Foodwatch-Studie Fast jede zweite Lebensmittelwarnung auf staatlichem Portal erfolgt verzögert

Auf lebensmittelwarnung.de wird vor mit Fipronil belasteten Eiern gewarnt.

(Foto: dpa)
  • Der Verbraucherverein Foodwatch hat untersucht, wie lange die staatliche Plattform lebensmittelwarnung.de braucht, um Informationen an die Bürger weiterzugeben.
  • Ergebnis: Fast jeder zweite Rückruf erfolgt verzögert.
  • Als Ursache nennt Foodwatch unter anderem das "Freitagsproblem".
Von Katrin Langhans

Gert Kretschmann, blau-weiß kariertes Hemd, Pensionär, sitzt in seinem Kellerbüro im Schummerlicht. Vor ihm flackert der Bildschirm. Er öffnet die Seite produktrueckrufe.de, ein Warnportal, das er selbst vor zehn Jahren gegründet hat, um Verbraucher über Rückrufe zu informieren. Er warnt vor Glasscherben im Gurkenglas, Kunststoffteilchen im Nasi Goreng oder Salmonellen im Käse - ähnlich wie die staatliche Seite lebensmittelwarnung.de, die von den 16 Bundesländern bespielt wird. Aber die Beamten arbeiten, salopp gesagt, recht schlampig.

Kretschmann, der täglich alleine in seinem Kellerbüro im nordrheinwestfälischen Greven das Internet durchsucht, war in diesem Jahr schon neun Mal schneller darin, einen Warnhinweis zu posten, als die Behörden. Auch beim Fipronil-Skandal. Da verlinkte er bereits am 31. Juli, mittags, einen Warnhinweis. Auf dem Portal des Verbraucherschutzministeriums stand erst tags drauf um 20.26 Uhr ein Eintrag.

Das eigentliche Problem aber ist viel größer, wie der Report "Um Rückruf wird gebeten" vom Verbraucherverein Foodwatch zeigt, der dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung vorliegt: Fast jeder zweite Rückruf auf der staatlichen Plattform lebensmittelwarnung.de erfolgt verzögert. Hersteller warnen oft früher als die Behörden. Die Verbraucherschutzorganisation hat in zwei Durchgängen 92 Meldungen auf lebensmittelwarnung.de analysiert. So erfuhr man im Frühjahr drei Tage verspätet von einem möglicherweise gesundheitsschädlichen Stoff im Bio-Säuglingstee und von Metallsplittern in Netto-Würstchen. Bei einem Fall vor vier Jahren dauerte es zwanzig Tage, bis der Hinweis auf der Seite stand, dass ein Potenzmittel eine nicht zugelassene Substanz enthielt und möglicherweise einen Herzinfarkt auslösen könne. Man habe den Hersteller nicht früher erreicht, da dieser seinen Sitz in den Niederlanden habe - so die Begründung der federführenden Behörde in Hamburg.

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Meldungen kommen oft, wenn die Beamten schon im Feierabend sind

"Es kann nicht sein, dass Verbraucher bei lebensgefährlichen Produkten wochenlang warten müssen, bis sie bundesweit informiert werden", sagt Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland. "Der Bund müsste für die Stellungnahme der Hersteller Fristen definieren", sagt er. "Die Seite ist eine gute Idee, funktioniert aber in der jetzigen Form nicht."

Einen der Gründe für das verspätete Einstellen nennt Kretschmann das "Freitagsproblem". Viele Lebensmittelwarnungen kämen am Freitagnachmittag oder am Abend, sagt er. "Da sind die Beamten oft schon im Feierabend." Das heißt, der Verbraucher muss oft bis Montag warten. So erfuhr man im Januar 2017 auf dem Portal erst drei Tage später, dass beim Kirschenessen einer Charge schwere Verletzungen im Rachen drohen. Genauso war es im März bei einem Käse, in dem E.-coli-Bakterien vermutet wurden, die zu blutigem Durchfall und schlimmstenfalls zum Tod führen können.

Das Verbraucherschutzministerium in Baden-Württemberg begründet die Verzögerung in einem Schreiben an Foodwatch lapidar: "Zwischen der Unternehmenswarnung und dem behördlichen Hinweis hierauf lag das Wochenende." Andere Verzögerungen erklärt man im Fall von möglicherweise mit Listerien verseuchten Pilzen mit dem "Jahreswechsel", bei verholzten Pflanzenteilen im Ajvar waren es die "Weihnachtsfeiertage". Und beim Käse: ein Wochenende.

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