Sofort nach einer Katastrophe sind Notfallpsychologen zur Stelle. Doch viele Opfer nehmen erst durch diese Betreuung dauerhaften Schaden.
Spätestens 24 Stunden nach einer Katastrophe ist es so weit. Das Debriefing beginnt: Psychologen rücken an, um Opfer, Hinterbliebene und Augenzeugen seelisch zu verarzten.
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Was sich dann abspielt, ist eine Instant-Gruppentherapie. Je 15 Personen müssen einen Kreis bilden und das erschütternde Ereignis noch einmal gedanklich durchspielen. Unter Anleitung eines Notfallpsychologen sollen sie beschreiben, wie sie auf die Katastrophe reagiert haben.
Das soll dem Erlebten seine negative Einmaligkeit nehmen - nach dem Motto: Anderen geht es wie mir. Der Schrecken ist kaum vorbei, schon wird er im Kreis der Opfer nacherlebt. Das Trauma soll Vergangenheit werden, obwohl es noch Gegenwart ist.
Fast alle Ereignisse, die traumatisierend wirken könnten, werden heutzutage therapeutisch nachbearbeitet. Lange Zeit galt als unstrittig: Von einem solchen Hilfsangebot profitieren alle, sowohl die Leidtragenden einer Katastrophe als auch deren Helfer.
Doch nun ist die psychologische Erste Hilfe, die von dem Psychologen und Feuerwehrmann Jeffrey Mitchell in den siebziger Jahren entwickelt wurde, in die Kritik geraten: Psychische Schäden können durch die Schnell-Intervention offenbar nicht verhindert werden.
Durch das Debriefing steigt sogar das Risiko für dauerhafte Narben auf der Seele (American Journal of Psychiatry, Bd.164, S.1016, 2007; Review of General Psychology, Bd.10, S.318, 2006).
Zwangstherapie nach Tsunami
"Früh einsetzende psychosoziale Interventionen haben sich als unwirksam oder sogar schädlich erwiesen", sagt Christoph Kröger, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut an der Technischen Universität Braunschweig.
In einer Studie des Psychiaters Richard Mayou von der Universität Oxford verschlechterte sich der psychische Zustand von traumatisierten Feuerwehrleuten durch die Sofortbehandlung, während es einer unbehandelten Kontrollgruppe besser ging. In anderen Studien hatte das Debriefing bestenfalls einen Nulleffekt.
Die psychologische Soforthilfe dauert drei bis vier Stunden - ohne Pause. In dieser Zeit wollen Psychologen von jedem Einzelnen wissen, was er gesehen, gehört, gerochen hat. Sie fragen reihum: "Wenn das Ganze ein Film wäre, was würden Sie am liebsten herausschneiden?" Am Ende informieren sie über mögliche Spätfolgen wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
Menschen mit PTBS leiden unter Flashbacks, sie werden immer wieder von dem Schreckenserlebnis eingeholt. Sie können sich nur schwer konzentrieren, leiden unter Schlafstörungen und fühlen Scham, Angst oder Wut in sich.
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Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
Vieles ist bereits gesagt und braucht auch nicht nochmal in einem Leserkommentar wiederholt werden. Was mich an einem Artikel wie diesem so erschreckt, ist der Verdacht das ein Artikel wie dieser eben nicht die Ausnahme bildet. Zumindest ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen. Gerade eben bei Sachlagen die man selbst gut kennt, imdem Profanität nicht den Blick trübt, beschleicht mich diese Angst. Journalismus ist ein verantwortungsvoller Dienst am und für das Gemeinwohl. Um so mehr fallen schlecht bis garnicht recherschierte Artikel sehr deutlich auf. Warum ist dies so? Journalistische Integrität ist ein Wert in unserer Gesellschaft der nicht zur Disposition stehen darf. Auch nicht in Zeiten immer intensiverer Lobbyarbeit.
Keineswegs möchte ich die SZ hier in ihrer Gesamtheit angreifen und sicher gibt es überall eben auch Journalisten, deren Gabe es nicht scheint, die Integrität ihres Berufsstandes mit dem hohen Stellenwert zu sehen und zu leben, wie es ihm zukommt. Trotzdem muß eine Chefredaktion auf derartiges gebührend reagieren und ich bin zuversichtlich, dass dies auch hier der Fall sein wird. Denn einen derart schlecht recherschierten Artikel haben ich seit langem nicht gelesen, zumal dieser sich auf einem Niveau bewegt der an frühere Springer Zeiten erinnert.
Da mir in dem Artikel von Herrn Westerhoff einige sachliche Ungenauigkeiten bezüglich der Verwendung des Begriffs Debriefing aufgefallen sind, möchte ich hierzu Stellung beziehen:
Debriefings finden frühestens nach 24 Stunden statt. Der ideale Zeitpunkt dagegen liegt zeitnah nach dem Ereignis, niemals aber am selben Tag. In der Regel ist das innerhalb einer Woche, kann aber auch später sein. Bei der Durchführung ist auf eine homogene Gruppe zu achten, die Teilnehmer sollten eine vergleichbare Traumatisierung erlitten haben und der Einsatz muss abgeschlossen sein. Bei Opfern, Hinterbliebenen und Augenzeugen wird nie ein Debriefing durchgeführt. Für diese Gruppen von Betroffenen gibt es eigene Angebote zur Psychischen Ersten Hilfe z.B. vom KIT oder der Notfallseelsorge.
Ziel des klassischen Debriefings ist nicht das gedankliche Durchspielen der erschütternden Ereignisse wie Herr Westhoff behauptete, sondern die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts bei den Einsatzkräften. Die Einsatzkräfte können mit Hilfe des Debriefings erkennen, dass ihre Reaktionen auf das Ereignis nicht unnormal sind. Dieses Wissen bewirkt Sicherheit, Solidarität und Wertschätzung. Die Erlebnisse und die Reaktionen darauf erfahren durch das Debriefing eine Deutung, die es den Einsatzkräften ermöglichen soll, weiter ihrer harten und fordernden Tätigkeit nachzugehen. Darüber hinaus ist zu beachten, dass das Debriefing eine eher selten angewandte Methode der Psychoedukation bei Einsatzkräften ist. Bereits in der Ausbildung sind die Psychische Erste Hilfe und die Stressbearbeitung bei belastenden Ereignissen ein fester Bestandteil der psychotraumatischen Schulung. ebenso dann bei den immer wiederkehrenden Fortbildungen. Was die Studien betrifft, die Herr Westerhoff zitiert, ist anzumerken, dass er leider die neue Studie der Ludwig-Maximilian-Universität München nicht berücksichtigt. Mit flankiereden Maßnahmen sind Debriefings doch durchzuführen.
Leider hat der Autor eine Chance vertan, sich mit dem Thema "Krisenintervention" differenziert auseinanderzusetzen. Ein erfahrener Mitarbeiter / eine erfahrene Mitarbeiterin wird weder den Einsatzkräften vor Ort im Weg herumstehen noch psychologisch herumpfuschen. Auch ein "Zwangsdebriefing" kann es niemals verantwortet geben.
Dass nicht immer alles nach dem Lehrbuch läuft, dürfte aber auch jedem klar sein. Es handelt sich ja immer um außergewöhnliche und oft in ihrer Art neue Herausforderungen. Aber man vergleiche nur die Zahl abgebrochener Therapien bei niedergelassenen Psychologen! Und die arbeiten in einem geschützten Umfeld.
Debriefings sind die seltensten Gruppeninterventionen und werden bei Einsatzkräften angewandt. Daneben gibt es ein Bündel weiterer und weniger auwändiger Interventionsmaßnahmen. Und schwer traumatisierte Personen sollten sowieso in länger andauernde Therapien verwiesen werden.
Der Autor macht sich m.E. zum Sprachrohr einer Standesvertretungsmeinung - die aber wiederum nicht unumstritten ist. Kann dies etwa daran liegen, dass derartige Interventionen nicht über die Kasse abrechenbar sind? Man sollte ja eigentlich nichts Böses dabei denken.
Ich hätte mir von einem Artikel in der SZ ein differenzierteres und weniger polemisierendes Bild gewünscht. Meine ganze Erfahrung als jemand, der im Bereich des Krisenintervention tätig ist, spricht eine andere Sprache. Natürlich muss man sein Handwerkszeug ständig überprüfen. Aber deswegen gleich alles pauschal zu verteufeln ist zu unseriös. Wie gesagt: Schade!
Leider ist korrekt, dass ein Debriefing in den ersten 24h nach einem traumatischen Ereignis dem Betroffenen schadet. Debriefing ist aber nur eine von vielen Methoden. Es sollte niemals sofort nach dem belastenden Ereignis, sondern frühestens am 3. Tag angewendet werden, und außerdem gibt es kein Debriefing von Einzelpersonen. Es ist ein Gruppengespräch, niemals eine Therapie, und hat selten seine Berechtigung. Dazu müssen aber die Durchführenden, gut ausgebildete, sensible Notfallbetreuer, nach sorgfältiger Abwägung aller Vor- und Nachteile für spezielle Gruppen von Betroffenen keine andere Möglichkeit mehr sehen, weiterzuhelfen. Immer sollten andere, weniger einschneidende Methoden vorausgehen. Dann muss keiner der Beteiligten darunter leiden, seine Gefühle durch nochmaliges Erleben zu vertiefen und in seiner Seele festzuschreiben.
In der Akut-Krisenintervention, die wir vom Kriseninterventionsteam anwenden, wenn wir denn anrücken, alarmiert von feinfühligen Polizisten oder Rettungsassistenten, sind wir dafür da, eine Hand zu reichen. Wir versuchen, die Bedürfnisse des Einzelnen zu erkennen und zunächst sprachlos machendes Leiden erträglich zu machen, damit ein Weiterleben nach der Krise möglich werden kann. Empathie -Mitfühlen- ist unser Zauberwort. Wir therapieren nicht, und wir debriefen nicht unmittelbar nach einer Katastrophe und diese Katastrophe muss kein Tsunami sein.
Für uns sind das viel häufiger Schicksale wie jenes der älteren Dame, die plötzlich feststellen muss, dass ihr Ehemann nach langen gemeinsamen Jahren auf der Couch liegt, und aufgehört hat zu atmen wen soll sie anrufen? Wer hilft, wenn keine Angehörigen da sind, und sei es nur bei den ersten Aufgaben wie dem Anruf beim Bestatter? Nicht immer hat der Rettungsdienst, der eben noch Hoffnung auf eine Wiederbelebung gemacht hat, die Zeit, den doch unumgänglichen Tod ankommen zu lassen.
Es sind die kleinen Kinder in einer Familie, in der der Papa mit Mobbing und finanziellen Sorgen nicht mehr umgehen konnte, und ein Ende gesetzt hat. Wer spricht mit ihnen, wenn die Mutter sagt: Ich kann das jetzt nicht sie aber ihren Aufschrei schon gehört haben, als die Polizei in der Türe stand?
Diese Aufgabe, die ersten Stunden mit den Betroffenen zu verbringen, bewältigen wir nach strengen Ausbildungsrichtlinien. Und wir hören oft :"Es war g
Schade, dass hier für den normalen Leser, der kaum unterscheiden kann, was ein Notfallpsychologe, ein Notfallseelsorger oder ein Mitarbeiter der Krisenintervention, der Eindruck entsteht, die psychische Erste Hilfe sei nur schädlich.
Eine Intervention in den ersten 24 Stunden ist kein Debriefing zumindest nicht das, was von Mitchell entwickelt und gelehrt wurde.
Es ist gut und wichtig, dass Gruppeninterventionen nach Großschadensereignissen kritisch betrachtet werden. Doch das sind Ausnahmen.
Tagtäglich gibt es bundesweit kleine Katastrophen, die für eine Familie oder einen bestimmten Personenkreis einen dramatischen Einschnitt bedeuten. Das kann der tödliche Herzinfarkt des Ehemannes sein, der Unfalltod eines Kindes oder aber eine erfolglose Wiederbelebung eines Kollegen am Arbeitsplatz. Hier ist die psychische Erste Hilfe in der Akutphase ein entscheidender und wichtiger Faktor: Da zu sein, die Trauer und den Schmerz mit auszuhalten, Informationen geben, erste Schritte aufzeigen und begleiten. Dies machen Notfallseelsorger und Mitarbeiter von Kriseninterventionsteam, ehrenamtlich und in den meisten Fällen sehr menschlich, empathisch und hilfreich. Nur, hierüber wird nicht gesprochen, was für den Nichtfachmann (wie oben erwähnt) zur Vermischung der Aufgaben und möglicherweise dann zur Ablehnung im Bedarfsfall führen kann.
Schlecht reden sollte man die Notfallpsychologie jedoch nicht. Hier wird alles in einen Topf geworfen, einmal umgerührt und fertig ist das ganze. Ungeachtet auch der Forschungsergebnisse, die ganz klar von einer anderen Prozentzahl derer sprechen, die eine PTBS nach einem erlebten Trauma erleiden.
Journalismus sollte kritisch sein, Dinge aufdecken und in Frage stellen. Doch man sollte sich auch bewusst sein, wie leicht man für den Laien ein Bild schaffen kann, das andere Bereiche schädigt. Somit kann der Artikel mit der Unterzeile Fatale Hilfe für Katastrophenopfer durchaus auch schädlich für die sein, die der Ehefrau eines Verstorbenen die Hand halten, während sie fassungslos versucht zu begreifen, was geschehen ist. Schädlich für den Helfer, der einem Kind beisteht, das erlebt hat, wie sein Schulkamerad vor seinen Augen überfahren wurde.
Und, wir sollten eines nicht vergessen: Auch unter den Katastrophenopfern gibt es viele, die dankbar sind, dass jemand da ist, der sie auffängt weil da
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