt sein Abitur machte, sind vor ihm schon spätere Minister wie Otto Schily und Wolfgang Clement hervorgegangen. Und auch in seinem Wahlkreis tritt der CDU-Kandidat in die Spur eines Prominenten: In Bochum I hatte der jetzige Bundestagspräsident Norbert Lammert seine politische Heimat, der sich nun aus dem Parlament zurückzieht. "Mir ist klar, dass ich mich nicht an Norbert Lammert messen kann", so zeigt der 52-jährige Haardt Demut, "aber ich werde von den Bochumern auch nicht an ihm gemessen."

37 Jahre hat Lammert die Bochumer CDU in Berlin vertreten, seinen Wahlkreis jedoch nie gewinnen können - die Stadt an der Ruhr, längst zu einem der bundesweit wichtigsten Hochschulstandorte mutiert, gehört immer noch zum Kernland der SPD. Er kämpfe natürlich, um zu gewinnen, sagt Haardt, "aber ich bin kein Traumtänzer." Auf Landesliste steht er auf Platz 38, das sollte klappen, "doch das ist nicht garantiert." Der Fachanwalt für Arbeitsrecht saß in den vergangenen fünf Jahren auf einem Oppositionsstuhl im Düsseldorfer Landtag, kümmerte sich dort vor allem um Hochschulen und Wissenschaft. Das oder Verbraucherschutz oder Kinder und Jugend wären auch die Themen, die er gerne in Berlin bearbeiten würde, doch ihm ist "bewusst, dass dort ein Neuling nicht vorne in der Schlange steht, wenn die Aufgaben verteilt werden". Für das Foto hat er jemanden mitgebracht, die ihm sehr lieb ist: seine Tochter Merle. Jan Bielicki

Vom Bauernhof zum Breitband: Michael Kießling, CSU

(Foto: Sonja Marzoner)

"A gmahde Wiesn" ist Bairisch und bedeutet: Das Feld ist bereits bestellt. Der neue Wahlkreis Landsberg-Starnberg wirkt, als sei er für einen Werbeprospekt der CSU geschaffen worden: Sonne, Seen, schönes Land, Bauernhöfe und Hightech-Labore, die prächtige alte Stadt Landsberg. Diese Wiese ist gemäht für einen CSU-Direktkandidaten. Oder doch nicht?

Michael Kießling lacht; ganz so einfach sei die Sache auch wieder nicht, hier im Umland der Großstadt: "Ich nehme den Wahlkampf bis zum letzten Tag sehr ernst. Jede Stimme zählt." Deshalb steht der 44-Jährige jeden Morgen gegen vier auf, um dann um sechs die City-Pendler auf den Bahnhöfen darüber zu informieren, warum es wirklich eine gute Idee wäre, ihn, den Neuling, in den Bundestag zu wählen. Bitte, man will keine Klischees verbreiten, aber Kießling erscheint in manchem wie ein CSU-Kandidat aus dem Bilderbogen des Bayernlandes: Bürgermeister in Denklingen, Fußballer, Mitglied der Bergwacht. Als Kind half er fast täglich mit auf einem Bauernhof in Marnbach bei Weilheim; er war mit 19 schon Zugführer bei der Bundeswehr, wo er ein breites Kreuz brauchte und schon viel Verantwortung trug, für mehr als 80 Untergebene.

Um sein Studium zu finanzieren, jobbte er als Gerüstbauer. Eine Karriere als Unternehmensentwickler im Bauwesen folgte. Kießling ist Vater zweier Töchter, eine von ihnen, Nicola, kam mit zum Fototermin.

Er trägt den Kurs seiner Partei in vielen Fragen mit, auch bei den Flüchtlingen. Was ihm dennoch nicht gefallen hat, war die demütigende Behandlung der Kanzlerin auf dem Münchner CSU-Parteitag 2015: "Da war ich etwas irritiert. Man sollte bei allen Meinungsunterschieden doch die Umgangsformen wahren." Und er hofft, dass ihm, würde er gewählt, ein derart bitterer Streit zwischen CSU und CDU "erspart bleibt". Seine Interesse gilt außer der Umwelt dem Digitalen; Internet und Breitbandausbau würde er auch im Bundestag gerne beackern. Aber die Anwärter haben aus der Landesgruppe schon gehört: Wünsche dürfen gern geäußert werden - schaun mer mal, wie's nachher hinkommt. Joachim Käppner

Metamorphosen: Helin Evrim Sommer, Linke

(Foto: Sonja Marzoner)

An Metamorphosen hat es nicht gefehlt im Leben der Helin Evrim Sommer. Allein ihren Namen hat sie schon dreimal verändert. Sie hat es vom Flüchtlingskind zur Abgeordneten und Fast-Bezirksbürgermeisterin gebracht, jetzt will sie für die Linkspartei in den Bundestag. Fragt man die 46-Jährige, was sie dort vorhat, sagt sie: "Wir brauchen ein Gesetz gegen strukturellen und institutionellen Rassismus."

Helin Evrim Sommer, die 1997 unter ihrem Mädchennamen Evrim Baba in die Berliner PDS eintrat, ist derzeit Referentin der links geführten Thüringer Landesregierung unter Bodo Ramelow. Sommer kämpft dort gegen Fremdenfeindlichkeit, es ist zu einer Art Lebensthema geworden.

Die Tochter eines verfolgten sozialistischen Gewerkschafters aus der Türkei war acht, als sie nach Westberlin kam. Sie studierte Geschichte und Genderstudien, rückte politisch nach ganz links und meldete unter dem Eindruck rassistischer Pogrome nach der Wende mehrfach Antifa-Demos in Berlin an. Flogen dort Steine, hagelte es schon mal Kritik. Die frauenpolitische Sprecherin der PDS, Vorläuferpartei der Linken, aber wirkte eher wenig erschüttert. 2006 holte sie ihr erstes Direktmandat im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. In dem von ehemaligen SED-Wählern und einer starken rechten Szene geprägten Bezirk aber wirkte die streitbare Westberliner Kurdin oft wie ein Fremdkörper. 2005 landete ihr Name auf einer rechtsradikalen Feindesliste. Man zündete ihr das Cabrio an, sie zog um.

2016 hieß es, Sommer habe in einem Parlamentshandbuch falsche Angaben zu ihrem Studienabschluss gemacht. Parteifreunde ließen sie bei der Wahl zur Lichtenberger Bezirksbürgermeisterin durchfallen. "Fake News", sagt sie dazu heute. Teile der Linken hätten sie damals im Verein mit der AfD demontiert. Sommers Angaben zu ihrem Studium wurden später für formal korrekt erklärt, politisch aber musste sie eine Pause einlegen, ging nach Thüringen. Wer sich auf ihrer Website umschaut, findet dort Beiträge wie "Der erste Mann Athens. Das Bild des Perikles bei Thukydides". Geschichte fasziniert sie, und in dem Aufsatz beschreibt sie mit Blick auf die Gegenwart, wie eine Politik der Kriege ein blühendes demokratisches Gemeinwesen ruiniert. Jetzt will Helin Evrim Sommer heim nach Berlin. Constanze von Bullion

Holz und Rock: Bernd Schreiner, Piraten

(Foto: Sonja Marzoner)

Bernd Schreiner ist die Kiefer unter den Kandidaten. Der Baum wächst in unwirtlichem Gebiet, übersteht auch Trockenzeiten. Schreiner, 49, lebt in Westhausen, im fränkischen Süden Thüringens. Der Forst dort ist dicht, Schreiner hat ein Nutzungskonzept erstellt, mit weniger Fichten und mehr Kiefern, wegen des Klimawandels. Ein Grüner ist er trotzdem nicht: "Zu ideologiebehaftet." Schreiner ist Pirat. Auf Twitter nennt er sich "Der Architekt". Das klingt nach Marvel-Superheld, hat aber mit seinem Job zu tun und damit, dass er schon an Computern schraubte, als die noch Rechner hießen. Schreiner wohnt mit Frau und Kindern auf einem fünffach denkmalgeschützten Dreiseithof. Dort gibt es Solaranlagen, Stückholzkessel und Komposttoiletten. Geld verdient er mit denen, die es mondäner mögen: Er plant Luxusapartments in Berlin, 400 Quadratmeter, Glasfahrstühle. Seit 2009 ist Schreiner Pirat, Mitbegründer des Landesverbandes, im Bundesvorstand aktiv. Sein Thema: digitale Privatsphäre. "In Bücherregale und Notizen konnte früher niemand schauen", sagt er. Heute ist das Bücherregal eine Dropbox. Die Frontalopposition früherer Parteimitglieder teilt Schreiner nicht. Er will Ideen einbringen. Wenn er nicht Politik macht, macht er den Ton für Thüringens Gitarrenbands, Rock Tigers und Insane Ly Smart. Ulrike Nimz

Im Arbeiterviertel: Nicole Jordan, AfD

(Foto: Sonja Marzoner)

Gleich nach dem Gespräch will Nicole Jordan, 43, wieder los, sie muss Plakate kleben. Jordan ist Direktkandidatin der AfD in Hamburg-Mitte. Sie weiß, dass sie recht sicher nicht in den Bundestag kommen wird, das sagt sie auch so. Sie hofft aber auf möglichst viele Prozente für die Partei, für die sie ihr Leben umgekrempelt hat: Sie hat ihren Job gekündigt und ist jetzt in der Hamburger AfD-Fraktion beschäftigt.

Jordan arbeitete seit elf Jahren für eine Unternehmensholding der Stadt Hamburg, "eine Lebensstellung", wie sie sagt. Sie war Betriebsratsvorsitzende, Mitglied bei Verdi, auch in der SPD. Im Arbeiterviertel Wilhelmsburg, wo sie heute nahe am Elbdeich wohnt, trainierte sie 22 Jahre lang Jugendliche im Judo, als junge Frau war sie Hamburger Meisterin. Im November 2014 trat Jordan voller Euphorie in die AfD ein. Es hatte sich Ärger aufgestaut. Sie zählt Gründe auf: die Schulpolitik der Stadt, die kleinen Renten. "Mit fast 70 Jahren musste meine Mutter noch mal überlegen, ob sie einen Putzjob annimmt. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet in der Altenpflege." Sie spricht von fehlenden Unterkünften für Obdachlose. Als so viele Flüchtlinge kamen, "da fand ich es falsch, dass wir da so viel Geld ausgeben, und für alles andere ist kein Geld mehr da."

Sie hat drei Kinder, ist im fünften Monat schwanger. Wilhelmsburg ist bunt, international. Jordan sagt: "Hier findet ein Multikulti-Zusammenleben statt. Mit Italienern, Griechen, Türken. Das ist richtig schön." Sie habe eine Zeit lang befürchtet, "dass der Stadtteil kippt". Es dürften auf keinen Fall Ghettos entstehen: "Der Staat hat die Pflicht, das zu verhindern."

Im Wahlkampf begleiten sie Rufe: "Verpisst euch, Nazis." Das passiere jeden Tag. Im Stadtteil tauchten Steckbriefe mit ihrem Konterfei auf. Ihr Privathaus wurde beschmiert. "Ich gebe nicht auf", sagt sie. Dass Leute wie der Rechtsaußen Björn Höcke in der AfD sind, findet sie richtig: "Er gehört dazu. Er ist ein Baustein der Partei." Dass es Streit gebe, sei normal für eine junge Partei - "aber ich finde es schlimm, wenn die Leute sich öffentlich die Augen auskratzen". Jens Schneider

Dritter Anlauf: Bettina Stark-Watzinger, FDP

(Foto: Sonja Marzoner)

Bettina Stark-Watzinger hat schon zwei Mal versucht, für die FDP in den Bundestag zu kommen. Den ersten Anlauf machte sie 2009, damals reichte es nicht. Vier Jahre später flog bekanntlich die gesamte FDP aus dem Parlament. Nun ist die 49-Jährige zuversichtlich: "Diesmal müsste es klappen", sagt sie. Wenn die Liberalen die Fünf-Prozent-Hürde einigermaßen ordentlich überspringen, wird Stark-Watzinger, die auf dem vierten Platz der hessischen Landesliste kandidiert, künftig in Berlin arbeiten. Für sie wäre es ein Traum. Die studierte Volkswirtin, die auch Generalsekretärin der Hessen-FDP ist und sich seit Jahren in der Landes- und Kommunalpolitik engagiert, bewirbt sich im Wahlkreis 181 im Taunus. Der gilt als reichster Wahlkreis Deutschlands, bürgerlich bis ins Mark ist er auf jeden Fall: Hier holte der frühere Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber von der CDU seit 1984 jedes Mal das Direktmandat. Stark-Watzinger macht sich da keine Illusionen - auch nach Riesenhubers Pensionierung dürfte der Kreis in CDU-Hand bleiben. Die studierte Volkswirtin stammt aus dem Taunus und lebt nach einem längeren Aufenthalt in Großbritannien wieder in Bad Soden; sie verdient ihr Geld als Geschäftsführerin einer Forschungseinrichtung.

Hätte sie die Wahl, um was genau sie sich im Bundestag kümmern dürfte, würde sie gern in den Finanz- oder Wirtschaftsausschuss gehen. Wünscht sie sich eine Regierungsbeteiligung der FDP? Stark-Watzinger antwortet diplomatisch: Für ihre Partei sei der Wiedereinzug in den Bundestag bedeutsamer, als Teil der Regierung zu werden. Für Politik hat sie sich seit jungen Jahren interessiert, daheim wurde viel diskutiert. Überhaupt habe sie den Eltern viel zu verdanken, sagt Stark-Watzinger. Deshalb hat sie ihren jetzt 89 Jahre alten Vater Alfred Stark mit zum Fototermin genommen. Mutter, Ehemann und die beiden Töchter hätte sie auch gern präsentiert. "Aber dann wäre es sehr eng geworden", sagt sie. Susanne Höll