Flüchtlinge Nicht erst seit Köln schließen sie die Tür ab

Wie geht es Frauen in deutschen Asylunterkünften?

(Foto: Catherina Hess)

Wie geht es weiblichen Flüchtlingen in Asylheimen in Deutschland? Ein Gespräch mit fünf Frauen aus Syrien, Nigeria und Sierra Leone.

Von Ulrike Heidenreich

Wie geht es den Frauen in Deutschlands Flüchtlingsunterkünften? Wie erleben sie die Diskussion nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln? Welche Gefahren haben sie auf der Flucht bewältigt? Wie empfinden sie die Tage in den Asylheimen? Und was denken sie über die Welt draußen?

Außer der Fluchtgeschichte wenig gemeinsam

Es ist ein vorsichtiges Herantasten, es ist der Versuch einer Annäherung mit sehr unterschiedlichen Frauen, die außer ihrer Fluchtgeschichte wenig gemeinsam haben. Momo Mercy, 36, aus Nigeria, Agness Koroma, 25, aus Sierra Leone sowie die Syrerinnen Khadija, 68, Rascha, 30, und Alen, 16, Agha kommen aus unterschiedlichen Kulturen, haben verschiedene Religionen und wundern sich während der Interviews schon mal über die sehr westliche Frage nach ihren Rollenbildern.

Was sie aber genau verstehen und was ihnen Sorge macht: Die fünf Flüchtlingsfrauen haben die Debatten in Deutschland nach den Attacken auf Frauen in der Silvesternacht aufmerksam verfolgt. Sie sorgen sich nun um ihren Ruf, fürchten, dass die Deutschen verallgemeinern. "Ich bin sehr erschrocken, als ich diese Nachrichten gehört habe. Ich hoffe, die Deutschen denken nun nicht von uns allen Flüchtlingen so. Das Verhalten dieser Männer war falsch", sagt etwa die Syrerin Khadija. Sie war vor sechs Monaten mit ihrem Sohn Mohammad, der Schwiegertochter Rascha und vier Enkeltöchtern im Alter von sechs bis 16 Jahren nach Deutschland geflüchtet. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, hatten sie die Fluchtroute über den Sudan gewagt: 15 Tage durch die Wüste bis Libyen und dann mit einem Boot über das Mittelmeer.

Ein Mann, zwei Frauen, vier Mädchen. Ist für Frauen die Flucht gefährlicher als für Männer? Die 16-jährige Alen, die aus der ersten Ehe ihre Vaters stammt, sagt in gutem Deutsch: "Es ist für alle schrecklich, für Männer und Frauen. Aber für Frauen ganz sicher noch schlimmer, die Männer sind körperlich stärker. Mein Vater hat uns immer sehr nah bei sich gehabt, kaum geschlafen vor Sorge."

Nach den Berichten über Köln schließen sie die Tür ab

Die Frauen der Familie Agha leben mit Familienoberhaupt Mohammed im Ort Schönau im niederbayerischen Rottal. In einem Heim mit 29 Bewohnern, fast alle sind Männer. Obwohl sie noch nie schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht haben, man sich freundlich im Haus grüßt, aber sonst wenig miteinander zu tun hat, schließen sie nach den Berichten über die Übergriffe auf Frauen in Köln immer die Tür ab.

Dass viele deutsche Frauen vorsichtiger geworden sind, wenn sie einer Gruppe männlicher Flüchtlinge begegnen, können sie nachvollziehen: "Da geht es ihnen genauso wie uns. Ich bekam ein bisschen Angst, als wir hörten, dass es in Köln Männer aus Nordafrika waren, die sich so verhalten haben. Hier im Haus leben ja außer uns fast nur Männer aus Afrika. Somalier, Eritreer, Nigerianer", sagt Rascha.

Das Miteinander von Männern und Frauen in der deutschen Gesellschaft verfolgen die Flüchtlingsfrauen mit Neugier und Interesse. Es ist oft eine fremde, verstörende Welt da draußen für sie, aber auch drinnen in den Heimen kommt es immer wieder zu Verständnisschwierigkeiten zwischen den Bewohnern verschiedenster Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten. Sie müssen auf engstem Raum tage-, monate-, jahrelang miteinander auskommen, Reibungen gibt es oft.

Die Nigerianerin Momo Mercy, 36, wohnt mit ihrem Mann und vier Kindern im Asylheim Gartlberg in Pfarrkirchen. Die Christin berichtet, dass es ab und zu Konflikte mit muslimischen Familien gibt, etwa wenn ihr Mann mit nackten Beinen über den Flur läuft. "Einige Araber hier im Haus fordern harte Regeln ein: Tu dies nicht, tu das nicht, trag keine Shorts. Sie beschweren sich über unser Verhalten", sagt Momo Mercy. Doch meist einige man sich und sie kümmere sich nicht darum. Sie schottet sich ab und sagt, sie sei so froh wie nie in ihrem Leben: "Gerade bin ich glücklich: Die Kinder gehen zur Schule, mein Mann arbeitet bei einer Reinigungsfirma. Nur Gott weiß, ob wir hier Asyl bekommen und wie lange wir hier bleiben können." Ihr sieben Monate altes Baby haben sie Godwill genannt, das soll Glück bringen.

Agness Koroma, 25, hat Unvorstellbares in ihrem jungen Leben und auf ihrer Flucht aus Sierra Leone erlebt. Sie spricht nur stockend darüber. Sie versucht alleinstehenden Männern aus dem Weg zu gehen. Die Afrikanerin sagt: "Ich verstehe ihre Sprache nicht, aber ich sehe den Ausdruck in den Gesichtern dieser Männer, wenn sie über mich reden. Sie haben ein Problem mit uns Frauen, sie schauen dich an, als ob du ein Nichts wärst."

Ein Glaubenskrieg verläuft im Sand

Die Gespräche verliefen auf Englisch und teilweise auf Deutsch, schwierige Wörter übersetzte etwa Mohammed Agha seiner Frau und seiner Mutter auf Arabisch. Die Interviews wurden getrennt in zwei Flüchtlingsheimen im niederbayerischen Rottal geführt. Die Flüchtlingsfrauen hatten sich über Vermittlung von Heimleiter Franz Wasmeier dazu bereit erklärt, über ihr Leben und ihre Erfahrungen auf der Flucht und in den Heimen zu sprechen. Wasmeier leitet in Pfarrkirchen und Umgebung drei Heime. Die SZ hat schon öfter über ihn und "seine" Flüchtlinge berichtet und hält Kontakt. Aufmerksam wurde die Redaktion im Oktober 2014 auf die Flüchtlingssituation im Rottal.

Als der Passauer Bischof Stefan Oster ein leer stehendes Schülerwohnheim an der Wallfahrtsstätte Gartlberg für Flüchtlinge öffnete, gab es böses Blut und einen kleinen Glaubenskrieg. Doch er verlief im Sand: CSU-Landrat Michael Fahmüller, der Pfarrer und die Menschen im Ort ließen sich nicht beirren. Die Hilfsbereitschaft in Pfarrkirchen für die Geflüchteten ist weiter groß - auch wenn erst vergangene Woche nachts eine neuer Schriftzug an die Wand der Unterkunft gesprüht wurde: "Asylanten raus!"

Franz Wasmeier tut sein Bestes, damit die Stimmung gut bleibt, er vermittelt mit Herz und Verstand zwischen möglichen Fronten. Die Debatte um die sexuellen Übergriffe auf Frauen habe auch auf die Männer im Heim Eindruck hinterlassen. Wasmeier sagt: " Meine Eritreer im Haus trauen sich nicht mehr, zu viert oder zu fünft in die Stadt zugehen. Sie sagen, die Blicke der Menschen sind anders geworden, wenn sie in großen Gruppen auftreten."

Lesen Sie die Interviews mit SZ-Plus:

"Sie schauen, als ob du ein Nichts wärst"

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