Expertentipps zur Erziehung Können Kleinkinder Konflikte schon alleine lösen?

Im Krabbel- oder Kleinkindalter werden vor allem Einzelkinder erstmals damit konfrontiert, dass ihnen etwas weggenommen wird oder sie geschubst werden. Manche Eltern sind der Meinung, dass müssten die Kinder selbst unter sich ausmachen, um das richtige Verhalten zu lernen. Was halten Sie davon?

Ein- bis Dreijährige haben noch gar nicht die Handlungskompetenz, um das konstruktiv lösen zu können. Sie brauchen die Eltern als Vorbild, die ihnen Vorschläge machen oder Möglichkeiten zeigen, etwa indem die Mutter oder der Vater dem anderen Kind sagt: "Mit diesem Spielzeug hat mein Kind gerade gespielt, es geht nicht, dass du es einfach wegnimmst. Gib es bitte zurück. Aber wenn mein Kind damit fertig gespielt hat, bekommst du es."

Und wenn das andere Kind das eigene schlägt - und umgekehrt?

Alle Kleinkinder zeigen erst einmal aggressives Verhalten, sie beißen, kratzen, ziehen an den Haaren. Diese Handlungen zu kanalisieren, nennt man Erziehung. Da müssen Eltern natürlich eingreifen und vermitteln, dass das nicht akzeptiert wird. Nehmen Sie Augenkontakt auf und sagen Sie dem Kind - auch dem eigenen: "Ich will nicht, dass du das machst. Es wird nicht gebissen oder geschlagen." Dann ist es aber auch wieder gut und die Eltern sollten das Kind nun mit einem konstruktiven Lösungsvorschlag ablenken oder ganz das Thema wechseln. Denn wenn Eltern aus so einem Vorfall eine zu große Sache machen, lernt ein Kleinkind, dass ihm Aggression Aufmerksamkeit einbringt. Besser ist es, klare Grenzen zu setzen und gutes Verhalten zu loben, etwa wenn die Kinder sich mit dem Spielzeug abgewechselt haben. Wer sozial kompetent ist, wird selbstbewusster - und damit seltener zum Opfer.

Helfen Selbstbehauptungskurse weiter, wenn ein Kind dennoch schüchtern bleibt?

Das kommt natürlich sehr auf das Konzept an, ich habe da allerdings meine Zweifel. Falls der Schwerpunkt auf einer rein körperlichen Abwehr liegt, wird den Kindern beigebracht, ihrer Wut nachzugeben, statt andere Wege zu suchen. Das halte ich im Grundschulalter für verkehrt, hier führt es eher zu einer Schulhofprügelei. Das gilt indes nicht für Selbstverteidigungskurse für Jugendliche oder Frauen, die halte ich für sehr sinnvoll. Kinder aber sollten vor allem durch Eltern und Pädagogen den Rücken gestärkt bekommen. Sie sollten ihnen Mut zusprechen, sich in Auseinandersetzungen verbal zu behaupten - wenn die Eltern sie lassen.

Inwiefern?

Heute werden viele Kinder überbehütet. Ihnen wird viel weniger zugemutet, aber damit auch viel weniger zugetraut - das fängt schon mit dem alleine Wiedereinschlafen bei acht Monate alten Babys an, zu dem sie durchaus in der Lage sind. Und es endet damit, dass Kinder überall hingefahren werden und kaum mal allein spielen und entdecken dürfen. Die Eltern meinen es nur gut, doch ihren Kindern schadet es eher, wenn sie zur Unselbständigkeit erzogen werden.

Manche Kinder lassen sich von anderen fast alles gefallen und wegnehmen. Die Aufforderung der Eltern, sich doch zu verteidigen, hilft ihnen auch nicht weiter. Bis diese Kinder nicht mehr zusehen wollen, wie sich dreiste Räuber mit ihrem Lieblingsspielzeug aus dem Staub machen. Die Erziehungs-Kolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn"