Familie Tchibo will Kinderkleidung verleihen

Kleidung abzugeben: In den ersten Jahren sortieren Eltern ständig aus, weil Hosen und Pullover oft nur ein paar Wochen in Gebrauch sind. Die Frage ist: wohin damit?

(Foto: Catherina Hess)

Mit den Kindern wachsen die Altkleiderberge und die Frage, wie man das Zeug wieder los wird. Man könnte die Kleidung auch vermieten, glauben inzwischen einige Firmen. Aber kann das funktionieren?

Von Carolin Wahnbaeck

Sophies Schneeanzug ist zu klein. Ein neuer muss her. Der zweite schon in diesem Winter. Und der alte? Ab in den Keller. Nur: Da stapeln sich schon fünf Kartons mit Babybodys, ersten Sommerkleidchen und mit dem vorletzten Schneeanzug. Einmal abgesehen vom Platzproblem: Die Klamotten werden mit zunehmender Lagerung weder besser noch modischer. Also wohin damit?

Wegwerfen fühlt sich falsch an. Die meisten Sachen sind noch gut, und sie atmen das Glück vergangener Kindertage. Das karierte Sommerkleidchen, das Sophie am ersten Geburtstag trug. Die Wollmütze, die ihr so gut stand. Wegwerfen? Schöner wäre, wenn sich jemand anderes daran erfreuen würde. So denken viele Eltern: Keine andere Gruppe verleiht, verkauft oder verschenkt so viel Kleidung wie sie, das hat eine Greenpeace-Umfrage ergeben. Etwa 80 Prozent der Mütter haben - gegenüber 13 Prozent der Jugendlichen - keine Scheu vor gebrauchten Dingen.

Man kann die Leihklamotten jederzeit zurückgeben - ungewaschen und sogar kaputt

Das Problem dabei ist nur: Sachen loswerden ist gar nicht so einfach. Die Verwandtschaft sucht sich aus dem Kleiderberg mit spitzen Fingern nur die drei schönsten Stücke raus. Und vom Flohmarkt kommt man oft genug mit der Hälfte wieder zurück. Natürlich gehörte man gerne zu den Secondhandprofis, die ihre Stücke, liebevoll fotografiert, gewinnbringend im Internet auf Ebay-Kleinanzeigen oder in Foren wie Mamikreisel oder Momox absetzen. Tatsächlich aber fährt manch eine frustrierte Mutter nach dem erfolglosen Flohmarkttag dann doch die Schleife über den Wertstoffhof und versenkt alles in der Altkleidertonne.

Wie wäre es, wenn man Kinderklamotten mühelos weitergeben könnte, damit ein anderes Kind sie trägt? Genau das will die Firma Tchibo künftig anbieten. Der bei Eltern vor allem wegen seiner Kinderkleidung beliebte Händler baut zusammen mit der Start-up-Firma Kilenda einen Mietservice für Kinderkleidung auf. Vom 23. Januar an kann man unter tchibo-share.de einen Teil des Kinderklamotten-Sortiments leihen statt kaufen - für monatlich etwa ein Fünftel des Kaufpreises. Der Babybody - etwa mit Zoodruck aus der aktuellen Kollektion - kriegt man dann für einen Euro im Monat statt gekauft im Dreierpack für 14,99; den Pyjama für 1,60 Euro statt 12,99, die Kapuzen-Fleecejacke für zwei Euro statt 17,99.

Tchibo leitet dabei zunächst mal ein Umweltgedanke. In einer Branche, die wegen ihrer schmutzigen Produktionsbedingungen zuletzt stark in der Kritik stand, bemüht sich das Unternehmen wie viele andere Firmen auch um einen nachhaltigeren Ansatz. "Wir wollen die Kleidung im Kreislauf halten. Das spart den Kunden Zeit, Geld und Platz - und schont Ressourcen", sagt Sandra Coy, Sprecherin bei Tchibo. Der Service richtet sich also an umweltbewusste Kunden, aber auch an solche, die vielleicht keine Muße haben, wochenendenlang auf Flohmärkten rumzustehen, die also den Service schätzen. Man kann die Sachen nach einem Monat Mietzeit jederzeit einzeln zurückschicken, und zwar auch ungewaschen und sogar kaputt. Tchibo übernimmt das Risiko. "Wir wollen der berufstätigen Mutter die Arbeit abnehmen", sagt Coy. Geld spart man mit dem Angebot dafür nur bei wirklich kurzer Mietzeit. Monatlich vier Euro kostet etwa die geliehene Allwetterjacke - nach einer Mietsaison landet man da schnell beim Ladenpreis von 29,95 Euro. Dafür darf man sie, ist der Kaufpreis einmal erreicht, aber auch behalten.

Schluss also mit Wäschebergen, vollgestopften Altkleiderkisten, anstrengenden Flohmarkttagen, wenn wir nur leihen statt besitzen? "Weg vom Besitz - das entschlackt den Alltag und schont Ressourcen", sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin von Greenpeace. "Tchibo packt die Kunden beim Komfort", lobt sie, vielleicht könne es so wirklich gelingen, Menschen zu einem anderen Konsumverhalten zu bewegen. Immerhin leihen wir bereits selbstverständlich Bücher, streamen Musik, mieten Autos oder Bohrmaschinen. Nun komme vielleicht auch Schwung in den Klamottenverleih, hofft Brodde.