Familienpolitik Nehmt den Kindergarten endlich ernst

Berliner Eltern und Erzieher demonstrieren am 26. Mai für mehr Kitaplätze und die bessere Bezahlung der Betreuer.

(Foto: picture alliance / Carsten Koall)

Eine Studie zeigt: Wie gut und teuer ein Kita-Platz ist, hängt in Deutschland stark vom Wohnort ab. Diese Ungerechtigkeit ist Folge einer jahrzehntelangen Ignoranz der Politik.

Kommentar von Gunnar Herrmann

Vor deutschen Kindertagesstätten schleichen sie oft herum: junge Mütter und Väter, meist mit Kinderwagen. Den Notizblock in der Hand lassen sie die Blicke schweifen über Spielgeräte, Außenanlagen und - ganz wichtig - das Schild am Eingang, auf dem die Öffnungszeiten stehen. Was in ihren Köpfen vorgeht, weiß jeder, der schon mal mit jungen Eltern gesprochen hat: Ist diese Einrichtung gut genug für mein Kind? Passt das Angebot zu meinen Arbeitszeiten? Was mag ein Platz wohl kosten? Bekomme ich überhaupt einen?

Seit fast fünf Jahren haben Kinder hierzulande einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter. Es hat sich einiges getan seitdem. Neue Tagesstätten wurden gebaut, bestehende verbessert. Doch: Das alles ist noch lange nicht genug.

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Einen Beleg dafür liefert aktuell die Bertelsmann-Stiftung, die untersucht hat, wie sich die Kosten für einen Kita-Platz in den Bundesländern unterscheiden. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Unterschiede sind groß. In manchen Ländern müssen Eltern fast zehn Prozent ihres Einkommens für die Kita ausgeben, andernorts noch nicht mal zwei Prozent. Außerdem werden ärmere Familien durch die Beiträge meist stärker belastet als wohlhabende, trotz gestaffelter Preise.

Die Studie überrascht nicht. In Regionen wie dem Großraum München herrschen selbst zwischen Nachbargemeinden große Unterschiede. Während einige reiche Kommunen gar keine Gebühren erheben, bitten andere die Eltern kräftig zur Kasse. In einigen Gemeinden gibt es lange Wartelisten, in anderen nicht. Und so weiter. Kitaplätze sind längst zum Standortfaktor geworden. Die Frage nach der Kita spielt für viele Familien eine wichtige Rolle bei der Wohnungssuche.

Der Preis ist dabei das eine. Das andere ist die Qualität der Angebote, die sich ebenfalls dramatisch unterscheidet. In Baden-Württemberg zum Beispiel kommen im Schnitt drei Kinder auf einen Erzieher, in Mecklenburg-Vorpommern sind es etwa doppelt so viele.

Bildung darf aber nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen und auch nicht davon, ob ein Kind in Rostock oder in Freiburg aufwächst. Es muss bundesweite vergleichbare Standards geben. Bei den Preisen ebenso wie beim Betreuungsschlüssel und den Inhalten, die in den Kitas vermittelt werden sollen. Die Kommunen haben bislang den Ausbau entscheidend vorangetrieben und dabei zum Teil Großartiges geleistet haben - oft mit Hilfe von freien Trägern wie Kirchen, Verbänden, Elterninitiativen, Privatunternehmen. Aber diese Träger können alleine solche flächendeckenden Mindeststandards nicht entwickeln. Hier sind Bund und Länder in der Pflicht. Fairerweise ist zu erwähnen, dass die Bundesregierung und auch viele Landesregierungen bereits Pläne entwickelt und Geld bereitgestellt haben, um die Standards anzugleichen und zu verbessern.

Die Tatsache, dass sich Familien fünf Jahre nach Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz immer noch nicht darauf verlassen können, dass sie für diesen Rechtsanspruch auch etwas Vernünftiges bekommen, zeigt aber: Die Politik hat diese Frage nicht ernst genug genommen.

Das ist auch eine späte Folge der Ignoranz, mit der das Thema in Deutschland jahrzehntelang diskutiert wurde. Noch immer sprechen Politiker von "Betreuungseinrichtungen". Wobei zum Ausdruck kommt, dass Ziel dieser Einrichtungen ist, Kinder zu betreuen, damit die Eltern arbeiten gehen können. Dabei leisten Kitas längst viel mehr. Viele Kinder kommen dort erstmals in Kontakt mit der Welt außerhalb der Kleinfamilie, viele Migrantenkinder lernen dort Deutsch.

Es wäre an der Zeit, die Kitas als das zu betrachten, was sie tatsächlich sind: ein wichtiger Teil unseres Bildungssystems.

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