Beruf Hausfrau Familienkasse

Manche Familien in New York zeigen mit der Anzahl der Kinder vor allem auch, dass sie sich das Personal dazu leisten können.

(Foto: Getty Images)

Die Anthropologin und Autorin Wednesday Martin lebte mit ihrer Familie sechs Jahre auf der Upper East Side in New Yorks Bezirk Manhattan und spricht im Interview über das Phänomen "wife bonus" - Hausfrauen, die von ihren Männern bezahlt werden.

Interview von Susanne Klingner

SZ: Frau Martin, Sie haben sechs Jahre lang mit Ihrer Familie auf der Upper East Side gelebt und ein Buch über den Alltag von Müttern kleiner Kinder in diesem reichsten Fleck New Yorks geschrieben. Nach Erscheinen löste Ihr Buch eine große Debatte über den "wife bonus" aus. Was ist damit gemeint?

Wednesday Martin: Mehrere Frauen erzählten mir, sie bekämen am Ende jedes Jahres eine Art Bonuszahlung von ihren Ehemännern. Diese Zahlung ist entweder im Ehevertrag vereinbart oder wird ohne schriftliche Abmachung geleistet und hat nichts mit den Ausgaben für die Familie zu tun, sondern funktioniert wie eine Art Gehalt für die Frau. Manche Leser waren empört, dass diese Frauen ein teures Leben auf Kosten ihrer Männer führen. Andere wiederum verteidigten den Bonus und forderten ein richtiges Hausfrauengehalt für Vollzeitmütter vom Staat.

Warum diese Aufregung?

Immer wenn man über Mutterschaft und Geld spricht, wird es schnell sehr emotional. Das sind zwei explosive Themen, zu denen jeder eine Meinung hat. Doch bei dieser Diskussion fiel mir auf: Die Menschen sind ungleich wütender auf die Frauen von Hedgefonds-Managern und Bankern als auf die Manager und Banker selbst.

Wieso das denn?

Wenn man in den USA politisch rechts steht, scheint es in Ordnung zu sein, mittellose Frauen zu verachten. Und wenn man politisch links steht, scheint es schick zu sein, reiche Frauen zu hassen, um so seine politische Glaubwürdigkeit zu unterstreichen.

Hat Sie die Heftigkeit der Diskussion überrascht?

Ja, weil mich etwas wie der wife bonus nicht verwundert. Ich habe während meiner Arbeit als Anthropologin gelernt, dass Frauen in allen Kulturen, in denen Männer die Ressourcen und den Zugang zu Ressourcen kontrollieren, Wege finden, für sich und ihre Nachkommen vorzusorgen. Das ist weltweit so, egal ob es um Geld oder Hirse geht. Die Upper East Side ist da keine Ausnahme.

Wie kamen Sie darauf, den Alltag dieser Frauen zu untersuchen?

Nachdem Frauen auf dem Bürgersteig direkt in mich hineinrannten und so taten, als ob sie mich gar nicht sehen. Das war eine so eindeutige Dominanz-Geste, dass es mich auf die Idee brachte, mir diesen Stamm extrem wetteifernder und gleichzeitig ängstlicher Frauen anthropologisch und primatologisch anzuschauen, um ihn verstehen zu können.

Waren Sie unter diesen Frauen die einzige, die einen Beruf ausübte?

Es gibt dort viele Frauen, die berufstätig sind. Aber diejenigen, die ich in den Spielgruppen meiner Kinder oder auf dem Spielplatz traf, hatten keinen Job. Wissen Sie, ich habe gerade erst den neuesten Bericht des Weltwirtschaftsforums gelesen und mich mit den Zahlen zur Mutterschaft beschäftigt. Da steht, dass Deutschland in Europa den niedrigsten Anteil an Eltern hat, die beide Vollzeit berufstätig sind. Das sind gerade mal 15 Prozent. In der Upper East Side dürfte der Prozentsatz ähnlich niedrig sein wie in Deutschland. Mütter hier wie dort haben also ein ähnliches Konzept von Mutterschaft. Sie möchten immer da sein, um das Wohlergehen des Kindes zu überwachen: persönlich, erzieherisch, zwischenmenschlich.

Sehen die Frauen ihre finanzielle Abhängigkeit von ihrem Ehemann?

Die Frauen, die ich untersuchte, hatten alle Kinder im Vorschulalter. Bis die Kinder fünf Jahre alt sind, werden sie nur ein paar wenige Stunden am Tag in einer Einrichtung betreut, da findet man keinen Job im akademischen Bereich. Die Frauen mit älteren Kindern dachten durchaus darüber nach, ob sie wieder berufstätig sein wollten, entschieden sich dann aber häufig dazu, sich stattdessen im Elternbeirat oder in ehrenamtlichen Projekten zu engagieren. Dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen, denn das Engagement der Mütter in Wohltätigkeitsorganisationen öffnet in den USA ihren Kindern die Tür zu den besseren Schulen.

Also Kind vor Karriere?

Ja, aber diese Art von Arbeit ist auch wichtig. Ich nenne diesen Bereich mommynomics, den Wirtschaftskreislauf aus Ehrenamt und Hausarbeit. Allerdings wird die unentgeltliche Tätigkeit und Mutterschaft in unserer Gesellschaft nicht wertgeschätzt. Viele der Ängste, die diese Mütter haben, sind Folge dieser Geringschätzung. Sie hören zwar, dass Mutterschaft so wahnsinnig wichtig sei, aber wirklicher Respekt wird der Familienarbeit und gemeinnützigem Engagement nicht entgegengebracht. Dann greifen sie häufig zu Stimmungsaufhellern oder auch Alkohol.

Ist unter den Frauen Scheidung ein Thema?

Selten. Es gibt reichlich Frauen, die in ihren Ehen bleiben, weil eine Scheidung eine finanzielle Katastrophe wäre. Sie könnten ihr teures Leben so nicht weiterführen, müssten umziehen, die Kinder von der Privatschule nehmen und könnten nicht mehr an Wohltätigkeitsveranstaltungen teilnehmen. Sie würden zu sozialen Außenseitern.

Der Jahresbonus soll also eine Absicherung sein für den Fall der Fälle?

Die Anthropologin Wednesday Martin befasste sich für ihr Buch "Die Primaten von der Park Avenue" mit Müttern auf der Upper East Side und löste damit eine Debatte über den "wife bonus" aus. Das Buch erscheint am 17. März auf Deutsch (Berlin Verlag).

(Foto: AFP)

Genauso sehen es viele der Frauen, die diesen Bonus im Ehevertrag vereinbart haben. Sie finden es klug, abgesichert zu sein, wenn man kein eigenes Einkommen hat. Und verstehen nicht, was daran falsch sein soll, wenn Frauen für ihre Arbeit zu Hause bezahlt werden. Manche erzählten, dass sie sogar die Hälfte des Jahresbonus ihres Mannes bekommen. Damit sichern sie sich ihren Anteil an den Ressourcen der Männer.

Haben Sie darüber nachgedacht, auch eine solche Zahlung mit Ihrem Mann, einem Unternehmer, auszuhandeln?

Nein, aber ich hätte mich auch generell sehr unwohl damit gefühlt, kein eigenes Geld zu verdienen. Dafür habe ich auf der Upper East Side die Tradition des push present kennengelernt.

Eine Art Belohnung für die Geburtsschmerzen?

Genau. Die Leute reden ziemlich offen darüber, und ich erzählte meinem Mann davon. Er fragte daraufhin, ob ich mir etwas wünschen würde, also bat ich ihn um eine Einzahlung auf mein Rentenkonto. Das ist ja wie so ein Bonus: Eine Strategie, um die Ressourcen gerechter zu verteilen.

Gab es noch etwas, das während Ihrer Zeit auf der Upper East Side neu für Sie war?

Es gab viele spannende Merkwürdigkeiten, aber am meisten hat mich die Geschlechtertrennung schockiert, die dort vorherrscht. Mein Mann und ich waren häufig auf Dinnerpartys eingeladen, und die Tische der Frauen standen in einem anderen Raum als die Tische der Männer. Ich wusste, dass es nicht erwünscht gewesen wäre, in den anderen Raum hinüberzugehen und mich mit den Ehemännern der Frauen zu unterhalten. Was mich daran am meisten schockierte, war mein Wissen aus der Anthropologie: Je intensiver die Trennung der Geschlechter in einer Gesellschaft ist - egal, wo auf der Welt, und egal, wie wohlhabend oder gebildet eine Gesellschaft ist -, desto niedriger ist der Status der Frauen.

Eigentlich paradox, denn man würde doch denken, in einer so gebildeten Gruppe Menschen sei auch die Gleichberechtigung ausgeprägter.

Und das ist nicht das einzige Paradox: Normalerweise haben Bildung und Wohlstand auch einen negativen Effekt auf die Fruchtbarkeit einer Gesellschaft. Je höher Bildung und Wohlstand sind, desto niedriger ist auch die Geburtenrate. Das gilt für die allermeisten Gesellschaften auf der ganzen Welt. Hier aber war das Gegenteil der Fall, die Menschen hatten haufenweise Kinder. Sie demonstrieren allerdings damit, dass sie sich das entsprechende Personal leisten können.

Warum sind Sie überhaupt in diese Ecke New Yorks gezogen?

Mein Mann ist dort aufgewachsen. Als unser Sohn zwei Jahre alt war, haben wir entschieden, in die Nähe der Großeltern zu ziehen, die auf der Upper East Side leben.

Leben Sie heute noch dort?

Nein. Wir sind auf die andere Seite des Central Park gezogen, in die Upper West Side. Dort geht es wesentlich entspannter zu.