Finanzkrise in Spanien Alleinerziehende Mütter und Autonome teilen sich eine Küche

Flora. Aroa. Viqui. Drei Hausbesetzerinnen. Sie sitzen in Floras Wohnzimmer. Der Linoleumboden ist so blitzblank gewienert, dass sich die Sonne drin spiegelt. Ein Sofa. Ein Tisch. An der Wand lehnt ein großes Bleistiftporträt von Lionel Messi. Warum sie das nicht aufhängt? "Keine Nägel in die Wand!", sagt Flora apodiktisch. Die Heizung ist noch eingeschweißt in der Original-Plastikfolie: "Das Haus gehört ja der Bank. Ich will ihnen nicht schaden. Ich kann nur nicht mit zwei Kindern draußen schlafen."

So stellt man sich keine Hausbesetzer vor. Die drei Frauen sind alle um die 40. Sie sind alleinerziehend. Und sie leben seit April in der Corrala La Charca, einem fünfstöckigen Wohnhaus in Carabanchel, einem Wohnviertel im Südwesten von Madrid. Das Haus stand zuvor mehrere Jahre leer, es gehört der Banco Popular. Flora, die aus Äquatorial-Guinea stammt und bei Lidl an der Kasse arbeitet, sagt, sie wolle die Aktion sicher nicht verklären, das sei alles aus schierer Not geboren, aber es sei schon ein sehr interessantes Experiment für sie: "Hätt' ich nicht gedacht, dass ich mir mal mit Autonomen eine Küche teile." Und Aroa, eine eigentlich sehr bodenständige Frau, die ihr Geld als Aushilfskraft in einer Kantine verdient, sagt: "Wenn man nichts mehr hat, ist man plötzlich frei."

Das Gute an Krisen: Es bewegt sich was. Es ist in den vergangenen zwei Jahren ziemlich viel bürgerschaftliches Engagement in Spanien entstanden. Die Bewegung M15 ist zu einem beeindruckend großen Netzwerk verschiedener Polit-, Solidaritäts- und Aktionsgruppen gewachsen.

Richter wollen nicht mehr richten, Schlosser verweigern Aufträge

Im Herbst vergangenen Jahres schlossen sich 47 Richter zusammen, weil sie sagten, dass sie die Unterzeichnung der Zwangsräumungen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Sie erklärten öffentlich, keine Räumungsordnungen mehr zu unterzeichnen, und forderten die Politik auf, endlich das harte Hypothekenrecht abzumildern. Kurz danach setzten mehrere Schlosserei-Innungen Listen auf, in die sich jeder Schlosser eintragen lassen konnte, der sich weigerte, weiterhin bei den Räumungen die Schlösser auszutauschen. Als dann auch noch die Selbstmorde zum Thema wurden, änderte die Regierung tatsächlich das Hypothekengesetz. Mittlerweile werden besonders bedürftige Familien zwei Jahre lang vor einer Räumung geschützt.

Und dann gibt es die Corralas. Hausbesetzungen haben in Spanien eine lange Tradition. Seit Ausbruch der Krise aber ist ihre Zahl stark gestiegen: 2012 waren circa 10.000 Häuser besetzt, nun sind es angeblich 12.000, fast alle klammheimlich, es war tabu, darüber zu reden. Bis am 15. Mai 2012 in Sevilla 36 Familien, die alle von Zwangsräumung bedroht waren, ein Haus besetzten und sofort an die Presse gingen. Sie erklärten das Haus, das zuvor fünf Jahre leer gestanden hatte, für rechtmäßig besetzt, tauften es "Corrala Utopia" und beriefen sich auf den Artikel 47 der spanischen Verfassung, den sie auch gleich groß auf die Fassade sprühten: "Jeder Spanier hat das Recht auf eine würdige Wohnung."

"Wir wollen keine Schmarotzer sein"

Im Grunde haben sie in La Charca dasselbe gemacht: Einige Familien leben hier, alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, und eine Handvoll Punks und Autonome, die unterm Dach wohnen. 90 Leute. Sie haben im Erdgeschoss eine Gemeinschaftsküche, und dann hat jeder noch einen Campingkocher in der eigenen Wohnung. Und sie haben draußen einen Gemeinschaftsgarten angelegt. "Wir wollen keine Schmarotzer sein", sagt Aroa. "Wir wollen Miete zahlen. Aber zu Krisenkonditionen."

Anfangs wurden sie angefeindet. "Aber seit immer mehr Familien hier leben, werden wir akzeptiert", sagt Flora. "Die Leute wissen alle selber, wie schwer es ist." Sie sieht bei Lidl an der Kasse, wie eisern mittlerweile auch Lehrer oder Ärzte sparen müssen. Gleichzeitig ist da diese alte Frau. "Ich glaube nicht, dass die reich ist, aber jede Woche kauft sie drei Einkaufswagen voll und verteilt das dann an die Armen."