Von Marc Hoch

Die Deutschen jagen an Silvester immer raffiniertere Raketen in den Himmel und geben dafür mehr als hundert Millionen Euro aus. Ja, muss das denn sein?

Nie waren Raketen und Böller sicherer als dieses Jahr - vorausgesetzt, vor allem Männer und ihre Söhne lassen von törichten Experimenten ab und versuchen nicht, mit Paketband oder Wachs die Sprengwirkung zu vergrößern. Auch sollte - was im Rausch leider oft vergessen wird - das Feuerwerk nie in der Hand angezündet werden. Doch lässt man einmal den menschlichen Faktor beiseite, gilt, technisch gesprochen, dass vom 29.Dezember an wieder ein rundum getestetes Feuerwerk in den Handel kommt.

Silvester-Feuerwerk; dpa

Feuerwerkszubehör: Zu den Neuheiten zählen Mehrschussbatterien mit knallbunten Effekten und fantasievollen Namen wie "Dark Star", "Mystic Fire", "Orient Express" und "Calimbo". (© Foto: dpa)

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Dafür sorgt die Bundesanstalt für Materialforschung, eine Art TÜV der Pyrotechnik. Dieses Jahr wurden von den 113 neuen Produkten 76 aus dem Verkehr gezogen, Ablehnungsquote 67 Prozent. 2010 tritt auch in Deutschland eine europaweite Pyrotechnik-Richtlinie in Kraft, welche die Maßstäbe weiter verschärft. Einige Hersteller haben sie schon heute umgesetzt, sodass das Silvesterfeuerwerk am Donnerstag zumindest eins sein wird: sicher. Aber ob es auch schön wird?

Die Produzenten des farbenfrohen Nichts am Himmel haben ein wahres Feuerwerk an Neuigkeiten angekündigt, als wollten sie den höfischen Lustfeuerwerkern des Barock Konkurrenz machen. Kanonenschläge und China-Böller beherrschen längst nicht mehr den Trend; nur noch Einfaltspinsel, die Lautstärke mit Männlichkeit verwechseln, lassen es damit in der Silvesternacht krachen.

Uralte Faszination

Gefragt laut Herstellerangaben ist die neue Generation immer raffinierterer Raketenwerfer, die im Branchendeutsch "Systemfeuerwerke" oder "Feuerwerksbatterie" heißen. Grob gesagt sind das zahlreiche Papprohre, die miteinander verbunden und mit diversen Effekten gefüllt sind. Diese Effekte umfassen das ganze Arsenal pyrotechnischer Kunst: Fontänen, Raketen, Luftheuler, Knaller - alles schnell hintereinander abgefeuert und mit manchmal mehr, manchmal weniger Geschick choreografiert.

Bis zu drei Minuten können diese Batterien den trüben Silvesterhimmel - Tief "Angelos" kommt am Donnerstag! - in die sprühendsten Farben tauchen. Bei vielen Menschen löst dieser Anblick eine uralte Faszination aus, die der eigentliche Grund dafür sein muss, warum das Feuerwerk seit Jahrhunderten und in so vielen Kulturbereichen so beliebt ist.

Kenntnisse der deutschen Seele

Aber es gibt natürlich auch die notorischen Feuerwerkshasser, die in diesem Jahr wieder fragen werden: Ja, muss das denn sein?Trotz Finanzkrise erwartet die pyrotechnische Branche zum Jahreswechsel in Deutschland wieder einen Umsatz von mehr als hundert Millionen Euro.

Die Erfahrung habe gezeigt, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gern ausgiebig gefeiert werde, um die Probleme hinter sich zu lassen, heißt es in der Branche mit durchaus guten Kenntnissen der deutschen Seele. Der ökumenische Aufruf "Brot statt Böller" dürfte also auch in diesem Jahr ebenso zu Schall und Rauch werden wie Knaller und Raketen selber.

Wer sich ernsthaft der Gewissensfrage stellt - Lust contra Verantwortung -, dem boten sich bisher die Himmelslaternen als Ausweg. Diese romantischen Symbole kosten viel weniger als Böller und Raketen, wecken aber womöglich sogar noch mehr Sehnsucht als ein bengalisches Feuer. In der Silvesternacht 2009 waren sie oft zu sehen. Doch viele Bundesländer haben die nach dem Prinzip der Heißluftballone funktionierenden Lampions verboten, weil sie gefährlicher sein können als ein Feuerwerk. Es drohen Bußgelder bis zu 5000 Euro. Auch hier gilt also: Gute Absichten bringen nicht immer gute Wirkung.

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(SZ vom 28.12.2009/pfau)