Familie und Partnerschaft Der letzte Abspann

109 Jahre lang hat eine Familie eines der ältesten Kinos in Deutschland geführt. Damit ist jetzt Schluss. Ein Abschiedsbesuch.

Von David Denk

Neben dem Kassenhäuschen im "Weltspiegel Filmtheater" hängt ein gerahmter Zeitungsausschnitt aus dem Sommer 1992. Damals feierte das Mettmanner Kino Jubiläum, und die Lokalzeitung nahm das zum Anlass, die 85-jährige Geschichte des Hauses zu erzählen, eines der ältesten seiner Art in Deutschland. Während ein Weißhaariger mit Strickjacke die Chefin holen geht, erfährt man beim Lesen, dass die "lebenden Bilder" mit der jährlichen Kirmes nach Mettmann kamen, wegen Dauerregens im Gasthaus Schützenhof untergebracht wurden und blieben, weil der Kinematographen-Operateur mit Schulden, aber ohne seine neuartigen Apparate, aus Mettmann verschwand. Am 2. August 1907 eröffnete der Wirt Josef Rosslenbroich daraufhin selbst in einem Raum ein erstes Kino mit Platz für knapp 80 Zuschauer, die "Weltspiegel Lichtspiele". Gespielt wurde zunächst nur am Wochenende, die Filme dauerten keine Viertelstunde. Drei Jahre später wurde der Saal auf 400 Sitzplätze ausgebaut, so beliebt war das Kino. Bis in Mettmann allerdings der erste Tonfilm lief, sollte es noch 21 Jahre dauern.

Zwei Männer blicken dem Betrachter auf einem Foto im Foyer streng entgegen: Josef Rosslenbroich, der Kinopionier, und Hubert, sein Sohn, der 1941 das Gasthaus samt Tourneetheater und Kinobetrieb übernahm. Später vererbte er seinen beiden ältesten Töchtern das Kino, Gabriele Rosslenbroich und Margarete Papenhoff. Drei Generationen einer Familie, die die Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Wuppertal seit 109 Jahren mit Filmen versorgt und Kultur bietet, wo sonst nicht viel geboten ist. Damit ist nun bald Schluss.

Zum 1. Juli geben die Schwestern ihr Kino mit heute drei Sälen an einen Nachfolger ab, der es von Grund auf sanieren und als "Premium-Kino" weiterführen wird. 109 Jahre! Vom Kaiserreich bis zu Merkel, vom Pferdefuhrwerk bis zum Elektroauto, vom Stummfilm bis zu Netflix - das ist eine so lange Zeit, dass das Gefühl von Wehmut nicht lange auf sich warten lässt. Das Kino mag erhalten bleiben, aber es wird ein anderes sein.

"Jetzt wissen Sie ja schon alles", sagt Margarete Papenhoff und deutet auf den Zeitungsausschnitt. Die eher schroffe Begrüßung sollte man nicht persönlich nehmen, schließlich hält man die 68-Jährige und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Gabriele von der Arbeit ab. Das Haus ist buchstäblich bis unters Dach voll mit Kino- und damit auch Familiengeschichte. "Ich würde gern in jede Kiste gucken, in jeden Ordner", sagt Gabriele Rosslenbroich. Doch das geht nicht, es sind zu viele. "Es ist ja nicht ein Ordner", fügt Papenhoff hinzu, "es sind hundert Ordner." Rechnungen von 1928, Briefe in Süterlin-Schrift, Papier, das zerbröselt, wenn man es berührt. "Nie hat jemand richtig aufgeräumt", konstatiert Rosslenbroich trocken.

Noch eine Woche werden im alten "Weltspiegel Filmtheater" die Projektoren flackern, dann geht das Gebäude an einen Nachfolger.

(Foto: Giorgio Morra)

Viele Möbel der Eltern und Großeltern gehen nun in die litauische Partnerstadt, einige Andenken, etwa das Schild über der Kasse, werden die Schwestern selbst behalten, für andere Relikte interessieren sich das Mettmanner Stadtgeschichtshaus und das Frankfurter Filmmuseum. Mit der eigenen Familiengeschichte kurzen Prozess machen zu müssen, macht dünnhäutig. "Das ist nicht so witzig. Das geht uns allen an die Substanz", sagt Papenhoff.

Während die Mutter an der Kasse saß, haben die Mädchen heimlich "Dracula" geguckt

Das 200 Jahre alte Haus an der Düsseldorfer Straße in der historischen Oberstadt von Mettmann ist für die Schwestern so sehr Zuhause, wie es das heute kaum noch gibt. Zumindest ihr Büro wird im Haus bleiben, und verkauft ist das Kino nicht, nur vermietet. "Wir haben zwischen den Sitzreihen laufen gelernt", erzählt Rosslenbroich, "und rechnen, indem wir Bonbons, Klümpkes, wie man das hier nennt, in Zellophantüten abgefüllt haben." Während die Mutter an der Kasse saß, sind sie im Nachthemd in den Saal geschlichen und haben heimlich Filme geguckt. Besonders Eindruck hinterlassen hat "Dracula" mit Christopher Lee. "Ich konnte nicht hinsehen, und Gabi hat mir erzählt, was auf der Leinwand passiert", erinnert sich Papenhoff. "Musste man ja wissen." Wenn die Mutter um 21 Uhr die Kasse schloss, huschten sie ins Bett.

Ständig war Besuch da. Zarah Leander, Conny Froboess, Götz George, Inge Meysel - den Schauspielern, die im angeschlossenen Tourneetheater gastierten, sahen die Mädchen beim Kulissen-Aufbauen und Proben zu. "Den Geruch von Theaterschminke kann ich heute noch abrufen", sagt Papenhoff, die so ungern nach den Vorstellungen die Blumen überreichte, dass sie immer die kleine Gabi vorschob. Die einzige Pause machte das Kino 1945, und das nur für wenige Wochen.

Margarete Papenhoff

"Besser, wir geben das Kino jetzt freiwillig ab als später gezwungenermaßen. Das Wichtigste ist, dass es in unserem Sinne weiterbetrieben wird."

Fühlen sie sich manchmal, in dunklen Momenten, als Verräterinnen des Familienerbes? Stirnrunzeln."Das Wort gefällt mir gar nicht", antwortet Papenhoff, "das passt auch nicht." Schließlich bleibe das Kino doch erhalten, was ohne eigene Nachkommen sonst nicht möglich wäre. "Man ist sich irgendwann darüber im Klaren, dass man den Job nicht bis 90 machen kann und will", sagt ihre Schwester. "Besser, wir geben das Kino jetzt freiwillig ab als später gezwungenermaßen. Das Wichtigste ist, dass es in unserem Sinne weiterbetrieben wird", erklärt Papenhoff, die für Finanzen, Versicherungen und den Filmeinkauf zuständig ist. Ihre Schwester kümmert sich um die Technik, den Süßwaren- und Getränkeeinkauf und vor allem um das zweite Kino in der Nachbarstadt Ratingen, das vorerst in Familienhand bleibt - für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass ihre einzige Nichte, die noch studiert, doch ins Kinogeschäft einsteigen will. Kalter Entzug droht den beiden also erst einmal nicht: "Wir haben ja noch Ratingen." Es klingt wie eine Beschwichtigungsformel.

Margarete Papenhoff war 24, als ihr Vater im November 1972 mit 65 Jahren überraschend starb. "Ich habe sofort bei der Sparkasse gekündigt und am 1. Januar 1973 hier angefangen", erinnert sie sich. Kein Zögern, keine Diskussionen. "Tradition bedeutet Verpflichtung", sagt ihre Schwester. Sie half von Anfang an am Wochenende mit aus, gab ihren Job aber erst 1976 auf, als die Geschwister auch noch das Kino in Ratingen übernahmen.

Als Kulturvermittlerinnen - besonders in der Provinz sind das ja häufig Frauen - haben sich die Schwestern schnell einen Namen gemacht. Sie sind bestens vernetzt, seit Jahrzehnten in zahlreichen Gremien, Kommissionen und Jurys aktiv. Für ihr Engagement wurden sie 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Hinzu kommen zahlreiche Auszeichnungen fürs Programm.

Arthouse, keine Horrorfilme, wenig Action. Ohne Blockbuster geht es trotzdem nicht

Im Weltspiegel gibt es Kinder-, Frauen- und Seniorenkino, Sonntagsmatineen, Schulvorstellungen, kulinarische Kinoabende, ein kostenloses Open Air im Sommer, sogar Opernübertragungen, aber natürlich auch "Brotfilme", wie den aktuellen James Bond. Die Schwestern haben ihr Kino immer als "Delikatessenladen" verstanden und betrieben. "Wir haben die normalen Nudeln da, die jeder braucht, aber auch besondere Leckerchen", sagt Rosslenbroich. Während es bei Blockbustern wichtig sei, sie gleich zum Bundesstart im Programm zu haben, um gegen die Multiplexkinos in den Großstädten ringsum bestehen zu können, lassen sie sich bei Filmkunst manchmal bewusst ein oder zwei Wochen Zeit. "Manche Filme würden verpuffen, wenn wir sie gleich spielen würden", erklärt Papenhoff. Kritiken und Mundpropaganda müssten erst ihre Wirkung entfalten.

Margarete Papenhoff (links) und Gabriele Rosslenbroich führen den Kinobetrieb in dritter Generation. Nun ist Schluss.

(Foto: Giorgio Morra)

Arthouse, wenig Action- und keine Horrorfilme - was gespielt wird, entscheiden die Schwestern nach Erfahrungswerten und häufig aus dem Bauch heraus. "Auch nach so vielen Berufsjahren ist das jeden Donnerstag aufs Neue ein Roulettespiel: Klappt's oder klappt's nicht?", sagt Papenhoff. Fehleinschätzungen sind Teil des Spiels: So konnte sie sich nicht vorstellen, dass irgendjemand das Ehedrama "Kramer gegen Kramer" mit Dustin Hoffman und Meryl Streep sehen wollte. Der dann mit fünf Oscars prämierte Film lief erst mit sechs Wochen Verspätung. Und die Kinderfilmbeauftragte Rosslenbroich fand den ersten Pokémon-Trickfilm "sooo furchtbar", dass sie ihn auf gar keinen Fall zeigen wollte. Da hatte sie mit ihrer Schwester "Stress", erinnert sich Rosslenbroich. Sonderlich häufig kam das nicht vor, dafür ist das Verhältnis der beiden zu eng, sind die Aufgabengebiete zu klar abgegrenzt, und bei allen Unterschieden liegen sie beim Filmgeschmack meist auf einer Linie.

Mit Hape Kerkelings Kleinstadtklamauk "Samba in Mettmann" verbinden Margarete Papenhoff und Gabriele Rosslenbroich besonders schöne Erinnerungen. Sie durften Anfang 2004 die Premiere des Films ausrichten. "Da haben wir hier Berlin gespielt", sagt Papenhoff. Roter Teppich, das Haus bunt angestrahlt, die Vorfahrt der Gäste wurde live in die Kinos übertragen, das Filmteam hatte sich zuvor ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. In Mettmann war der Film, in dem auch einige Bewohner auftreten, ein großer Erfolg. "Wir hatten die besten Besucherzahlen Deutschlands - einmal im Leben."

Kürzlich wollte eine Kundin die beiden Kinobetreiberinnen aus Dank sogar umarmen

Margarete Papenhoff ist der Kontakt zu ihrem Publikum wichtig. Sie muss den Leuten nahe sein, um zu spüren, was sie sehen wollen. Wer sich nur im Büro verschanzt, bekommt nicht mit, worüber die Leute reden. In den letzten Wochen wurde nun Papenhoff selbst zum Gesprächsthema. Die Mettmanner realisieren, dass hier gerade eine Ära zu Ende geht. Sie versucht, die Fassung zu bewahren, aber neulich kam ein Stammkunde mit einer Flasche Champagner ins Kino und wollte mit ihr anstoßen. Und am selben Tag wollte sich eine Kundin für die vielen schönen Stunden bedanken und fragte, ob sie Papenhoff einmal in den Arm nehmen dürfe. Sie durfte. "Ich könnte jetzt noch heulen."

Das Kino kam 1907 mit der Kirmes nach Mettmann und zog dann im Schützenhof ein.

(Foto: Giorgio Morra)

Vor der Übergabe und einer längeren Renovierungspause können die Mettmanner am 31. Juni und 1. Juli gegen einen Obolus noch ein Stück Weltspiegel mit nach Hause nehmen: einen Stuhl, einen Standaschenbecher, ein Filmplakat. Am Tag zuvor zeigen die Schwestern "Ice Age 5" in Dauerschleife. Keiner ihrer Lieblingsfilme, aber einer für die ganze Familie. Der Eintritt ist frei - ein letztes Dankeschön an die treuen Kinogänger.

Es wird auch der letzte Arbeitstag für den Weißhaarigen mit Strickjacke aus dem Kinofoyer sein. "Herr von de Fenn ist schon länger da, als wir auf der Welt sind", sagt Margarete Papenhoff. Angefangen hat der Filmvorführer 1948, als "Wochenschau-Junge", der die Filmrolle mit der Nachrichtensendung von dem Kino, das die Rosslenbroichs damals betrieben, zu Fuß durch die Stadt in das andere trug. In dem einen lief die Wochenschau vor dem Hauptfilm, in dem anderen im Anschluss.

Knapp 70 Jahre sind seitdem vergangen. Manfred von de Fenn ist in seinem Hauptberuf als Vertriebsleiter längst in Rente, aber an ruhigen Tagen oder bei Schulvorstellungen ist er immer noch zur Stelle. "Wir sind Menschen, die treu sind, und würden es nicht übers Herz bringen zu sagen: Du brauchst jetzt nicht mehr zu kommen", sagt Papenhoff. Als die Schwestern vor knapp vier Monaten ihre Mitarbeiter über die Schließung informierten und damit einmal doch gezwungen waren, gegen ihre Prinzipien zu handeln, versagte Margarete Papenhoff die Stimme. "Es war Ende", sagt sie.