Familie Die Opa-Dads

Alte Väter, kleine Kinder

Als er seine vierte Frau heiratete, war er 54 Jahre, sie 18. Sie bekamen acht Kinder: Alte Väter wie Charlie Chaplin gab es immer. Doch nun steigt ihre Zahl. mehr...

Wenn Frauen jenseits der 35 schwanger werden, gilt das noch immer als Risiko. Väter sind oft viel älter - und keinen stört es. Nun steigt die Zahl der Opa-Dads. Was bedeutet das für die Kinder?

Von Ulrike Heidenreich

Neulich lümmelte Jean Pütz mit Familien-Hase "Lampe" und Töchterlein Julie auf der heimischen Couch und erfreute sich seines Lebens. Die Idylle wurde jäh zerstört - in Form eines Reporters, der hereinplatzte und wortwörtlich diese Frage stellte: "Herr Pütz, hatten Sie Angst, die Einschulung Ihrer Tochter nicht zu erleben?" Dazu muss man wissen, dass Pütz 81 Jahre alt ist, seine Tochter gerade mal sieben. Der "TV-Star" ist laut Bild "der älteste Promi-Vater Deutschlands".

Jean Pütz ist ein lustiger Opatyp mit stattlichem weißen Schnurrbart, den älteren Semestern in Erinnerung durch seinen Einsatz in der Fernseh-"Hobbythek". Auf dem Sofa ließ er sich durch die Frage nicht aus der Ruhe bringen, er zeigte auch keine Spur von Zukunftsangst. "Ich kann noch alles mit ihr machen. Wir fahren Fahrrad und gehen schwimmen", sagte er mit fester Stimme. Schließlich - und das scheint das Glücksgeheimnis dieses eher reifen Vaters zu sein - esse er jeden Tag selbst gemachten probiotischen Joghurt.

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Probiotischer Joghurt. Selbstgemacht. Und dann auch noch so sportlich. Da fleuchen sämtliche Bedenken schnell hinfort. Risiko? Welches Risiko? Jene Gedanken, die sofort hochschießen, wenn zum Beispiel eine erkennbar ältere Frau mit Schwangerschaftsbauch den Weg kreuzt. Weiß die, was sie da tut? Eine Frau, die über 35 Jahre alt ist, gilt ja immer noch als Spätgebärende. Jeder Gynäkologe, jede Gynäkologin kreuzt im Mutterpass bei der Bewertung, ob ein "Schwangerschaftsrisiko" vorliegt, pflichtgetreu "Schwangere über 35 Jahre" an. Ein Zustand, der zwischen Faktoren wie diesen aufgelistet ist: Diabetes, psychische Krankheiten, Fehlbildungen, Bluthochdruck.

Der Bluthochdruck von George Clooney hingegen stand nur kurz zur Debatte, als der Schauspieler und seine Frau Amal (39 Jahre alt!) im Sommer Eltern wurden. "An diesem Morgen haben Amal und George Ella und Alexander Clooney in ihrem Leben willkommen geheißen. Ella, Alexander und Amal sind alle gesund, glücklich und wohlauf", ließ Clooney, zum Zeitpunkt der Geburt 56 Jahre alt, über seinen Sprecher verlauten. Dieser fügte danach grinsend hinzu: "George steht unter Beruhigungsmitteln und sollte sich in ein paar Tagen erholt haben."

Clooney, das versteht sich, ist natürlich ein Prachtexemplar von älterem Vater. Wenn der mal an der Kindergartenpforte steht und die Zwillinge abholt, müssen die sich vermutlich keine blöden Sprüche ihrer Sandkastenkollegen anhören - so wie: "Schau mal, ist das dein Opa?" Und später in der Schule Witze wie: "Jetzt kommt dein Vater schon zum Sterben her."

Fünf Prozent der Neugeborenen haben einen Vater, der älter als 50 Jahre ist

Ältere Väter, zumal wenn sie ein bisschen prominenter sind, erfahren immer große Aufmerksamkeit. Das ist ein Mittelding zwischen dem bewundernden bayerischen "A Hund is er scho"-Spruch und purer Neugier, ob der gute Mann damit nicht total überfordert ist. Während die Leser von Promi-Magazinen ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass eine ältere Mutter es schon irgendwie auf die Reihe bekommt, ein Baby zu wickeln, wird das bei älteren Vätern immer noch wie eine sensationelle Fertigkeit dargestellt.

Ron Wood zum Beispiel, der Rolling Stones-Gitarrist, hat lang und breit in einem Interview berichten dürfen, wie er seine Babys in den Schlaf wiegt und Bäuerchen machen lässt. Das war 2016, kurz nach Woods 69. Geburtstag, Wood zum fünften und sechsten Mal Vater geworden. Auch hier waren es Zwillinge. Dem Vernehmen nach engagierte Wood ein paar Wochen nach dem Interview vier Nannys für Alice Rose und Gracie Jane - damit er nachts wieder in Ruhe schlafen kann. Die Mutter seiner Kinder, eine Theaterproduzentin, war bei der Geburt 38 Jahre alt und seine dritte Frau.

Das Paar Wood bestätigt damit einen Trend, den Soziologen beobachten: Männer trauen sich zunehmend in zweiter oder dritter Ehe, noch einmal Vater zu werden - und wollen dann alles anders und besser machen. In den USA haben Wissenschaftler für sie den Begriff der Start-over-Dads eingeführt: Diese wollen mit sich und dem Thema Familie ins Reine kommen; mit einer jüngeren Frau und einem neuen Baby. Wer gescheiterte Beziehungen auf dem Buckel hat, verfügt über mehr Lebenserfahrung - und ist älter.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen es: In Deutschland ist das Durchschnittsalter der Väter bei der Geburt des ersten Kindes auf 35 Jahre gestiegen. Im Jahr 2000 lag es noch bei 33 Jahren. Hinter diesem Anstieg verbergen sich, so die Statistiker, immer mehr überdurchschnittlich alte Männer - sie treiben den Schnitt in die Höhe.

Fünf Prozent der Neugeborenen haben mittlerweile einen Vater, der die fünfzig überschritten hat. Es gibt für sie eine Bezeichnung: die Opa-Dads. Auch Frauen bekommen bekanntlich immer später ihr erstes Baby. Lag das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1970 im alten Bundesgebiet noch bei 24 Jahren, waren es 1995 schon 28 Jahre. Heute beträgt es 29, bei Akademikerinnen sogar 33 Jahre.