Von Nikolas Westerhoff

Sofort nach einer Katastrophe sind Notfallpsychologen zur Stelle. Doch viele Opfer nehmen erst durch diese Betreuung dauerhaften Schaden.

Spätestens 24 Stunden nach einer Katastrophe ist es so weit. Das Debriefing beginnt: Psychologen rücken an, um Opfer, Hinterbliebene und Augenzeugen seelisch zu verarzten.

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Was sich dann abspielt, ist eine Instant-Gruppentherapie. Je 15 Personen müssen einen Kreis bilden und das erschütternde Ereignis noch einmal gedanklich durchspielen. Unter Anleitung eines Notfallpsychologen sollen sie beschreiben, wie sie auf die Katastrophe reagiert haben.

Das soll dem Erlebten seine negative Einmaligkeit nehmen - nach dem Motto: Anderen geht es wie mir. Der Schrecken ist kaum vorbei, schon wird er im Kreis der Opfer nacherlebt. Das Trauma soll Vergangenheit werden, obwohl es noch Gegenwart ist.

Fast alle Ereignisse, die traumatisierend wirken könnten, werden heutzutage therapeutisch nachbearbeitet. Lange Zeit galt als unstrittig: Von einem solchen Hilfsangebot profitieren alle, sowohl die Leidtragenden einer Katastrophe als auch deren Helfer.

Doch nun ist die psychologische Erste Hilfe, die von dem Psychologen und Feuerwehrmann Jeffrey Mitchell in den siebziger Jahren entwickelt wurde, in die Kritik geraten: Psychische Schäden können durch die Schnell-Intervention offenbar nicht verhindert werden.

Durch das Debriefing steigt sogar das Risiko für dauerhafte Narben auf der Seele (American Journal of Psychiatry, Bd.164, S.1016, 2007; Review of General Psychology, Bd.10, S.318, 2006).

Zwangstherapie nach Tsunami

"Früh einsetzende psychosoziale Interventionen haben sich als unwirksam oder sogar schädlich erwiesen", sagt Christoph Kröger, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut an der Technischen Universität Braunschweig.

In einer Studie des Psychiaters Richard Mayou von der Universität Oxford verschlechterte sich der psychische Zustand von traumatisierten Feuerwehrleuten durch die Sofortbehandlung, während es einer unbehandelten Kontrollgruppe besser ging. In anderen Studien hatte das Debriefing bestenfalls einen Nulleffekt.

Die psychologische Soforthilfe dauert drei bis vier Stunden - ohne Pause. In dieser Zeit wollen Psychologen von jedem Einzelnen wissen, was er gesehen, gehört, gerochen hat. Sie fragen reihum: "Wenn das Ganze ein Film wäre, was würden Sie am liebsten herausschneiden?" Am Ende informieren sie über mögliche Spätfolgen wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Menschen mit PTBS leiden unter Flashbacks, sie werden immer wieder von dem Schreckenserlebnis eingeholt. Sie können sich nur schwer konzentrieren, leiden unter Schlafstörungen und fühlen Scham, Angst oder Wut in sich.

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