Familienpolitik Vom hässlichen Streit zwischen Eltern und Kinderlosen

Sehr viel Unausgesprochenes steht zwischen Menschen mit und ohne Kindern.

(Foto: imago/Olaf Selchow)
  • Ein Buch der Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach beschreibt den wachsenden "tiefen Riss" in der deutschen Gesellschaft zwischen Eltern und Kinderlosen.
  • Das wechselseitige Verständnis ist gering, Verteilungskämpfe sind programmiert.
  • Der Konflikt ist auch in diesem Bundestagswahlkampf für viele Themen sehr relevant, dennoch ignorieren ihn die Parteien.
Von Johan Schloemann

Eltern sein, das heißt zum Beispiel: seit der Einschulung des ersten Kindes neulich zu wissen, dass der Wecker in den nächsten fünfzehn Jahren jeden Morgen um sechs Uhr klingeln wird. Und trotzdem natürlich immer möglichst fröhlich und gelassen zu sein, unterstützend und zugewandt, keinen Helikopter kreisen zu lassen, aber auch keine Vernachlässigung zu riskieren, niemanden anzuschreien: "Los jetzt! Wir kommen sonst zu spät!", stets liebevoll zu sein, entspannt und zugleich auch ungeheuer konsequent. Und im Beruf bitte keinen Ärger zu machen mit dem Elternsein.

Keine Kinder zu haben, das heißt: gefragt zu werden, ob man welche hat. Ob man welche will oder mal wollte. Im Verdacht zu stehen, zu eigensinnig zu sein und seine Firma mit einer Familie zu verwechseln. Verantwortlich gemacht zu werden für die Krise der Rentenversicherung. Hinzunehmen, dass Freunde, die Kinder kriegen, erst mal vom Erdboden verschluckt werden. Auszubaden, dass sich der Arbeitgeber neuerdings familienfreundlich gibt, aber Arbeit und Personal nicht so verteilt, dass Eltern- und Teilzeiten vertreten und kompensiert werden. Von einer Kinderlosen wird berichtet, die in einer Diskussion über Beruf und Familie allen Mut zusammennimmt, aufsteht und sagt: "Wissen Sie, ich habe oft den Eindruck, ich bin die Einzige in meiner Abteilung, die wirklich noch arbeitet. Und zwar jeden Tag der Woche bis zum Feierabend. Ich bin diejenige, die immer alles wegschafft."

Die Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben gerade ein Debattenbuch mit dem Titel "Der tiefe Riss" über den Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen veröffentlicht (Pantheon-Verlag, 256 Seiten, 15 Euro). Wenn man es liest, gewinnt man den Eindruck, dass dieser Konflikt in vielen Themen des gegenwärtigen Bundestagswahlkampfs spukt und schwelt, dass aber alle Parteien sich tunlichst hüten, ihn zur Sprache zu bringen.

Garsoffky und Sembach beobachten, dass jener "tiefe Riss" mit der zunehmenden Vergreisung der deutschen Gesellschaft größer wird. Weil aber die sozialen Umbrüche abstrakt und schleichend sind, weil sie jeder an seinem Ort dadurch verdrängen kann, dass man - mit Recht - auf individuelle Schicksale und lokale Unterschiede schaut, wird der Konflikt zunächst moralisch-persönlich ausgetragen. Das macht ihn nicht schöner.

Die Dimensionen des Renten- und Pflegeproblems will im Wahlkampf keiner benennen

Jeder und jede verteidigt nämlich sehr emotional den eigenen Lebensentwurf, ob laut oder im Stillen. Und weil jede Lebensentscheidung immer mehr aufs Individuum abgeschoben wird, erscheint sie auch als eine ganz private, bewusste Wahl aus diversen Möglichkeiten - wie wenn man sich nach Abwägung aller Tripadvisor-Empfehlungen endlich für eines von unzähligen Hotels entschieden hat. Als die beiden Autorinnen des Buches selber Kinder kriegten, stellten sie bald fest, "dass wir kaum noch Berührungspunkte mit Kinderlosen haben". Schnell würden sich "unbestätigte Annahmen übereinander" festsetzen: "Wir vermuten, den einen seien nur noch ihre Kinder wichtig, den anderen ausschließlich der Job - und vielleicht ihre Freizeitvergnügungen."

Und so entsteht immer mehr Distanz, Verzerrung, Anfeindung. Eltern sind alle überbehütende, rücksichtslose Kinderwagenbulldozer, die ihre Kleinen zu Narzissten auf Psychopharmaka erziehen. Kinderlose sind ausschließlich hedonistische Egoisten, für die sich andere aufopfern. Das ist alles grob unfair; die einen können sich in den Stress der Familien nicht hineinversetzen, und die anderen vergessen, dass es (wie auch Studien belegen) sehr selten gezielt geplant und gewollt ist, keine Kinder zu haben, es vielmehr meist an verzögerten Entscheidungen und verstrichenen Gelegenheiten liegt, daran, dass es hier und da nicht gepasst hat, sowie an vielen äußeren Hindernissen. Hilfe, aber auch weiteren Druck bringt der Fortschritt der Reproduktionsmedizin, das "Diktat der Fruchtbarkeit", das Andreas Bernard in seinem Buch "Kinder machen" untersucht hat.