Expertentipps zur Erziehung Einsame Eltern, einsame Kinder

Süddeutsche.de: Schlechter Einfluss durch die Freunde ist die eine Sache. Es gibt aber auch Kinder - egal in welchem Alter -, die gar keine Freunde haben. Wie können die Eltern ihnen helfen?

Pothmann: Manche Kinder leiden massiv darunter. Und es gibt andere, denen das weniger ausmacht. Generell sind gute soziale Kontakte natürlich wichtig, egal welches Maß der Einzelne braucht. Allerdings fällt auf, dass oft die Kinder wenige oder keine Freunde haben, deren Eltern auch nur die nötigsten sozialen Kontakte pflegen. Hier spielt das familiäre Vorbild eine sehr große Rolle. Ich rate Eltern, erst mal ihr eigenes soziales Leben aufblühen zu lassen. So lernen Kinder, wie man Freundschaften aufbaut und pflegt.

Süddeutsche.de: Reicht das Vorbild allein aus?

Pothmann: Eltern können ihr Kind zusätzlich unterstützen, indem sie gezielt Aktivitäten mit anderen Kindern organisieren. Es zum Beispiel im Verein anmelden, so dass es andere unabhängig von der Schule kennenlernt. Oder gezielt Kontakte fördern, indem sie Kinder einladen oder gemeinsame Ausflüge machen. Manche werden allerdings durch ihr eigenes Verhalten zum Außenseiter, so dass andere Eltern ihren Nachwuchs nicht mehr zu ihm lassen. Da müssen die Eltern mehr Präsenz zeigen und auch zu den anderen Familien Kontakt aufnehmen, um diese Situation gemeinsam zu lösen. Wenn das alles nichts nützt, können die Kinder zum Beispiel in heilpädagogischen Tagesstätten Sozialverhalten oder therapeutischen Kleingruppen üben. Wenn das alles nicht ausreicht und das Kind sehr unter der Situation leidet, kann auch eine Kinderpsychotherapie helfen.

Süddeutsche.de: Wie wichtig sind Freunde, damit Kinder glücklich sind?

Pothmann: In allen Phasen der Entwicklung ist es entscheidend, eine gute Rolle im sozialen Gefüge zu haben, Anerkennung zu finden und auch Rückmeldungen auf sein Verhalten zu bekommen - selbst negative. Als Schutz vor Krisen ist es immens wichtig, dass sich die Kinder in Freundschaften ausprobieren können, um so ihr Selbstwertgefühl und auch ihre Lebensqualität zu steigern. Zum Lebensglück der Kinder trägt bei, wenn sie von Gleichaltrigen erfahren: So, wie ich bin, bin ich in Ordnung.

Süddeutsche.de: Das gilt dann auch für die Freunde, die die Eltern nicht so gerne sehen?

Pothmann: Da sollten Eltern ihren eigenen Kindern vertrauen und sie darin unterstützen, dass diese auch ihren Freunden klarmachen: Ich mag dich, aber es ist nicht in Ordnung, wie du dich gerade verhältst.

Kinder ohne Freunde sind nicht nur traurige, sondern auch gefährdete Kinder, weiß Dr. Marion Pothmann. Daher hat sie ein Buch "Kinder brauchen Freunde" mit gruppentherapeutischen Übungen veröffentlicht, die Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten helfen, soziale Fertigkeiten zu erwerben - und dann Freundschaften zu knüpfen. Pothmann arbeitet als Leitende Psychologin in der Klinik Hochried in Murnau, einem Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien.

Unser Sohn war brav, anständig und überall gern gesehen. Doch dann lernte er dieses eine Kind kennen: Max. Der war böse, gemein und nirgends gern gesehen - außer bei unserem Sohn. Seitdem werden wir Max nicht mehr los. Hier finden Sie die Erziehungskolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn".