Flüchtlingsunterkünfte Wenn Security-Leute Angst verbreiten

Alltag in deutschen Flüchtlingsunterkünften: Der Sicherheitsdienst schaut, ob alles in Ordnung ist. Das Problem ist nur: Es gibt viel zu wenig gutes Personal.

(Foto: Marijan Murat/dpa; Bearbeitung: Dimitrov)

Flüchtlingsheime brauchen Sicherheit. Aber die Sicherheitsleute sind schlecht ausgebildet, unterbezahlt, nicht selten gewalttätig oder rechtsradikal. Zwei Wachleute erzählen, wie es in der Szene zugeht.

Von Jonathan Fischer

Mohammed Sillas Deutsch ist noch ziemlich gebrochen. Erst vor fünf Monaten ist der 26-Jährige aus Sierra Leone in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck angekommen. Aber einen ersten, schmerzhaften Eindruck von Deutschland hat er schon. "Diejenigen, die mich beschützen sollen, können mich zusammenschlagen - einfach so."

Die Menschen, die Flüchtlinge wie Silla beschützen sollen: Das sind die Mitarbeiter des örtlichen Sicherheitsdienstes. Uniformierte Wachmänner, die für die Ordnung in den Asylunterkünften zuständig sind, bei Konflikten deeskalieren und vermitteln sollen. Glaubt man Mohammed Silla, haben ihn die Wachmänner seiner Unterkunft wie "einen Verbrecher" behandelt. Es passierte bei der Taschenkontrolle am Eingang. Die Wachmänner hätten seine am Boden geöffnete Tasche mit den Füßen weggekickt. Als Silla sich darüber beschwerte, sei es zu dem Prügel-Exzess gekommen - elf Security-Mitarbeiter hätten sich daran beteiligt oder zugesehen. Silla wurde anschließend ins Krankenhaus eingeliefert.

"Ich war schon tot und bin zurückgekommen"

Flüchtlinge aus Syrien sagen beim Bundeskriminalamt gegen Generäle von Machthaber Assad aus. Sie sehen es als ihre Pflicht an, von der Folter in ihrer Heimat zu berichten. Von Lena Kampf mehr ...

Die Polizei wollte Silla aber trotz Augenzeugen, die seine Version bestätigen, nicht glauben. Das Verfahren wurde nach wenigen Wochen von der Staatsanwaltschaft München II eingestellt: "Wir hatten sehr widersprüchliche Aussagen der von uns vernommenen Zeugen", sagt Andrea Grape, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft. So stehe letztlich eine Geschichte gegen die andere, ein Tatnachweis sei nicht zu führen gewesen. Silla blieb nichts anderes übrig, als um eine Verlegung in ein anderes Haus, nach Bad Tölz, zu bitten. "Viele Heimbewohner", sagt der Flüchtling, "haben das Gefühl, dass sie nicht von den Security-Männern beschützt werden. Sondern Schutz vor ihnen brauchen."

Ein Einzelfall? Oder doch Symptom einer Politik, in der die kostengünstige Abwicklung von Flüchtlingen Vorrang hat vor deren Sicherheit? Dass Wachmänner ausrasten oder gewalttätig werden, gehört offenbar zum Alltag in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

Die Liste der dokumentierten Vorfälle jedenfalls ist lang: 2014 ging ein Bild durch die Öffentlichkeit, in dem ein Wachmann im siegerländischen Burbach einem am Boden liegenden Flüchtling mit einem Schuh auf den Kopf tritt. Im März 2016 zettelten Wachmänner in Berlin eine Schlägerei an, bei der auch der Heimleiter verletzt wurde. Zwei Monate zuvor hatten Mitarbeiter einer Security-Firma eine Handgranate auf ein Heim in Villingen-Schwenningen geworfen. Sie hatte zum Glück nicht gezündet. Und das sind nur die aufsehenerregendsten Meldungen.

Viele der täglichen Übergriffe auf Flüchtlinge durch diejenigen, die sie beschützen sollen, tauchen in keiner Statistik auf, weil sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Wer im Flüchtlingsheim als aufmüpfig gelte, sagt ein Sprecher der Selbsthilfeorganisation "Refugee Struggle for Freedom", auf den werde von den Security-Leuten regelrecht Jagd gemacht. Darüber hinaus wüssten viele Flüchtlinge nicht über ihre Rechte Bescheid.

11,07 Euro pro Stunde - gerade genug für zwei Schachteln Zigaretten

Das ist die eine Seite der Geschichte. Auf der anderen stehen schlecht ausgebildete, miserabel entlohnte, überforderte Wachmänner. Wer diesen Job wählt, muss einiges mitbringen: hohe psychische und oft auch psychische Belastbarkeit. Und eine enorme Frustrationstoleranz. Oft dauern die Schichten mehr als zehn Stunden. Die Sicherheitsleute werden von Betrunkenen bedroht oder bekommen bei Streitigkeiten zwischen Ethnien Beschimpfungen oder Schläge ab. Und ja, es gibt Flüchtlinge, die zu Gewalt neigen. Manche haben selbst eine kriminelle Vergangenheit, manche sind durch Erlebnisse auf der Flucht verroht, andere sind es nicht gewohnt, Weisungen von Frauen zu befolgen.

Der Wachmann-Job ist schlecht bezahlt: 9,57 Euro pro Stunde. Für den Einsatz in Flüchtlingsheimen gibt es noch mal 1,50 Euro Zuschlag, das bedeutet 11,07 Euro die Stunde, gerade genug für zwei Schachteln Zigaretten.