Familie & Partnerschaft Jeder sucht seinen Weg durch die Trauer

Vier schöne Jahre. Vier kurze Jahre. Alle lieben Amelie und Luisa. Und Amelie und Luisa lieben die Mutter, auch sie sagen: Mama. Dann wuchert der Krebs.

Nach dem Tod der Mutter fällt Sarah in ein Loch. Halt kann ihr eigentlich nur ihr Mann Christian geben, ein großer Kerl mit lachenden Augen, der ihr immer zuhört, auch wenn sie in dieser Zeit lieber schweigt.

Natürlich sind da noch Luisa und Amelie, die Pflegekinder, acht und zehn, die nun alleine bei Sarahs Vater wohnen in dem stillen Haus. Sarah reißt sich zusammen, sie will vor ihnen nicht in Tränen ausbrechen, sie weinen eh schon genug. Also versucht sie, die Starke zu sein: für die Kinder einkaufen gehen, bügeln, kochen. Jeder sucht seinen Weg durch die Trauer. Der Vater schweigt, die Mädchen weinen, Sarah funktioniert irgendwie. Sie nimmt zehn Kilo ab in zwölf Wochen.

Patchwork-Familien brauchen sehr viel Zeit

Niemand will die böse Stiefmutter sein: Wenn sich Vater oder Mutter nach einer Trennung verlieben, muss der neue Partner auch das Herz der Kinder erobern. Keine leichte Aufgabe. Wie es trotzdem gelingen kann, erklärt Mediatorin Monika Czernin im Interview. Von Katja Schnitzler mehr ...

Zwei Monate später meldet sich das Jugendamt, die Kinder brauchen eine Familie, eine ganze Familie, mit Mutter. Zu den leiblichen Eltern der Mädchen gibt es keinen Kontakt. Aber mit einer neuen Familie wird es auch schwierig, sagt das Jugendamt. Pflegeeltern wollen niedliche Kinder. Keine Mädchen in der Pubertät.

Am Anfang war das mit der Verantwortung ungewohnt. "Glaubst du, wir schaffen das?"

Drei Tage redet Sarah mit ihrem Mann, auch über ihre Familienplanung. Natürlich möchten sie irgendwann mal eigene Kinder. Aber das will ich jetzt für Mama machen, sagt sie schließlich. Also schreiben sie Anträge für die Pflegeelternschaft, besuchen Infoabende, ackern sich durch Unterlagen, verfassen Lebensberichte, beantragen das polizeiliche Führungszeugnis, besorgen ärztliche Atteste, um sämtliche Auflagen des Jugendamts zu erfüllen. Auf einem Seminar für Pflegeeltern spürt Sarah die Blicke der anderen Teilnehmer. Sie ist 27 Jahre alt, die Mädchen könnten ihre Schwestern sein. Wie soll das gehen?

Im Juni 2013 hält ein Auto vom Jugendamt vor dem Haus, auf der Rückbank die Mädchen, im Kofferraum viele Taschen. In den Wochen zuvor haben Sarah und Christian zwei Zimmer ausgeräumt und gestrichen, das eine lila, das andere mintgrün. Sie verschrauben Bretter und Verstrebungen zu Betten. Auf die Nachtschränke stellen sie Lampen und Wecker mit Ziffernblättern groß wie Untertassen. Das Haus verwandelt sich: ein neuer Esszimmertisch für sechs Personen, acht neue Kochbücher, dazu Kochtöpfe in Eimer-Größe, in der Garage bunte Roller und Mountainbikes. Am Ende tragen sie noch ein Trampolin in den Garten.

Als das Jugendamt am Abend wegfährt, macht Sarah Spaghetti Bolognese. Danach zünden sie gemeinsam eine Kerze an, und Luisa und Amelie sagen: Die Mama ist im Himmel. Über was redet man bloß mit Zehnjährigen, fragen sich Sarah und Christian und setzen sich mit ihnen vor den Fernseher. Nachts im Bett fragt sie ihren Mann: Glaubst du, wir schaffen das?