Familie und Partnerschaft Mehr als ein Familientreffen

Die Blogfamilia in Berlin ist die größte Elternbloggerkonferenz Deutschlands. Hier kann man erfolgreiches Publizieren im Internet lernen, sich vernetzen und Sponsoren gewinnen.

(Foto: Anne Freitag)

Die größte Elternblogger-Konferenz Deutschlands zeigt: Zwischen Nähanleitungen und Erziehungstipps ist im Netz eine starke politische Lobby entstanden.

Von Barbara Vorsamer

Hier trägt jemand eine Aprikosenbluse. Dort sieht man ein Kleid mit Füchsen. Und wer weder süßes Obst noch putzige Tierchen auf der Kleidung hat, schwelgt mindestens in Blumenmustern. Alles ist so bunt. Und so laut. Zwischen Luftballontrauben und im Weg stehenden Buggys streiten Kinder um Schoko-Cake-Pops, Helferinnen in knalligen T-Shirts wuseln herum, und jeder begrüßt überschwänglich irgendjemanden, den er im echten Leben noch nie gesehen hat. Politische Konferenzen stellt man sich anders vor. Und trotzdem parkt vor dem Tagungshotel eine Limousine der Bundesregierung, aus der soeben Franziska Giffey samt Personenschützer, Büroleiterin und Sohn aussteigt. Zum ersten Mal beehrt eine Familienministerin persönlich die Veranstaltung.

Die Blogfamilia in Berlin ist die größte Elternbloggerkonferenz Deutschlands. 180 Mütter und Väter sind gekommen, um mehr über erfolgreiches Publizieren im Internet zu lernen, sich zu vernetzen und Sponsoren zu gewinnen. Die Familienministerin spricht das Grußwort. Giffey ist 40 Jahre alt und hat ein kleines Kind. Sie befindet sich also in der gleichen Lebensphase wie ihr Publikum. Optisch fällt sie mit ihrem marineblauen Etuikleid, dem weißen Blazer und der altmodischen Hochsteckfrisur allerdings aus dem Rahmen.

"Jetzt wird's formell", sagt sie denn auch, bevor sie eine freundliche Buzzwordsoße über die Bloggerinnen und Blogger kippt. Digitalisierung und mobiles Arbeiten, Shitstorms, Trolle und Jugendschutz im Netz. Eigentlich aber auch egal, was sie genau sagt, ihre Anwesenheit zählt und wird in unzähligen Instagram-Posts festgehalten. Relevant ist man schließlich nur, wenn jemand hinschaut. Hashtag #blogfamilia, durch jedes Bild schweben pastellfarbene Luftballons.

Manchmal wird aus Geposte und Geblogge Politik

Das gibt hübsche Pressefotos, über die sich das Ministerium genauso freuen kann wie die Blogger. Die einen sehen aus, als wären sie nah dran. Die anderen, als wären sie wichtig. Doch dass die Konferenz für die Politik mehr als eine bunte Kulisse ist, zeigt sich daran, dass die Ministerin nach ihrer Begrüßung nicht sofort davonrauscht, sondern weiter zuhört. Blogger sind ja Zielgruppe und Medium gleichzeitig, sie sind Empfänger und Sender und oft auch noch der Inhalt.

Die Ministerin trifft hier also nicht nur 180 Mütter und Väter, sondern über deren Blogs noch Tausende mehr. "Wir werden gelesen und wir werden gehört", sagt Organisatorin Alu Kitzerow, als sie die Konferenz eröffnet, und ein Workshopleiter sagt später selbstbewusst: "Wir erleben gerade das goldene Zeitalter der deutschsprachigen Elternblogs." Etablierte Medien seien schwach bei Familienthemen, weswegen gesellschaftliche Debatten heutzutage eher im Netz angestoßen würden.

Zumindest mit seinem zweiten Satz hat der Mann recht, die Blogs beschränken sich schon lange nicht mehr auf Nähanleitungen, Rezepte und Erziehungstipps. 2015 zum Beispiel, da las Christine Finke alias "Mama arbeitet" einen Artikel über Mütter, die es bereuten, Kinder bekommen zu haben. Inspiriert davon schrieb sie selbst einen Text. Hashtag #regrettingmotherhood - der Rest ist Netzgeschichte. Unzählige Blogtexte, Feuilletonartikel, Vorträge und inzwischen sogar Bücher drehten das Thema weiter. 2016 war Annette Loers alias "Mutterseelesonnig" genervt von all den Muttertags-Werbekampagnen, die ihr Blumen, Pralinen und elektronische Hornhauthobler aufdrängen wollen.

Familienministerin Franziska Giffey bei der Blogfamilia in Berlin.

(Foto: Anne Freitag)

Als eine Bloggerkollegin dann auch noch in die Community fragte, was man sich zum Muttertag wünsche, schrieb Loers ein wütendes Pamphlet: "Ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauche Steuerklasse 3!" Mit dieser Repolitisierung des Muttertags traf sie einen Nerv. Mehr als hundert Beiträge mit politischen Forderungen erschienen unter dem Hashtag #muttertagswunsch, das WDR-Magazin "Frau TV" beteiligte sich an der Aktion, und die beteiligten Bloggerinnen wurden ins Familienministerium zum Brunch eingeladen.

Wie aus Geposte und Geblogge echte Politik entsteht, zeigte sich 2017 beim Unterhaltsvorschussgesetz, einem Gesetz, dessen Inhalt der breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich weder bekannt noch besonders wichtig ist. Anders im Elternnetz. Dort fand man es ungerecht, dass es für alleinerziehende Eltern, deren Partner keinen Unterhalt zahlt, vom Jugendamt zwar einen Vorschuss gab - aber nur für Kinder unter zwölf Jahren und maximal sechs Jahre lang. Betroffene starteten unter dem Hashtag #uvjetzt eine Kampagne, Nichtbetroffene zogen mit. Mittlerweile ist das Gesetz geändert.

"Unterstützt die Kämpfe der anderen", ermahnt denn Hauptrednerin Teresa Bücker, Chefredakteurin des Webmagazins Edition F das Publikum. Aktuell treibt die Szene das Thema Kinderarmut um, für dieses Wochenende haben Bloggerinnen eine Demonstration gegen Kinderarmut organisiert und den Fraktionschef der Linken Dietmar Bartsch und Grünen-Chefin Annalena Baerbock als Redner gewonnen. Hashtag: #gegenkinderarmut. Ob tatsächlich auf die Straße gegangen oder doch mehr getwittert wird, muss sich zeigen.

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Die typische Elternbloggerin kommt aus der oberen Mittelschicht. Sie ist gut ausgebildet, verheiratet, Mutter von mehreren Kindern, und oft hat sie in der Medienbranche gearbeitet. Sie ist mitteilungsfreudig und mit den Kindern allein vielleicht nicht ausgelastet. Das Bloggen bietet dieser Mutter die Chance, von zu Hause aus zu arbeiten und Beruf und Familie zu verbinden. Weil sie gut schreibt, ein Gespür für Themen hat und das Netz versteht, kommen ihre Inhalte an, und es dauert nur wenige Monate, bis die erste Anfrage eines Werbekunden eintrudelt. Tatsächlich können Dutzende vom Bloggen leben.